Panel: Privat-öffentlich-virtuell-imaginär: Soziale Ordnungen des Raums im Wandel

Zeitplan

Raum: F 229, 2. OG, Fürstenberghaus

Das Panel fand nicht statt.

Tag Zeit    
Di 09:00-09:30 Ateia Ägypten: Postrevolutionäre Prozesse, Ordnungs- und Bedrohungsszenarien am Tahrir-Platz und im privaten Raum
Di 09:30-10:00 Fehlings Das armenische Haus und der Rest der Welt
Di 10:00-10:30 Krebs Das Verschwinden der Höfe
Di 10:30-11:00 Pause
Di 11:00-11:30 Conrad Die Wiedererweckung der Hängenden Gärten, oder der Garten als Lebenskonzept
Di 11:30-12:00 Voell Schreine und Kirchen als Einschreibungen in einen neuen Raum: Migranten aus Swanetien im Süden Georgiens
Di 12:00-12:30 Voswinckel Sufismus in Istanbul. Eine Lokalstudie zum Wandel heiliger Orte im Stadtraum im Zusammenhang mit der Restaurierungs- und Baupolitik der AKP-Regierung

Panelleiter:

Susanne Fehlings, Melanie Krebs, Madlen Pilz

Moderation:

Madlen Pilz

Beschreibung des Panels:

Die Frage nach regional unterschiedlichen Vorstellungen von innen und außen, öffentlichen und privaten Räumen ist schon häufig gestellt worden. Dabei richtet sich der Focus von Wissenschaftlern häufig auf vermeintlich traditionelle Stadtviertel, Wohn- und Hausstrukturen. In diesem Panel soll es um die Frage gehen, wie Vorstellungen und Nutzungsweisen von öffentlichen und privaten Räumen in gesellschaftlichen Transformationsprozessen neu bestimmt, aufgelöst oder bestärkt werden. Dabei können sowohl Altstädte als auch Neubauviertel, zentrale Plätze oder Viertel an der urbanen Peripherie, aber auch Vorstellungen von Öffentlichkeit und Privatsphäre im virtuellen Raum untersucht werden.

Sektionen:

interdisziplinär

Abstracts der Vorträge:

Ateia, Nora: Ägypten: Postrevolutionäre Prozesse, Ordnungs- und Bedrohungsszenarien am Tahrir-Platz und im privaten Raum

Im Fokus der Fragestellung zum Wandel des Raums im Zuge postrevolutionärer Transformationsprozesse in Ägypten steht die Reflexion, welche Prozesse den Ort Tahrir-Platz (MīdÁn al-TaÎrÐr) sowie den Raum des alltäglichen Lebens, besonders das Zuhause und die dort stattfindenden Interaktionen beeinflussen und in welcher Form sie dies tun. Denn beides sind Räume, die sich seit dem Beginn der `Revolution´ immer wieder verändert haben. In wieweit kann dabei von einer veränderten Ordnung die Rede sein und in wieweit spielen Bedrohungsszenarien, die sich am Tahrir manifestieren, eine Rolle bei der Aushandlung neuer Ordnungen in Ägypten? Wie wirken sich diese Aushandlungen auf den privaten Raum der Akteure aus?
Seit Beginn der Unruhen in Ägypten bis zum heutigen Tage, haben unterschiedliche Akteure, zumeist durch verschieden zu charakterisierende Arten von Protest (Vgl. della Porta/Diani 2006: 165), den Raum und seine Atmosphäre durch die damit verknüpften Gesinnungen und (politischen) Forderungen geprägt. So wurde der Tahrir von ganz unterschiedlichen Akteuren unterschiedlichster Gesinnungen und Intentionen „besiedelt“, die so den schillernden Charakter dieses Platzes prägten. Gleichzeitig haben sich die heimischen Interaktionen der durch die Proteste geprägten Akteure verändert. Diese protestierenden Akteure (Untersuchungsgegenstand sind dabei vornehmlich die Revolutionäre (al-×ÙwÁr)), haben in ihrer eigenen, sich generierenden sozialen Welt des Protestes eine kollektive Identität geschaffen (z.B. Melucci 2004). Dabei haben sie auch selbst eine Protestler-Identität angenommen (Vgl. Ateia 2013). Durch ihre sich gewandelte Identität wurden auch die Interaktionen, Gewohnheiten und Sitten beeinflusst (Vgl. Ateia 2013 und Strauss 1968).

