Panel: Legal pluralism in Muslim context

Zeitplan

Raum: Kath Theol IV, Hochparterre, Johannisstraße 8-10
Tag Zeit    
Di 09:00-09:30 Wittreck Das staatliche Gewaltmonopol und die Pluralität religiöser Gerichtsbarkeiten
Di 09:30-10:00 Prief Institutionen des islamischen Rechts in Europa – Islamische Mediation und Schiedsgerichtsbarkeit in Großbritannien
Di 10:00-10:30 Qubaja The institution of Ṣulḥ as part of clan-based informal justice in Palestinian societies in the context of legal pluralism
Di 10:30-11:00 Pause
Di 11:00-11:30 El cheick Hassan Religiöse Gerichtsbarkeit am Beispiel des Libanon – Das sunnitische Scharia-Gericht

Panelleiter:

Ulrike Qubaja, Yvonne Prief

Beschreibung des Panels:

The concept of legal pluralism as a means to describe the empiric reality of law was significantly shaped by John Griffiths in 1986. Opposing the then dominating concept of legal centralism, according to which law was only perceived as such when it was state-law, Griffiths revealed a concept that defines normative structures inherent in societies as law.  According to this pluralism in society implicates legal pluralism. Griffiths’ concept has since proved extremely productive as an instrument to analyse situations of legal or normative pluralism and has been further developed by scientists such as Gordon Woodman as well as criticized by others such as Brian Tamanaha.

Related to Muslim contexts questions of legal pluralism have gained increased attention in the face of growing Muslim presence in Europe, the USA and Canada, entailing the establishment of Islamic institutions for conflict resolution as well as the application of Islamic norms through private international law. This has also been the case in the context of democratization and the promotion of the rule of law in Islamic countries, where informal legal institutions fulfil vital functions of security and conciliation between people, while in some respects conflicting with basic principles of the rule of law.

The contributions of this panel relate to legal pluralism in a Muslim context from different perspectives and approaches. The main focus will be the relationship between Islamic law, customary law of Muslim societies, state law and general legal principles such as the rule of law.

Sektionen:

Interdisziplinär (Recht; Islamwissenschaft)

Abstracts der Vorträge:

El cheikh Hassan, Fatma: Religiöse Gerichtsbarkeit am Beispiel des Libanon – Das sunnitische Scharia-Gericht

Wenn von religiöser bzw. islamischer Gerichtsbarkeit die Rede ist, so fallen uns in der Regel Länder und Staaten ein, die sich selbst als islamisch oder als einen Staat bezeichnen, der „die“ Scharia (šarīʿa) anwendet bzw. sich nach Koran und Sunna richtet. Die bekanntesten Beispiele hierfür sind wohl der Iran, mit seinem schiitisch-imamitischem Wilāyat al-Faqīh System, und Saudi-Arabien mit seiner Symbiose aus monarchisch-wahhabitischer Ideologie.

 Der Libanon als multiethnischer und multireligiöser Staat ist in der Hinsicht des religiösen Rechtspluralismus weitgehend unbeachtet, da ein Großteil der Studien, sofern von islamischer Rechtsprechung die Rede ist, sich zumeist auf islamische Minderheiten wie die Schiiten oder die Druzen beziehen.

 Im Libanon fallen Fragen in punkto des Personenstatuts, wie das Familien- und Erbrecht, in den Aufgabenbereich der religiösen Gerichte. In diesem Beitrag soll einerseits eine allgemeine Darstellung zur Rechtsgeschichte des sunnitischen Scharia-Gerichts, und andererseits ein Beispiel bezüglich der Probleme religiöser Gerichtsbarkeit vorgestellt werden. In diesem Zusammenhang sind vor allem Bestrebungen zur Säkularisierung des religiösen Rechts zugunsten eines zivilen Rechts – vor allem in Bezug auf die Zivilehe (zawāǧ al-madanī) – zu erwähnen.

Prief, Yvonne: Institutionen des islamischen Rechts in Europa – Islamische Mediation und Schiedsgerichtsbarkeit in Großbritannien

In Großbritannien haben sich bereits seit den 1980er Jahren Sharia Councils etabliert – Institutionen, in denen islamische Gelehrte als Mediatoren privatrechtliche Streitigkeiten zwischen Muslimen schlichten. Seit 2007 besteht zudem das Muslim Arbitration Tribunal (MAT), das gemäß dem Arbitration Act von 1996 staatlich anerkannte Schiedsverfahren in Einklang mit islamischem Recht durchführt.

Auch in anderen Ländern ist die Institutionalisierung islamischen Rechts ein Thema: In Deutschland wird über die „islamische Paralleljustiz“ der „Richter ohne Gesetz“[1] diskutiert; in Kanada wurden Sharia Councils offiziell abgeschafft.

Die öffentlichen Debatten  werfen u.a. die Frage auf, inwiefern ein Rechtspluralismus für Muslime in Europa erforderlich  oder sogar sinnvoll ist und inwieweit er vom Staat zugelassen, unterstützt oder aber unterbunden werden sollte.

Weiterhin ist von Bedeutung, welche Rechtsauffassungen von islamischen Mediatoren und Schiedsrichtern  ihren Empfehlungen bzw. Entscheidungen zu Grunde gelegt werden.

Dieser Beitrag versucht, einen Einblick in Wesen und Wirken, Nutzen und Probleme der bislang wenig erforschten islamischen Streitschlichtungsinstitutionen in Großbritannien zu geben.


[1] So der Titel des Buches von Joachim Wagner: Richter ohne Gesetz. Islamische Paralleljustiz gefährdet unseren Rechtsstaat. Econ Verlag, Berlin 2011.

Qubaja, Ulrike: The institution of Ṣulḥ as part of clan-based informal justice in Palestinian societies in the context of legal pluralism

In large parts of the different Palestinian societies there exists a clan-based justice system parallel to formal state-justice. This system often has a high degree of binding force and established structures, that are based on widespread norms. The central functions of this justice system is the regulation and conciliation in society- and family-disputes, which is called Ṣulḥ.

 For my PhD-project the institution of Ṣulḥ in different Palestinian communities with its recent developments, its relation to institutions based on other legal systems such as state law and Šarīʿa-based law as well as the desires of the people regarding the future role of the of Ṣulḥ shall be analyzed and compared.

 In the suggested presentation this research project shall be presented and discussed considering the data collected to far. Hereby there shall be a focus on the following aspects:

  • The integration of the institution of Ṣulḥ in recent strategies of community safety in Hebron and Jenin governerates,
  • the relation between Ṣulḥ  and religious law,
  • the issue of collective punishment and collective responsibility as part of the Ṣulḥ-System
Wittreck, Fabian: Das staatliche Gewaltmonopol und die Pluralität religiöser Gerichtsbarkeiten

Das Recht des modernen Verfassungsstaates sieht sich zunehmend mit den Herausforderungen einer religiös oder kulturell radizierten Rechtsprechung konfrontiert: Die Bandbreite reicht von (islamischen) “Friedensrichtern” in deutschen Großstädten über “Shariah Councils”, staatlich anerkannte Schiedsgerichte bis hin zur klassischen kirchlichen Gerichtsbarkeit. Der Beitrag versucht, diese Erscheinungen im Rechtsvergleich zu systematisieren und auszuleuchten, wie viel Raum ihnen die bundesdeutsche Rechtsordnung lassen kann oder sogar muss.