Panel: Muslime und Eigentum: Handlungsweisen und -wirkungen im Zusammenhang mit Eigentum und Vermögen: Religiöse Grundlagen und soziale Bedeutung für Muslime in Mehrheits- und Minderheitskontexten

Zeitplan

Raum: F 6, EG, Fürstenberghaus
Tag Zeit    
Do 12:00-12:30 Thielmann Islam, Recht, Eigentum – Bemerkungen zur Forschung und zur muslimischen Praxis
Do 12:30-13:30 Mittagspause 
Do 13:30-14:00 Martens Umgang von Muslimen in der Schweiz mit islamischen Normen im Zusammenhang mit Eigentum
Do 14:00-14:30 Günther Formen des Umgangs mit dem Zinsverbot und ihre jeweilige Legitimation in der Einwanderungsgesellschaft Deutschland
Do 14:30-15:00 Müssig Religiöse Regeln und Normadhärenz von Muslimen in Bezug auf Eigentum
Do 15:00-15:30 Herzog Die Brautgabe: Ein islamrechtliches Institut im Kontext der deutschen Rechtsordnung

Panelleiter:

Hans-Georg Ebert

Chair:

Hans-Georg Ebert

Beschreibung des Panels:

Kurzbeschreibung

Welche Bedeutung hat Eigentum in muslimischen Gesellschaften? Spielen islamische Normen und Regelungen des islamischen Rechts beim Erwerb, Besitz und der Weitergabe von Eigentum und Vermögen für Muslime eine Rolle? Mit welcher Argumentation wird die jeweilige Praxis im Umgang mit Eigentum und Vermögen legitimiert bzw. lassen sich Veränderungen oder parallel existierende Praktiken beobachten und worauf sind diese zurück zu führen? Wie werden Eigentumsangelegenheiten dokumentiert und im Streitfall geklärt?

Detailbeschreibung

Eigentum nimmt in fast allen Gesellschaften eine zentrale Stellung ein. Normen, die den Umgang mit Eigentum und Vermögen regeln, beeinflussen, wer Zugang dazu hat, wer es nutzen darf und wer davon ausgeschlossen ist. Aus (religions-)soziologischer Sicht ist in diesem Zusammenhang etwa die Frage von Bedeutung, wie islamische Normativität zur Verhinderung, Förderung oder Persistenz sozialer Ungleichheit beiträgt. Regelungen zu Eigentum und Vermögen können auch auf die Leistungsfähigkeit ganzer Wirtschaftssysteme Einfluss nehmen. Aus ökonomischer Perspektive ist beispielsweise relevant, wie Regeln und Normen zum (Privat-)Eigentum an Produktionsmitteln auf Wirtschaftsaspekte in Ländern mit institutionalisiertem islamischem Recht und mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung wirken. Juristische, (rechts-)anthropologische und ethnologische Ansätze nehmen sich der Gestaltung von Verträgen, der Qualifizierung von Normen in unterschiedlichen (internationalen) Räumen des Rechts oder der Schlichtung im Streitfalle an. In Ländern mit muslimischen Minderheiten wirft die Thematik islamischer Normativität und ihrer (rechtlichen) Anwendbarkeit im Hinblick auf den Umgang mit Eigentum weitere Fragen auf, weil z.T. unterschiedliche Rechtssysteme in Einklang gebracht werden müssen. Dies betrifft z.B. den Themenkomplex der Anwendung des islamischen Familienrechts in europäischen Ländern – je nach Herkunftsland der Betroffenen mit entsprechender Rechtsschule. Wirken sich die dem europäischen Kontext geschuldeten Modifikationen auf die Wahrnehmung oder Bedeutung islamischer Normen, was den Umgang mit Eigentum angeht, aus? Und wie verändern sich die Einstellungen von Muslimen zu Eigentums- und Vermögensfragen wie etwa dem Zinsverbot oder islamischem Erbrecht im Zusammenhang der europäischen Minderheitensituation?