Conrad, Heiko: Die Wiedererweckung der Hängenden Gärten, oder der Garten als Lebenskonzept

Das Lebenskonzept des Gartens scheint zum Grundkonzept der menschlichen Kultur zu gehören. Das erste menschliche Paar lebte im Garten. Der Garten, von Gott gepflanzt, bestand schon, als der Mensch geschaffen wurde (Genesis, 2, 8).
Und fortan begleitet die Kreation von Gärten die Schaffung von Reichen und Herrschaften, bildet gleichsam deren parallele Ausdrucksform.
Auch ist zu prüfen, inwieweit die Sehnsucht eines Lebens im Garten originär „orientalischen“ Ursprungs ist.

Der Garten als Gegenkonzept zur Grundauffassung des Lebens als Kampf, Polemik und Wille zur Macht, materiell wie ideell, politisch wie philosophisch, soll erstens in seiner Geschichte, zweitens in seinen aktuellen Möglichkeiten das Thema des Vortrags bilden. In einem dritten Schritt soll das Konzept konkret am Beispiel Gestalt annehmen, indem die Idee der Hängenden Gärten aufgegriffen und an einem adäquaten Ort originell umgesetzt wird.

Im folgenden soll in aller  Kürze die Projektüberlegung eines Hängenden Gartens im Zentrum Jerewans als Gestaltung der brachliegenden Seitenflächen der „Kaskade“ vorgestellt werden.

Armenien ist in besonderer Weise ein Zusammenleben von Gegenwart und Geschichte. Die Identität des Volkes greift weit zurück. Aus verschiedenen Wanderungswellen und mehreren Elementen hat sich Volk, Selbstbewußtsein und besondere Charakter des Landes gebildet. Und die großen Eroberernationen haben das Land in Wellen eingenommen und durchzogen -  und das Volk wieder in Wellen in die Welt zurück gestoßen. Doch was von der Geschichte bleibt ist der Mythos. Und der beginnt früh. Armenien ist eines der Länder der Bibel. Hier hat sich die Arche niedergelassen. Und vielleicht war auch der Paradiesgarten selbst hier. Schon etwas greifbarer ist die Geschichte des Volksgründers Hayk bei Movses Xorenaci. Und für den Zusammenhang besonders interessant ist die Geschichte der Šamiram. Vielleicht hat Šamiram Babylon erbaut. Gemäß Movses Xorenaci war sie aber auch ein Drittel des Jahres, während der heißen Sommermonate, in Armenien und hat auch hier eine Stadt errichtet. – Und der Legende nach gehen auch die Hängenden Gärten auf sie zurück.

Die Architektur der Kaskade ist ein Miteinander von Steinterrasse und Garten. Die Seitenflächen der Anlage in Gärten umzuwandeln würde der Gesamtanlage eine Harmonie verleihen, die bisher fehlt. Der Architektur entsprechend ließe sich sich hier ein Terrassengarten errichten, der versucht, die Assoziation der Hängenden Gärten von Babylon bewußt aufzunehmen und eine Gartenanlage origineller Art zu schaffen.

Die Gestaltung des Gartens als Šamiramgärten (hängende Gärten):

Mit der Anlage eines Gartens links und rechts der „Kaskade“ wird zugleich der Gedanke A. Tamanyans aufgegriffen, der die Kaskade im Rahmen seines Plans Erevans als „Gartenstadt“ wohl noch stärker als grüne Kaskade, verbunden mit Wasserfällen gedacht hatte. Zudem wäre es eine Referenz an den früher hier bereits vorhandenen Park. – Der Garten sollte die Monumentalität und Einheit der Stufenanlage aufnehmen und zugleich auflösen. Niedrigwachsende Bäume und verschiedene Sträucher werden in Terrassen nch oben geführt, so dass der Terrasseneindruck allein durch die Bepflanzung wiedergegeben wird. Bäume und Sträucher werden, neben dem Vegetationscharakter, nach Farben ausgesucht und so kombiniert, dass sich zu beiden Seiten der Kaskade ein etwa gleicher Charakter und ähnliches Farbenspiel ergibt. Dazu werden Bäume und Sträucher nach ihren Blühperioden gewählt, so dass sich, nach Art eines Feuerwerkes, Farben und Formen vom Frühjahr bis zum Herbst abwechseln. Die Pflanzen werden nach einem ausgewogenen Grundkonzept gepflanzt – wobei anfangs so sparsam gepflanzt wird, dass die Möglichkeit zu Erweiterungen in den nächsten Jahren offen gelassen wird. Während die bestehende Gartenanlage beschnitten wird, sollten die Šamiramgärten in ihrer Natürlichkeit belassen werden.

