Panel: Stiftungen in mittelalterlichen Gesellschaften

Zeitplan

Raum: Kath Theol IV, Hochparterre, Johannisstraße 8-10
Tag Zeit    
Fr 11:00-11:30 Borgolte Stiftungen. Vergleichende Forschungen in Zeiten der Globalisierung
Fr 11:30-12:00 Sánchez Endowment Culture in Medieval Islam: the Waqf as Total Phenomenon
Fr 12:00-12:30 Lohse Mediävistische Stiftungsforschung am Beginn des 21. Jahrhunderts. Eine interdisziplinäre Standortbestimmung
Fr 12:30-13:30 Mittagspause
Fr 13:30-14:00 Schmiedchen Dotationstypen – Versuch einer Kategorisierung des mittelalterlichen Stiftungswesens in Indien aus vergleichender Perspektive
Fr 14:00-14:30 Chitwood Sach- und Schriftzeugnisse des griechisch-orthodoxen Stiftungswesens in vergleichender Perspektive: Stifterdarstellungen und sozialer Status des Stifters
Fr 14:30-15:00 Olles Verdienst und Tugend – Religiöse Stiftungen im mittelalterlichen China

Panelleiterin:

Annette Schmiedchen

Beschreibung des Panels:

Seit 2012 erforscht an der Humboldt-Universität ein interdisziplinäres Team, das aus einem Byzan­tinisten, einer Indologin, einem Islamwissenschaftler, einem Judaisten und zwei Mediävisten besteht, die Eigenart verschiedener Stiftungskulturen im mittelalterlichen Jahrtausend (ca. 500–1500) und versucht, möglichen Wechselbeziehungen zwischen dem latei­nischen Christentum, der griechischen Orthodoxie, den islamischen Ländern, dem Judentum und der multireligiösen Welt Indiens nachzu­spüren. Ziel des Projekts ist die Erarbeitung einer Enzyklopädie des mittelalterlichen Stiftungswesens.

Anliegen dieses Panels ist es, erste Ergebnisse der einzelnen vertretenen Fächer vorzustellen und aus interkultureller Perspektive zu beleuchten. Während der Ursprung des Projekts im schon relativ gut erforschten europäischen mittelalterlichen Stiftungswesen lag, soll dieses Panel in besonderem Ma­ße die durch die orientalistischen Fächer untersuchten Kulturen in den Blick nehmen. Dabei erhoffen sich die Panelorganisatoren auch Diskussionsimpulse von Vertretern der nicht im Projekt präsenten Disziplinen, wie z. B. der Sinologie.

Die Vorträge werden in deutscher oder englischer Sprache gehalten.

Sektionen:

interdisziplinär

Abstracts der Vorträge:

Borgolte, Michael: Stiftungen. Vergleichende Forschungen in Zeiten der Globalisierung

Im Vordergrund der Globalisierung sowie der davon geprägten Globalgeschichte stehen Beziehungen in weltweiter Vernetzung. Der Methode des Vergleichs kommt gegenüber der Analyse von (kulturel­len) Verflechtungen und Abhängigkeiten in diesem Zusammenhang ein minderer Rang zu. Die kom­parative Methode zielt auf die Erkenntnis unterschiedlicher Formationen sowie ungleichartiger und ungleichzeitiger Prozesse, die völlig unabhängig voneinander ablaufen können; sie gehört eher in den Kontext universaler als globaler Betrachtung. Trotzdem können vergleichende Beobachtungen ähn­licher Phänomene zur Frage verwandter Genesen oder Mutationen führen, die möglicherweise mit Abhängigkeiten und Beeinflussungen gedeutet werden müssen. In einer Zwischenbilanz der inter­kulturell-vergleichenden Erforschung der vormodernen Stiftungskulturen (lateinisch-christliches Westeuropa, griechisch-orthodoxe Welt, Judentum, islamische Welt, multireligiöse Indien und China) sollen die Erträge des Vergleichs abgewogen sowie die Perspektiven neuer beziehungsgeschichtlicher Einsichten in kulturwissenschaftlicher Absicht erörtert werden. Zum zweiten soll das Referat eine erste Bilanz der interdisziplinären Anstrengung der sechs beteiligten Fächer nach einem Jahr ge­mein­samer Arbeit bieten.

