Panel: Ästhetik und Oralität

Zeitplan

Raum: Kath Theol IV, Hochparterre, Johannisstraße 8-10
Tag Zeit    
Mi 09:00-09:30 Wilke Oralität und Sonalität im hinduistischen Indien
Mi 09:30-10:00 Bornemann Heiligenlegenden in populärer indischer Sufi-Musik
Mi 10:00-10:30 Scholz Emotionalisierung in arabischen islamischen Predigten
Mi 10:30-11:00 Pause  
Mi 11:00-11:30 Weinrich Zum Verhältnis von Text und Aufführungsform im freien Gebet
Mi 11:30-12:00 Stille Predigt und mündliche Dichtung
Mi 12:00-12:30 Dorpmüller Zur Ästhetik von Wiederholung und Variation in der islamischen Predigt
Mi 12:30-13:00 Sauer Wie mündlich ist das Schriftliche? Überlegungen zum performativen Potential des Verschriftlichten

Panelleiter:

Sabine Dorpmüller, Jan Scholz, Max Stille und Ines Weinrich

Beschreibung des Panels:

Texte erreichen ihre Rezipienten – jenseits der Frage ihrer schriftlichen Fixierung – im Falle vieler Genres in mündlicher Form. Das Erleben von Gebeten, Lobgesängen und Gedichtrezitationen wie das politischer und religiöser Reden wird insbesondere durch die Form ihrer Darbietung beeinflusst.  Das Panel „Ästhetik und Oralität“ richtet den Blick weniger auf historische Transmissionsprozesse denn auf die Aufführung von Texten. Diskutiert werden insbesondere die ästhetische Umsetzung von Texten und ihre Rezeption sowie die Frage der geeigneten analytischen Kategorien. Auch das auditive Erlernen oraler Techniken und Formen stimmlicher Umsetzung sowie nicht zuletzt Fragen der Kontinuität von Aufführungstraditionen und ihrer Veränderungen im Zeitalter der Medienrevolutionen spielen eine Rolle.

Das Panel betrifft die Sektionen Arabistik, Indologie und Südasienkunde, Islamwissenschaft, sowie Historische Anthropologie und Materielle Kultur.

Sektionen:

Interdisziplinär

Abstracts der Vorträge:

Wilke, Annette: Oralität und Sonalität im hinduistischen Indien

Die exzeptionelle Rolle der Oralität in Hindu-Traditionen, insb. in der Transmission des Veda über die Jahrhunderte, ist in der indologischen Forschung gut bekannt. Wenig reflektiert wurde jedoch, dass auch in den post-vedischen (verschriftlichten) Literaturen nicht nur dem gesprochenen, sondern auch dem klingenden Wort ein außergewöhnlich hoher Stellenwert und eine eigene Bedeutungsvalenz zukommt – auf Ebene der Performanz, der poetischen Produktion und emotiv-ästhetischen Rezeption, der philosophischen und theologischen Reflektion, der Symbolbildung und Weltdeutung. Der Vortrag stellt das rezente Werk Wilke/Moebus, Sound and Communication. An Aesthetic Cultural History of Sanskrit-Hinduism (2011) zur Zentralität des Klangs und seiner herausragenden Bedeutung als Medium der Kommunikation im hinduistischen Indien vor und reflektiert den methodischen Beitrag der Religionsästhetik – der Erforschung sinnlicher Medien und Wahrnehmungsräume – im Studium von Literaturen.

Bornemann, Till: Heiligenlegenden in populärer indischer Sufi-Musik

Die vertonten Erzählungen (wāqayā)  über das Leben und Wirken von Sufi-Heiligen nehmen in den überaus beliebten Musikproduktionen, die in Form von Video-CDs in und um die indischen Sufi-Schreine (dargāhs) zirkulieren, eine bedeutende Rolle ein. Sie unterscheiden sich von anderen, in diesem Kontext üblichen Musikgenres durch ihren oft ausgesprochen umfassenden textlichen Gehalt. In der Art der Textdichtung, ihrer musikalischen Umsetzung und ihrer Visualisierung finden sich verschiedene ästhetische Praktiken, die ihrerseits eine Vielzahl von Referenzen sowohl innerhalb der Heiligenkulte selbst, als auch zu anderen Formen indischer Populärkultur gestatten. So bedienen sich die Produzenten dieser Musik verschiedener Genres, wie bspw. dem Qawwali und der Hindi-Filmmusik, sowie einer eigenen Filmsprache, um die zeitgenössischen Liedtexte audio-visuell zu inszenieren.

In diesem Beitrag werden einige solcher Heiligenlegenden und ihre mediale Umsetzung anhand von Videos beispielhaft vorgestellt. Die dem Genre zugrunde liegenden spezifischen ästhetischen Strategien sollen eingehend analysiert werden, dies vor allem in Hinblick auf die möglichen ästhetischen Bedürfnisse und Erwartungen des Zielpublikums solcher Musikproduktionen. Es soll abschließend der Versuch unternommen werden, solche gesungenen und medialisierten Erzählungen in den größeren Deutungsfeldern von südasiatischem Sufismus und Populärkultur zu betrachten.