Strukturbildend sind sowohl vertikal wachsende Gehölze, die auf Terrassen gepflanzt werden, als auch rankende Gehölze, die an Terrassenmauern hochranken. Es werden vorwiegend Pflanzen verwendet, die in Armenien heimisch sind. Hierzu gehören die Aprikose, der Pfirsich, der Eisenholzbaum (Ironwood tree – Parrotia persica) sowie der kaukasische Rhododendron (Caucasian rhododendron – Rhododendron caucasicum).

Harmonische Blühaspekte ergeben zu jeder Jahreszeit ein neues und überzeugendes Bild. Um eine Fernwirkung zu erzeugen, werden kleinere Blühgehölze in Gruppen gepflanzt.

Das einheimische Pflanzensortiment wird u.a. ergänzt durch Kupferfelsenbirnen (Juneberry – Amelancier lamarckii), Schmetterlingssträucher (Buddleia – Buddleia davidii), den Eibisch (Marschmallow – Althaea officinalis)und die Zaubernuß (Witch hasel – Hamamelis virginiana). Als kletternde Gehölze kommen Weinreben (grapevine – vitis vinifera) Klettertrompete (hummingbird vine – Campsis radicans), die Kletterhortensie (Hydrangea) zur Geltung.

Symbolik und Bedeutung:

Die Kaskade transportiert in ihrer Anlage Schönheit der Form, Monumentalität – darüber hinaus aber auch eine allgemeinreligiöse Symbolik, indem sie am Monument, einem Obelisk mit dem eingravierten Ewigkeitssymbol endet. Stufenpyramiden waren über Jahrtausende und über die Kontinente hinweg zwischen Himmel und Erde befindliche Orte der Gottesverehrung. Der Garten wiederum vermittelt in seiner Grund- und Natursymbolik zunächst das Miteinander von Entstehen und Verwandlung, Kontinuität und Vergänglichkeit.  Verschiedene Pflanzen und Früchte haben, neben der allgemeinen, in Armenien zum Teil eine besondere Symbolik. Diese sollten ihrer Bedeutung entsprechend in den Šamiramgärten auch ein besonderes Gewicht haben. Noah, der nach der Sintflut mit der Arche im Land Ararat landete, war der erste, der den Wein kultivierte. Der Weinstock ist als Lebenssymbol zugleich mit dem Kreuz Christi verbunden, das in der armenischen Ikonographie oft zum Weinstock und Lebensbaum und Symbol der Auferstehung wird. Der Granatapfel als Symbol der Liebe ist in Armenien verinnerlicht und begegnet in allen Formen der Kunst. Die Aprikose ist nahezu ein ntionales Symbold der Armenier. Ebenso ist der Maulbeerbaum früher wie heute, in den Gärten wie in der Poesie nicht wegzudenken.

Weiterführende Aspekte:

Neben der praktischen Harmonisierung der monumentalen Anlage in Jerewan und den kulturell-philosophischen Aspekten des Gartens hätte die Anlage noch weitere Möglichkeiten. Sie könnte ein Harmonisierungsmoment der Gesellschaft werden, wo unter dem Recht der menschlichen Gestaltung an das Vorrecht der Natur gegenüber Ökonomie und Profit erinnert wird, wo unter der Schirmherrschaft von Garten- und LandschaftsarchitektInnen Schulkinder, NGOs und Regierungsverantwortliche mitwirken, politische Gäste Bäume, oder ausgewählte Gewächse pflanzen.

Diese unterschiedlichen Aspekte des Gartens, theoretisch und praktisch, sollen also das Thema des Vortrages bilden und den Garten als Brücke von Natur und Kultur als friedliche und eigentliche Lebensform des Menschen zeigen.