Sektionen:

Interdisziplinär (Politik, Wirtschaft und Gesellschaft; Recht; Islamwissenschaft)

Abstracts:

Thielmann, Jörn: Islam, Recht, Eigentum – Bemerkungen zur Forschung und zur muslimischen Praxis

Während seit Max Weber der Zusammenhang von Protestantismus und Kapitalismus in aller Munde ist, blieb das Verhältnis von Islam und Eigentum bisher weitgehend unbeachtet. Dezidierte Forschung dazu, welche Auswirkungen muslimisches Recht und muslimische Religiosität auf eigentums- und vermögensrechtliche Fragen haben, lag bisher eher abseits der Aufmerksamkeit. Dabei stellen Eigentums- und Vermögensfragen im Hinblick auf Erwerb, Nutzung und Übertragung einen essentiellen Teil der Rechtsordnung dar und bieten Zinsverbot und Islamic Banking sowie spezifische islamrechtliche Regelungen zu Familien- und Erbfragen vielversprechende Ansatzpunkte. Das Forschungsprojekt „Understanding Property in Moslem Transitional Environments“ (PROMETEE) nähert sich der Frage ausgehend von einem spezifischen Verständnis von islamischem Recht. Ausgangspunkt ist hier nicht ein klassisch theologisch-juristischer Ansatz, sondern vielmehr ein praxeologischer. Statt eines präskriptiven Zugangs wird ein deskriptiver, nichtideologischer Zugriff gewählt. Die Bezugnahme auf den Islam soll ‚de-essentialisiert‘ erfolgen, an die Stelle einer Anthropologie des islamischen Rechts tritt eine Anthropologie der Rechtspraxis. Der Beitrag will diesen Ansatz erläutern und der historischen und ethnographischen Grundierung der folgenden Beiträge dienen.

Martens, Silvia: Umgang von Muslimen in der Schweiz mit islamischen Normen im Zusammenhang mit Eigentum

Das derzeit laufende Forschungsprojekt „Understanding Property in Moslem Transitional Environments“ (PROMETEE) untersucht den Umgang von Muslimen mit Vermögen und vermögensrechtlichen Fragen. Die länderübergreifende Studie berücksichtigt Muslime in mehrheitlich muslimischen Ländern sowie in Minderheitenkontexten. Im Rahmen meines Vortrags präsentiere ich Ergebnisse von ersten Interviews mit Experten aus dem Bereich Wirtschaft und Recht sowie mit Vertretern muslimischer Gemeinschaften und mit individuellen Muslimen in der Schweiz. Ich frage nach der Bedeutung islamischer Normen bei Bankgeschäften, Scheidung und Erbschaft: Wie gehen Muslime in der Schweiz mit den islamischen Zinsbestimmungen um? Besteht eine Nachfrage nach islamkonformen Finanzprodukten? Spielen islamrechtliche Regelungen bei erb- und familienrechtlichen Forderungen eine Rolle? Sehen die Befragten Konflikte zwischen der Schweizerischen Rechtsordnung und dem Bankensystem und islamischen Vorgaben? Wenn ja, wie gehen sie damit um? Werden Fragen zu Themen wie Familienbeziehungen, Vermögens- und Eigentumsfragen, Erbschaft oder Kreditaufnahme in den Moscheegemeinschaften thematisiert?

Die Interviews legen nahe, dass sich die Muslime in der Schweiz je nach Abstammungsregion, Rechtssystem und gesellschaftlicher Bedeutung islamischer Normen im Herkunftsland im Umgang mit Eigentum und Eigentumsübertragung unterscheiden. Einzelne Fragen im Zusammenhang mit Vermögen und Eigentum sind in spezifischen Subgruppen unterschiedlich stark diskutiert. Befragte weisen z.T. auf Unvereinbarkeiten zwischen islamrechtlichen Regelungen und hiesigem Rechts- und Bankwesen hin; mehrheitlich unternehmen sie praktisch aber keine Bemühungen auf der Suche nach islamkonformen Alternativen.

