Al-Sharq-Panel: Gesellschaftlicher Wandel und Kommunikationsformen – Abhängigkeiten, Wirkungen und Repräsentation

Zeitplan

Raum: Kath Theol II, Hochparterre, Johannisstraße 8-10
Tag Zeit    
 Mi 11:00-11:30 Faika Was ist taarof? Die Bedeutung von Höflichkeit im iranischen Kontext
 Mi 11:30-12:00 Othman Das Despotieverständnis Abd al-Rahman al-Kawakibis: Parallelen zur syrischen Baath-Despotie und intellektuelles Vorbild der Akteure der Syrischen Revolution?
 Mi 12:00-12:30 Guitoo Mahdavīyat als innenpolitisches Thema der Regierung Aḥmadīnežāds
 Mi 12:30-13:00 Akbarzadeh Modernitäts-Erfahrung im Iran; zur Spannung zwischen Islamisten und Postislamisten

Panelleiter:

Sören Faika

Beschreibung des Panels:

In diesem Panel soll es darum gehen, wie Formen von Kommunikation gesellschaftlichen Wandel mitprägt. Am Beispiel Iran, Syrien und Irak wird das Panel die Vielseitigkeit von Kommunikationsformen und die Dynamik gesellschaftlichen Wandels schlaglichtartig behandeln. 

Sektionen:

Interdisziplinär (Politik, Wirtschaft und Gesellschaft; Iranian Studies)

Abstracts der Vorträge

Akbarzadeh, Ali: Modernitäts-Erfahrung im Iran; zur Spannung zwischen Islamisten und Postislamisten

Die Analyse der Massendemonstrationen nach der Wahl 2009 ist nicht möglich ohne einen Bezug auf die iranische Protesttradition. Die letzten Proteste können nicht ohne diese soziale Tradition analysiert werden. Die neue soziale Bewegung als eine Disziplin und vor allem der Ansatz Structural Strains ermöglichen einen Raum, um die Gründe der letzten Proteste im Iran darzulegen. Die iranische Gesellschaft erlebte seit 150 Jahren eine eigene Modernitätserfahrung. Die Rolle der Intellektuellen in der iranischen Gesellschaft ist der Schlüssel zum Verständnis aller gesellschaftlichen Veränderungen, welche ihre Wurzeln in der Begegnung der iranischen Gesellschaft mit der Moderne hat und in erster Linie von iranischen Intellektuellen  angetrieben wurde. Dies bedeutet heute, dass dreißig Jahre nach der Revolution die Intellektuellen den revolutionären Diskurs, der 1979 die Islamische Republik Iran hervorbrachte, bezweifeln und nach einer demokratischen Ordnung streben. Diese Studie ist weiterhin der Versuch einer Darstellung der Modernisierung im Hinblick auf Demokratisierungsbewegungen mit der Betonung der Rolle der  Intellektuellen als Ursache der letzten politischen Proteste im Iran.  Die letzte Protestbewegung im Iran zeugt von der Tendenz des Verschwindens der Islamisten. Obwohl die Kernidee der Islamisten einem Transformationsprozess unterworfen ist, sind die Machthaber noch präsent und dominieren weiterhin den Staatsapparat. Ein entscheidender Punkt wurde nun deutlich: Die ideologische Überzeugung, auf die der Staatsapparat aufgebaut ist, ist in der Gesellschaft nicht mehr dominant. Diese Studie ist die Darstellung der Geburt der Postislamisten aus den Islamisten.

Faika, Sören: Was ist taarof? Die Bedeutung von Höflichkeit im iranischen Kontext.

Jeder Iranreisende kommt mit Taarof in Berührung. Doch was ist Taarof? Berühmte Beispiele sind der Taxifahrer, der seinem Fahrgast entgegenbringt, dass sein Dienst „keinen Wert“ habe oder die Wertschätzung, dass dem zu Dankenden seine „Hände nicht schmerzen mögen“. So verstehen Außenstehende Taarof meist als „iranische Höflichkeit, hingegen IranerInnen Taarof weit mehr zuschreiben und zwischen Höflichkeit und Taarof differenzieren. Wo liegt also die Grenze zwischen Höflichkeit und Taarof? Woher kommt Taarof und wie entwickelt es sich? Welche Bedeutung spielt es im Iran als gesellschaftlicher Faktor? Das sollen die einführenden Themen sein, um sich der Leitfrage – Was ist Taarof? – zu nähern. Dazu sollen zunächst auf Grundlage bestehender Literatur zusammenfassende Antworten auf diese Fragen gefunden werden. Anschließend soll eine kritische Reflektion dieser Bestandsaufnahme in einer Vorstellung eines neuen Taarof-Verständnis münden. Dieser neue Definitionsansatz von Taarof versucht dabei die scheinbar ontologische Andersartigkeit von Taarof gegenüber Höflichkeit aufzulösen, ohne diese gleichzusetzen. Entscheidend für diese Betrachtung ist das anthropologische Verständnis von Höflichkeit als Grundelement menschlicher Interaktion, welches Voraussetzung zum erfolgreichen Zusammenleben einer Gemeinschaft ist. Dazu werden (historische) Parallelen zu mitteleuropäischer Höflichkeit gezogen, die wie Taarof ebenso beispielhaft für eine „kulturspezifische“ Ausprägung eines globalen Höflichkeitsverständnis stehen und damit Gemeinsamkeiten zu Taarof verdeutlichen sollen. Im Ergebnis soll Taarof als „ausdifferenzierte Höflichkeit“ im kulturspezifischen Kontext verstanden werden, die maßgeblich die Art und Weise gesellschaftlicher Diskurse mitprägt.   