Fehlings, Susanne: Das armenische Haus und der Rest der Welt

Die im Vergleich zum armenischen Haus (tun) als roh erscheinende Außenwelt beginnt direkt vor der Haustüre. 

Während Frauen sich sehr viel im tun aufhalten, verbringen (v.a. junge) Männer ihre Zeit und Freizeit im öffentlichen Raum.

Der „öffentliche Raum“ setzt sich aus verschiedenen Teilräumen zusammen. Man spricht nie vom „öffentlichen Raum“ im Sinne eines Sammelbegriffs, sondern präzisiert stattdessen die Räume, die sich mitunter entsprechend der Intensität und Intimität der dort repräsentierten Beziehungen klassifizieren lassen (s.o.).

Gleichzeitig werden alle Räume von den Bewohnern Jerewans im Gegensatz zum tun (Haus) konzeptualisiert. Das private „einschließende Haus“ wird also indirekt mitgedacht, wenn man von anderen (öffentlichen) Räumen spricht, die an ihm gemessen werden. In dieser Hinsicht hilft die Beschreibung der „öffentlichen Gegenräume“ bei der Definierung des „einschließenden Hauses“ und vice versa. Die Qualität der am tun gemessenen Werte, das heißt v.a. die Qualität und Intimität der in den Räumen repräsentierten sozialen Beziehungen, die eine Garantie für die Einhaltung anderer Werte sind, bestimmten den Platz eines Raumes in der Wertehierarchie in Relation zum tun.

Die Räume, die in vielerlei Hinsicht dem tun am nächsten stehen – und dennoch als sein Gegenteil betrachtet werden – sind dabei der Hof, die Nachbarschaft und das Viertel. Ich werde mich bemühen, diese drei Räume ausführlich zu beschreiben. Dabei geht es mir v.a. darum, die in den einzelnen Räumen verkörperten sozialen und kulturellen Werte und ihr Verhältnis zum „einschließenden Haus“ darzulegen. Ich beginne dazu mit einer Beschreibung der jeweiligen physischen Räume, und gehe dann zur sozialen und kulturellen Dimension über.

Krebs, Melanie: Das Verschwinden der Höfe

Sowjetische Stadtplanung veränderte vor allem in den Jahren nach dem 2. Weltkrieg das alltägliche Lebensumfeld der Bewohner kaukasischer und zentralasiatischer Städte erheblich. Das Leben in sowjetischen Wohnblocks wurde für viele zum Alltag. Die Höfe zwischen den Wohnblocks waren als Treffpunkte der Nachbarschaft, zur Erholung, aber auch als Orte nachbarschaftlicher Kontrolle konzipiert und auch entsprechend genutzt. In den ersten Jahren der Unabhängigkeit vieler post-sowjetischer Staaten wurden aus den ursprünglich gemeinschaftlich genutzten Orten häufig parzellierte Flächen mit zum Überleben nötigen Gärten. Heute verändert in Städten wie Baku nicht nur der Abriss ganzer sowjetischer Viertel und der Neubau von Hochhäusern an ihrer Stelle die Struktur der Höfe, sondern auch noch existierende Höfe werden häufig als Parkplatz genutzt und das nachbarschaftliche Leben entweder in die privaten Wohnungen oder in die größere Öffentlichkeit nahegelegener Parks verdrängt. Am Beispiel von Baku soll untersucht werden, welche Veränderungen mit diesem Verschwinden eines semi-öffentlichen Raumes einhergehen. Wie verändern sich soziale Netzwerke in Nachbarschaften und welche neuen Vorstellungen von „fremd“ und „eigen“, „privat“ und „öffentlich“ entstehen?

Allgemeiner soll die Frage diskutiert werden, wie sich Räume zwischen privat und öffentlich überhaupt definieren und erforschen lassen. Welche Rolle nimmt der_die Forschende als Fremde_r in diesem Forschungsfeld ein?