Scholz, Jan: Emotionalisierung in arabischen islamischen Predigten

Die Affektenlehre bildet einen zentralen Bereich der antiken Rhetorik, Gefühlserregungen sollen den Hörer in einen „bestimmten Geisteszustand versetzen“, sie zählen zu den zentralsten Überzeugungsmitteln. Gilt vergleichbares für islamische Predigten, so führt eine Analyse der verwendeten Emotionalisierungstechniken (Anz) ins rhetorische Zentrum des Genres: Wie wird die Mündlichkeit des Genres genutzt, wie verwendet der Prediger seine Stimme, welche Rolle spielen Dialekte oder gar Soziolekte. Wie verhalten sich mündliche Aspekte zu anderen rhetorischen Mitteln, etwa zur Gestik, oder, – im Falle von Predigtvideos – zu Bildern? Welche Techniken werden für das ‚Auftreten‘ von Personen in der Rede verwendet, welche Strategien der  Vergegenwärtigung (phantasia) finden zur Veranschaulichung des Geschilderten Anwendung?

Unterschiedliche Predigtgenres, wie die formalisierte Freitagspredigt (ḫuṭba) und die Predigten der sogenannten Neuen Prediger (ad-duʿāh al-ǧudud), weisen hier Unterschiede auf, die nicht zuletzt einen bedeutenden Anteil am Erfolg der letzteren zu haben scheinen. Die Neuen Prediger wären somit als ein transkulturelles Phänomen zu verstehen, das Techniken unterschiedlicher rhetorischer Traditionen vereint. Verändert auch die Freitagspredigt im Kontext der multimedialen Massenmedien ihre rhetorische Ausrichtung? Wie ist das Verhältnis der Genres zu bestimmen? Die Fragen sollen anhand von Predigtaufnahmen aus Kairo sowie Beispielen aus dem Internet diskutiert werden.

Weinrich, Ines: Zum Verhältnis von Text und Aufführungsform im freien Gebet

Das islamische freie Gebet stellt eine Mischform zwischen mündlicher und schriftlicher Gattung dar. Es gibt herausragende Texte, die religiösen Persönlichkeiten zugeschrieben, gesammelt und als Gebet kollektiv oder individuell ausgeführt werden. Daneben existieren zahlreiche kürzer Formeln oder Passagen mit unterschiedlichen Texthintergründen (Koran, Ḥadīṯ, individuelle Personen), die in unterschiedlichen Kombinationen zusammengesetzt werden können. Doch handelt es sich auch bei den heute unverändert nach einer schriftlichen Vorlage aufgeführten Gebetstexten letztlich um eine Textform, die für den mündlichen Gebrauch gedacht ist. Der Vortrag kombiniert die Analyse von Texten mit der ihrer sonischen Gestaltung: wie werden Textteile thematisch und klanglich abgesetzt? Welche Techniken zur Intensivierung werden eingesetzt? Wie sind im Falle einer solistischen Rezitation die Betenden insgesamt involviert? Dies wird am Beispiel der freien Gebete durchgeführt, die die abendlichen tarāwīḥ-Gebete im Ramadan abschließen, teilweise sehr elaborierte Rezitationen mit einer Dauer zwischen zehn und zwanzig Minuten. Untersucht werden die Rezitationen in einer Beiruter Moschee anhand von Aufnahmen, die in den Jahren 2009 bis 2012 getätigt wurden.

Stille, Max: Predigt und mündliche Dichtung

Die Predigten der in Bangladesch allgegenwärtigen waʿẓ maḥfils (Beng. oẏāj māhfil) bilden ein Genre, das in vielerlei Hinsicht durch seine Mündlichkeit charakterisiert ist. Im Gegensatz zu anderen Predigtformen wie bayān (baẏān) und ḫuṭba (khutba) werden diese Predigten kaum schriftlich festgehalten, weder von den Predigern selbst, noch durch dritte. Wie gepredigt wird, wird wesentlich performativ erlernt, durch Zuhören und Nachahmung. Solche Nachahmung setzt stets Gattungskompetenz voraus, bedarf es doch zumindest implizit eines Modells, das nachgeahmt wird. Überträgt man Einblicke der Forschungen zur oralen Dichtung und sieht den waʿẓ-Prediger als vergleichbar zum „oral poet“ im Sinne Lords und Parrys, so kann angenommen werden, dass dieser über ein allgemeines Modell des Redeaufbaus hinaus auch feststehende Phrasen („oral formulas“) erlernt und verwendet. Wortwahl und Stil solcher Phrasen wären somit ein wichtiger Teil des „habituellen Modus“ des homiletischen Denkens wie der Predigtpraxis.