Guitoo, Arash: Mahdavīyat als innenpolitisches Thema der Regierung Aḥmadīnežāds

Bereits kurz nach seinem Amtsantritt im 2005 sorgten die außenpolitischen Äußerungen Aḥmadīnežāds für internationale Empörungen. Diese betrafen in erster Linie die Eskalation des internationalen Konflikts über das iranische Atomprogramm während seiner Regierungszeit, seine Israel-feindlichen Aussagen und seine Äußerungen über den verborgenen Imām und dessen Weltherrschaft. Sie erweckten den Eindruck, dass die Politik der islamischen Republik unter Aḥmadīnežād stark von der zwölferschiitischen Ideologie gesteuert würde und die Islamische Republik durch die messianischen Impulse dieser Ideologie eine potenzielle Gefahr für den internationalen Frieden darstellen könnte. Diese Annahme setzte sich sowohl in den Medien als auch in der Akademie durch, obwohl weder Israel-feindliche Haltungen noch die Aussagen über den Mahdī Phänomene sind, die erst in der Amtszeit von Aḥmadīnežād aufgetreten sind. Wenn man jedoch Aḥmadīnežāds Äußerungen im Bezug auf den Mahdī untersucht, so ist festzustellen, dass mahdavīyat in der Sprache von Aḥmadīnežād im Vergleich zu seinen Vorgängern häufiger zum Vorschein kommt. Was bedeutet aber diese zunächst quantitative Erkenntnis für Aḥmadīnežāds politische Praxis?

Das Ziel dieses Vortrags ist es, die möglichen innenpolitischen Wirkungen Aḥmadīnežāds mahdavīyat-Doktrin zu untersuchen. Dazu ist es zunächst notwendig zu erkunden, ob Aḥmadīnežāds Aussagen über den verborgenen Imām lediglich eine verstärkte Wiederholung der bereits getätigten Aussagen im Rahmen der Rhetorik der Islamischen Republik sind oder ob sie unter Umständen neue Aspekte beinhalten. Dies setzt voraus, dass man sich mit der Rolle von mahdavīyat innerhalb der Strukturen der Islamischen Republik beschäftigt. Hierzu wird Ḫomeynīs Theorie der velāyat-e faqīh und deren Zusammenhang mit dem Mahdī-Glauben dargestellt. Anschließend werden die Grundzüge von Aḥmadīnežāds Mahdī-Gedanken mittels der Analyse seiner Äußerungen herausgearbeitet und mit der in der Islamischen Republik vorhandenen mahdavīyat-Doktrin verglichen.

Im zweiten Teil des Vortrags setze ich mich kritisch mit zwei wissenschaftlichen Thesen auseinander, die den Ursprung von Aḥmadīnežāds Äußerungen zur mahdavīyat zu erklären versuchen. Gemäß der ersten These finden die mahdavīyat-Gedanken von Aḥmadīnežād ihre Wurzeln in den politischen Theorien von Āyatollāh Moḥammad-Taqi Meṣbāḥ Yazdī. Die zweite These ist eine Erweiterung der ersten These und besagt, dass Meṣbāḥ und Aḥmadīnežāds Theorien ihre Wurzeln in den Ideen der ḥoǧǧatīye-Bewegung finden.

Im letzten Teil des Vortrags, wird es versucht, anhand der sozialen und politischen Herkunft einer neuen Machtelite, zu der Aḥmadīnežād ebenfalls gehört, die verstärkte Präsenz der mahdavīyat in seiner Sprache zu erklären.

Othman, Inana: Das Despotieverständnis Abd al-Rahman al-Kawakibis: Parallelen zur syrischen Baath-Despotie und intellektuelles Vorbild der Akteure der Syrischen Revolution?

Der Vortrag befasst sich mit dem Ideenreichtum des panislamisch und moderaten Denkers ‘Abd al-Rahman Al-Kawākibī (1854-1902). Hierbei werden auf die Parallelen zwischen seinen Vorstellungen von Despotie und der Baath-Diktatur eingegangen sowie Al-Kawākibī intellektuelle Relevanz für oppositionelle Aktivisten, welche die gegenwärtigen politischen Entwicklungen in Syrien mitprägen. Grundlage zur Betrachtung seiner Despotievorstellungen werden seine wichtigsten Werke „Die Eigenschaften der Despotie“ (Ṭabā‘i’ al-istibdād) und „Die Mutter aller Städte“ (Umm al-Qura) sein, die im Osmanischen Reich rasch verboten wurden. So gehört Al-Kawākibī zu den ersten Denkern in der arabischen Ideengeschichte, welcher die Despotie erkannten und sich strukturiert mit dem Begriff auseinandersetzten. Al-Kawākibī erfasste die Strukturen von Despotie nicht nur, vielmehr verknüpfte er seine Untersuchungen mit dem intellektuellen Diskurs seiner Zeit und lieferte konkrete Vorstellung davon, wie dieses Unheil überwunden werden könne. Die Eigenschaften der Despotie, wie Kawākibī sie erläutert hat, entsprechen in vielerlei Hinsicht der Despotie der panarabischen repressiven Baath-Herrschaft. Ein besonderer Fokus soll hier auf den Mechanismen des Machterhalts und der Repression des Regimes liegen. Im Zuge der „Revolution“ in Syrien wird von Seiten oppositioneller Aktivisten vermehrt auf Kawākibī Werke Bezug genommen. Der Vortrag zielt deswegen darauf ab diese intellektuellen Rückgriffe zu thematisieren und zu hinterfragen.