Voell, Stéphane: Schreine und Kirchen als Einschreibungen in einen neuen Raum: Migranten aus Swanetien im Süden Georgiens

Der Kaukasus war in den letzten Jahrhunderten geprägt von steten unfreiwilligen und freiwilligen Umsiedlungs- und Migrationsprozessen verschiedener Gruppen. Lokale Konzeptionalisierungen von Raum und Ort werden durch diese Umsiedlungen stets neu erschaffen. Vielerorts stecken Neuankömmlinge ihren neuen Lebensraum nachdrücklich ab und verräumlichen sich auch in Konflikten mit ortsansässigen Gruppen, aber auch durch Narrationen und Bedeutungszuschreibungen, die den neuen Ort in das eigene Geschichtsbild einbetten.
Diese Prozesse will ich am Beispiel der religiösen Praktiken von Swanen in Kvemo Kartli diskutieren. In den letzten zwanzig Jahren siedelten Swanen aus dem georgischen Hochland aus verschiedenen Gründen in die sehr heterogene Tieflandregion Kvemo Kartli um. Ich diskutiere Schreine und orthodoxe Kirchen als Schauplätze der Strategien zur Verräumlichung: Swanen schreiben sich mit Schreinen und Kirchen in einem multiethnischen und multireligiösen Umfeld ein, häufig begleitet von Konflikten mit den ihren Nachbarn in Südgeorgien.
Die Dynamik und die Relevanz von Bedeutungszuschreibungen zu Schreinen und Kirchen will ich mittels dreier Begrifflichkeiten beschreiben: Mit Konstituierungen des Orts bezeichne ich historische und aktuelle Rahmenbedingungen der Einschreibungsprozesse. Konstruktionen des Orts beziehen sich auf das Zuweisen von Bedeutungen und Wertigkeiten von unterschiedlichen Seiten. Schließlich verweisen Kontroversen um den Ort auf Machtverhältnisse um und an dem Ort bzw. die Möglichkeit der politischen Instrumentalisierung des Ortes.

Voswinckel, Esther: Sufismus in Istanbul. Eine Lokalstudie zum Wandel heiliger Orte im Stadtraum im Zusammenhang mit der Restaurierungs- und Baupolitik der AKP-Regierung

Über die “neo-osmanische” Agenda der AKP-Regierung sowie über die Gentrifizierung Istanbuler Altstadtviertel gibt es bereits zahlreiche Studien sowie eine breite mediale Berichterstattung. Kaum
beachtet wird jedoch bisher, dass unter der Istanbuler AKP-Regierung die Konvente und Heiligengräber der Sufis, welche Staatsgründer Atatürk 1925 im Rahmen umfassender Säkularisierungsmaßnahmen schließen und verbieten ließ, wieder aufgebaut und wiedereröffnet werden. Während heilige Orte der Sufis derzeit in Mali und Ägypten von Salafisten zerstört werden,
geschieht in Istanbul das Gegenteil: die Revitalisierung der osmanischen Sufi-Tradition in neuer Form.
Vor der Schließung der Sufi-Konvente 1925 gab es allein in Istanbul über 300 Sufi-Ordenshäuser und an die 1000 Sufi-Heiligengräber. Nach dem rigorosen Verbot der Orden und der Schließung
ihrer Sakralstätten zog sich das Sufi-Milieu in den Untergrund zurück; ein Großteil der Stätten der Sufis wurde über die Jahrzehnte zerstört. Das rituelle Wissen um die komplexe sakrale Geographie
der Istanbuler Sufi-Heiligen wurde die letzten 90 Jahre über weitgehend mündlich, im Bereich des Privaten und Geheimen, tradiert.
Seit 2010 betreibt die Istanbuler AKP-Regierung ein umfassendes Restaurierungsprogramm der Stätten der Sufis anhand von alten Fotos, archäologischen Funden und Zeitzeugenberichten. Die
Istanbuler Sufi-Tradition wird baulich rekonstruiert und die beabsichtigte damnatio memoriae durch die kemalistischen Republiksgründer wird rückgängig gemacht – obwohl das Verbot der Sufi-
Orden immer noch gültig ist.
Dieser höchst vielschichtige Prozess des neuen Sichtbarwerdens der Stätten der Sufis und der (Re-)Materialisierung einer über 90 Jahre im Geheimen tradierten Erinnerungskultur im städtischen
Raum soll anhand aktueller ethnographischer Fallbeispiele aus der Feldforschung von Esther Voswinckel beleuchtet werden.