Chitwood, Zachary: Sach- und Schriftzeugnisse des griechisch-orthodoxen Stiftungswesens in vergleichender Perspektive: Stifterdarstellungen und sozialer Status des Stifters

Im Vergleich der verschiedenen Kulturen, die die Forschungsobjekte unseres Projekts über das Stiftungs­wesen im Mittelalter bilden, spielt die bildliche Darstellung des Stifters eine wichtige Rolle bei den griechisch-orthodoxen und den lateinischen Christen, eine etwas geringere Rolle hingegen bei den Glaubensanhängern verschiedener Religionen im mittelalterlichen Indien. Die textliche Darstellung des Stifters wiederum war in allen drei Stiftungskulturen von großer Bedeutung. Ziel des Referats ist erstens ein Überblick über die allgemeinen Eigenschaften griechisch-orthodoxer Stifterdarstellungen; zweitens werden die Besonderheiten byzantinischer Stifterdarstellungen und das, was sie über den sozialen Sta­tus des Stifters verraten, im Mittelpunkt stehen. Eine zentrale Fragestellung im Referat wird sein, inwie­weit der byzantinische Fall von entsprechenden Darstellungen in anderen Kulturen abweicht oder ihnen gleicht.

Besonders auffällig ist in Byzanz das Zusammenspiel von Stifterdarstellungen und ihren entsprechenden Stifterinschriften, die oft metrisch geschrieben wurden. Das wissenschaftliche Interesse an diesen ‚Stif­tergedichten‘ ist in den letzten Jahren durch die Veröffentlichung der ersten zwei Bände eines Corpus von byzantinischen Epigrammen in inschriftlicher Überlieferung gefördert worden (Ed. Wolfram Hörand­ner / Andreas Rhoby / Anneliese Paul, Byzantinische Epigramme in inschriftlicher Überlieferung. [Öster­reichische Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse, Denkschriften, Band 374, 408; Veröffentlichungen zur Byzanzforschung, Band 15, 23.] Wien 2009-2010). Natürlich waren solche Gedichte, die in erhabenem Stil verfasst wurden, im Gegensatz zu den dazugehörigen Bildern nur für den Adel und die Gebildeten geeignet. Diese zweifältige Inszenierung des Stifters durch Bild und Text steht in Verbindung mit der postulierten Dichotomie zwischen aristokratischen und nicht-aristokrati­schen Stiftern (Vgl. Catia Galatariotou, Byzantine Ktetorika Typika: a Comparative Study, in: REB 45, 1987, 77–137), da sie fast nur im aristokratischen Kontext vorkommt.

Lohse, Tillmann: Mediävistische Stiftungsforschung am Beginn des 21. Jahrhunderts. Eine interdisziplinäre Stand­ort­bestimmung

Die internationale und interdisziplinäre Forschung zum abendländischen Mittelalter hat seit der Mit­te des 19. Jahrhunderts eine Vielzahl von Publikationen zum lateinisch-christlichen Stiftungswesen in den Jahrhunderten zwischen Spätantike und Reformation hervorgebracht. Dabei standen lange Zeit nicht die Stiftungen selbst im Mittelpunkt des Erkenntnisinteresses; vielmehr wurde anhand von Stiftungen zu allgemeinen Fragen (etwa der Stadt- oder Frömmigkeitsgeschichte) gearbeitet. Eine mediävistische Stiftungsforschung, die in Stiftungen einen Forschungsgegenstand sui generis erblickt, hat sich erst seit den 1970er Jahren allmählich herausgebildet. Sie begreift Stiftungen als „totale soziale Phänomene“ (Marcel Mauss), die alle Bereiche menschlichen Lebens gleichermaßen durch­dringen, und strebt deshalb danach, die ‚sektoriellen‘ Analysen, die seit alters her unter dem Banner der Kirchen-, Rechts-, Sozial- oder Kunstgeschichte betrieben wurden (und bis heute betrieben wer­den), durch transdisziplinäre Zugriffe auf das historische Material zu überwinden. Neben der Nivellie­rung disziplinärer Scheuklappen hat aber noch eine andere Entwicklung der letzten Jahre maßgeblich zur Identitätsbildung der abendländischen Stiftungsforschung beigetragen: das zunehmende Interes­se an interkulturellen Vergleichen, das zu den – bislang schmerzlich vermissten – generalisierenden Synthesen zwingt und so den lange unkritisch gepflegten Hang zur detailversessenen Partikularstudie überwinden hilft. Im Einzelnen gilt es jedoch noch zu klären, inwiefern die an der okzidentalen Über­lieferung erprobten Forschungsstrategien auch für das mittelalterliche Stiftungswesen der ortho­doxen Christen, Juden, Muslime, Brahmanen, Jinisten, Hindus und Buddhisten fruchtbar gemacht werden können und was die Mediävisten von ihren byzantinistischen, judaistischen, islamwissen­schaft­lichen, indologischen und sinologischen Kolleginnen und Kollegen lernen sollten.