Gibt es Teile der Predigt, in denen feststehende Phrasen besonders häufig auftauchen? Inwiefern tragen diese zur Poetizität der Predigt bei? Lässt sich ihr Auftreten spezifischen rhetorischen Wirkungsabsichten zuordnen? Durch die Verbindung von Beobachtungen zum rhetorischen Modell bengalischer Predigten mit Erkenntnissen zur mündlichen Dichtung werden Fragen der Komposition, des Vortrags und der Wirkung dieser Form der religiösen Rede behandelt.

Dorpmüller, Sabine: Zur Ästhetik von Wiederholung und Variation in der islamischen Predigt

Rhythmische Gliederung ist eines der herausragenden Merkmale oraler Literatur. Klassische arabische Prosarede wie die Predigt bedient sich in erster Linie paralleler Strukturen und Reimprosa, um einen Rhythmus zu erzeugen, der das Hörverständnis und Memorisieren des Predigttextes erleichtert. Im Einklang mit anderen stilistischen Merkmalen performativer Sprache (direkte Anrede, rhetorische Fragen, emphatische Strukturen, lebendige Metaphorik, Zitate aus autoritativen Quellen, formale und traditionelle Diktion) dient der Rhythmus, die emotionale Wirkkraft der Predigt in der Aufführungssituation zu steigern und die Kongregation vom Anliegen der Predigt zu überzeugen.

Die Predigten von Ibn Nubāta al-Fāriqī (st. 374/984-5) gelten als Paradebeispiele der kunstvollen Verwendung rhetorischer Stilmittel und gekonnten Inszenierung des Heiligen. Ein Charakteristikum der Predigten Ibn Nubātas ist die multisinnliche Dramatisierung oder sprachliche mise-en-scène von Motiven (Todesstunde, Kriegsgeschehen, Topoi der Heilsgeschichte). Der Rhythmus der Predigt erfährt in diesen Passagen eine Temposteigerung: Die parallelen Strukturen, die durch Wiederholung und Ausweitung eines Textelementes den Argumentationsfluss verlangsamen und vertiefen, bewirken hier in kurzen Sequenzen eine Dynamisierung der Predigt. Anhand von ausgewählten Predigten widmet sich der Vortrag den emotiv-ästhetischen Effekten von rhythmischer Gliederung durch Wiederholung und Variation.

Sauer, Rebecca: Wie mündlich ist das Schriftliche? Überlegungen zum performativen Potential des Verschriftlichten

Die Frage nach der schriftlichen bzw. mündlichen Wissensvermittlung im islamischen Mittelalter wurde in der Orientalistik lange vor allem im Sinne von Gegensätzlichkeiten diskutiert.

Der mutmaßlichen Dichotomie zwischen schriftlichem und mündlichem Modus steht jedoch die Erkenntnis gegenüber, dass mit Blick auf gängige soziokulturelle Praktiken der Wissensvermittlung eher eine Mixtur aus heterogenen Zugängen zur Oralität dominierte. Das verschriftlichte (und somit materialisierte) Wort kann in dieser praxeologischen Sicht eingebettet sein in performative Vorgänge, die eine strikte Unterscheidung zwischen oraler und literater Sphäre unweigerlich aufbrechen. Beispiele hierfür sind öffentliche Lesungen, der Studienzirkel (ḥalqa), literarische Salons oder auch theatralische Darbietungsformen. Diese Beispiele zeigen, dass die Rezeption eines Textes mehr ist als die Summe seiner schriftlich fixierten Formen: Ein Text ist vielmehr als ein Ereignis zu verstehen, als ein Geflecht heterogener Rezeptionspraktiken, die an ihm vollzogen werden. Diese sehr unterschiedlichen Zugänge verändern einen Text in jeder performativen Situation aufs Neue – inhaltlich wie formell.

Aufbauend auf diesen – hier nur angerissenen – theoretischen Vorüberlegungen soll das performative Potential eines Textes näher untersucht werden, der als eine Art Leuchtturm der Verschriftlichung bezeichnet werden kann, und zwar das Handbuch des Kanzleisekretärs al-Qalqashandī (st. 1418/19), das Ṣubḥ al-aʿshā fī ṣināʿat al-inshāʾ („Die Morgenröte des Nachtblinden, die Profession des Sekretärs betreffend“). Wiewohl das Ṣubḥ al-aʿshā ein Handbuch über die Kunst des Schreibens ist, wird doch bereits bei einer ersten stichprobenhaften Durchsicht deutlich, dass das Schreiben nie ohne einen oralen bzw. performativen Charakter zu denken ist. Das Geschriebene steht nie für sich allein – es ist vielmehr seine teilweise Übertragung in die mündliche Form (im öffentlichen oder semiöffentlichen Raum, d.h. bei Empfängen, in Sitzungen, anlässlich von Festen und Feiern), die eine Präsenz des Geschriebenen erst ermöglichen. Auch die Ausbildung des potentiellen Schreibers ist hauptsächlich performativ eingebettet. Wie mündlich ist also das Schriftliche? Und wie ist die Performativität des Verschriftlichten vor diesem Hintergrund zu bewerten?