Günther, Ursula: Formen des Umgangs mit dem Zinsverbot und ihre jeweilige Legitimation in der Einwanderungsgesellschaft Deutschland

Der Beitrag präsentiert ausgewählte Ergebnisse aus qualitativen Interviews mit in Deutschland lebenden Musliminnen und Muslimen. Das sample berücksichtigt Experten und Expertinnen in theologischen, Rechts- und Finanzfragen, Vertreter von muslimischen Verbänden und Moscheegemeinden sowie Individuen, und zwar mit unterschiedlichem (herkunfts)kulturellem Hintergrund. Die normative Vorschrift des Zinsverbots erweist sich als im Bewusstsein der Interviewten recht präsent, unabhängig von der jeweiligen religiösen Selbstverortung oder der (familiären) Herkunftskultur. Der Umgang mit dieser Norm bringt jedoch zahlreiche Unterschiede zu Tage, die sich auch auf argumentativer Ebene niederschlagen und z.T. dem sich verändernden Kontext für in Deutschland lebende Musliminnen und Muslime geschuldet sind. Der Beitrag liefert Einblicke in unterschiedliche Formen eigentumsrelevanter Praktiken im Zusammenhang mit dem normativen Element des Zinsverbots, versucht diese zu deuten und der Frage nachzugehen, ob der entsprechende Umgang mit Eigentum auch Auskunft über die Bedeutung islamischer Normativität für die jeweilige religiöse Selbstverortung gibt.

Müssig, Stephanie: Religiöse Regeln und Normadhärenz von Muslimen in Bezug auf Eigentum

Die Frage nach dem Umgang mit Eigentum in Gesellschaften berührt immer Aspekte sozialer Gerechtigkeit und sozialer Gleichheit. Normen, die den Umgang mit Eigentum regeln, legen fest, wie Eigentum erworben werden kann, wer Zugang zu Eigentum hat, wer Eigentum eines anderen nutzen darf, welche Verpflichtungen für den Eigentümer mit Eigentum einhergehen und wie Eigentum weitergegeben werden darf. Soziale Regeln zum Umgang mit Eigentum werden wegen ihres umfassenden Charakters zu einer wichtigen Institution der meisten Gesellschaften. Der Beitrag arbeitet heraus, welche islamischen Normen den Umgang mit Eigentum regeln. Zudem wird diskutiert, wie die religiöse Normadhärenz von Muslimen in Gesellschaften, in denen sie eine Minderheit darstellen, gemessen werden kann.

Herzog, Martin: Die Brautgabe: Ein islamrechtliches Institut im Kontext der deutschen Rechtsordnung

Die nach den Regeln des klassischen islamischen Rechts obligatorisch vom Bräutigam an seine Braut zu zahlende Brautgabe (mahr) entfaltet in frühislamischer Zeit innovative Kraft. Doch über tausend Jahre später wirft dieses Institut des klassischen islamischen Rechts im zentraleuropäisch geprägten Kontext der deutschen Rechtsordnung Probleme auf. Dies hängt zum einen damit zusammen, dass die deutsche Rechtsordnung de lege lata keine spezifischen gesetzlichen Bestimmungen für die rechtliche Qualifizierung der mahr kennt. Probleme bereitet aber vor allem die Konkurrenz der Brautgabe zu anderen für den Vermögensausgleich zwischen Ehegatten vorgesehenen Mechanismen des deutschen Rechts, wie Unterhalt und Zugewinnausgleich. Nachdem die Rechtsprechung inzwischen praktikable, wenn auch noch immer umstrittene Regeln zur grundsätzlichen internationalprivatrechtlichen Einordnung sowie (familien-)vertragsrechtlichen Behandlung des der deutschen Rechtsordnung noch immer fremden Rechtsinstituts erarbeitet hat, bleiben im Hinblick auf die konkrete Operationalisierung und Harmonisierung der verschiedenen Vermögensausgleichsinstrumente im Einzelfall noch viele Fragen offen. Der Beitrag möchte die geschilderten Spannungen herausarbeiten und mögliche Lösungsansätze vorstellen.