Olles, Volker: Verdienst und Tugend – Religiöse Stiftungen im mittelalterlichen China

Ähnlich wie im indischen Kulturkreis ist es in Bezug auf China schwierig, genau zwischen „Stiftung“ und „Schenkung“ zu unterscheiden. Auch der Begriff „Mittelalter“ ist nur mit Einschränkungen auf China anwendbar und wird in der Sinologie meist zur Bezeichnung eines früheren Zeitraums (z. B. 200–600) verwendet. Die Geschichte Chinas ist von religiösem Pluralismus geprägt, wobei die Inter­aktion religiöser Traditionen mit den jeweiligen Herrschern, der staatlichen Verwaltung und Privat­personen auch ein facettenreiches Stiftungswesen hervorgebracht hat, über das bis heute eine Fülle von Sachzeugnissen sowie zahllose epigraphische und in Buchform überlieferte Textquellen Zeugnis ab­legen.

In der chinesischen Geschichte umfasst der Zeitraum von 500 bis 1500 wichtige Dynastien mit mehr oder weniger zentralistischer Verwaltung sowie Phasen der Zersplitterung und Fremdherrschaft. Insbesondere die Tang-Dynastie (618–907) gilt als Blütezeit des chinesischen Reiches und seiner Kultur. In diesem Vortrag soll die Idee des religiösen Verdienstes und ihre Manifestation im Stifter- und Stiftungswesen vorgestellt werden. Im Mittelpunkt stehen dabei der Daoismus und der chinesi­sche Buddhismus und eine Auswahl von Sachzeugnissen aus Südwest-China.

Sánchez, Ignacio: Endowment Culture in Medieval Islam: the Waqf as Total Phenomenon

In the last years the research on pre-Modern Islamic endowments has undergone a notable devel­opment in both quantitative and qualitative terms, in part as a result of the adoption of comparative and intercultural perspectives such as those that inspired the FOUNDMED ERC-Project of the Hum­boldt University. This paper aims at contributing to these discussions by problematising the concept of waqf as total phenomenon and comparing it with cognate notions in other pre-Modern cultures. I shall be looking at the legal definition of Islamic endowments and at the possibilities of approaching it from a diachronic and holistic perspective. I will discuss the problems to evaluate the differences between theory and practice and the historical constraints that might have contributed to shape the concept of waqf in Islamic societies throughout the medieval period.

Schmiedchen, Annette: Dotationstypen – Versuch einer Kategorisierung des mittelalterlichen Stiftungswesens in Indien aus vergleichender Perspektive

Da die Stiftungsforschung in den meisten orientalistischen Fächern noch am Anfang steht, liegen kei­ne elaborierten Typologisierungen vor. Der folgende Versuch einer Systematisierung von Dotations­typen im interkulturellen Vergleich ist daher lediglich als Entwurf zur Bildung von Kategorien und zu deren Ordnung zu verstehen. Jede konkrete Stiftung stellte selbstverständlich eine Kombination verschiedener Typen dar. Die gewählten Kriterien Stiftungszweck und Organisationsform, Stiftungs­vermögen, sozialer Status des Stifters und Stiftungstopographie stellen die ‚Parameter‘ dar, die am besten geeignet erscheinen, mittelalterliche Stiftun­gen als komplexe soziale Phänomene zu erfassen. Klassifizierungen nach Zweck, Organisations­form, Vermögen und Stifterstatus werden ansatzweise bereits in den mittelalterlichen Quellen reflektiert. Dies gilt nicht für das Kriterium der Topographie. Naheliegend ist eine solche Typologie aus Forschungssicht jedoch angesichts der begründeten Ver­mutung, dass sich Stiftungen auf dem Land von denen in der Stadt ebenso unterschieden wie Dota­tionen im Reichszentrum von denen an der Peripherie.

Die mittelalterlichen Ansätze zur Klassifizierung brachten keine systematischen Typologien hervor, prägten aber Begriffe für besonders markante Stiftungsformen, die in – mitunter planlos wirkenden – Aneinanderreihungen verschiedenster Typen anzutreffen sind. Bei der Auswertung dieser Aufzählun­gen ist zu berücksichtigen, dass oft zwischen Schenkungen und Stiftungen nicht hinreichend differen­ziert wird. Im indischen Bereich beispielsweise findet meist unterschiedslos der Begriff dāna Verwen­dung. So heißt es in der inschriftlichen Beschreibung des Rāṣṭrakūta-Königs Indra III., der im 10. Jahr­hundert in Zentralindien herrschte, dieser habe sich „dem vielfältigen und umfangreichen Geben von Kuhgaben, Landgaben, Goldgaben usw. gewidmet“ (godāna-bhūmidāna-kanakadānādy-anekānūna­dāna-parāyaṇa). Dessen Sohn Govinda IV. wiederum berichtete, er habe Landgaben (pṛthivīdāna), Wissensgaben (vidyādāna), Speisegaben (āhāradāna), ‚Wunschbaumgaben‘ (kalpavṛkṣadāna) und Medizingaben (bhaiṣajyadāna) gewährt.