Panel: Sprachpolitik und Spracherhalt bedrohter Türksprachen, ausgewählte Beispiele

Zeitplan

Raum: F 33, EG, Fürstenberghaus
Tag Zeit    
Fr 09:00-09:30 Menz Gagausisch im autonomen Gebiet “Gagauz Yeri”
Fr 09:30-10:00 Ragagnin Small Turkic languages in Iran and Mongolia
Fr 10:00-10:30 Csató Johanson Die Vitalität der Kleinsprachen
Fr 10:30-11:00 Pause
Fr 11:00-11:30 Nevskaya / Tazhibaeva Turkic Minorities of Kazakhstan
Fr 11:30-12:00 Rind-Pawlowski Die Tuwiner der Dzungarei – eine vergessene Ethnie in China
Fr 12:00-12:30 Waibel, Z. Die soziolinguistische Situation in Chakassien

 Panelleiterin:

Astrid Menz

Beschreibung des Panels:

Von den über 20 türkischen Sprachen werden mehr als die Hälfte als mehr oder weniger bedroht betrachtet. Selbst Sprachen mit über 1 Millionen Sprecher werden nicht (mehr) in allen sprachlichen Domänen verwendet. Das Panel soll anhand verschiedener Fallbeispiele zeigen, welche historischen, sozialen, demographischen und (sprach)politischen Faktoren den Spracherhalt positiv oder negativ beeinflussen und welche Maßnahmen die jeweiligen Gruppen eventuell treffen, um den Sprachverfall bzw. einen vollständigen Sprachwechsel aufzuhalten.

Sektion:

Turkologie und Zentralasienkunde

Abstracts der Vorträge:

Csató Johanson, Éva Á.: Die Vitalität der Kleinsprachen

Im Vortag wird die Frage behandelt, welche Faktoren zur Vitalität, d.h. Überlebensfähigkeit von Kleinsprachen beitragen können. Bekannt ist, dass mittelgroße Sprachen wie z.B. das Tatarische weniger „fit“ sein können als Kleinsprachen, wie z.B. Dukha, eine kleine Varietät des Tuwinischen in der Mongolei. Das Karaimische konnte in Polen und Litauen vor den sowjetischen Zeiten in sechs Jahrhunderten weiterleben. Soziodemographische Faktoren und die Spracheinstellungen innerhalb der karaimischen Sprachgemeinschaft begünstigten die intergenerationale Sprachtransmission, obwohl die karaimischen Gemeinden traditionell mehrsprachig waren und die Verwendungsfrequenz der Gemeindesprache innerhalb verschiedener Domänen sehr unterschiedlich war. In der Sowjetunion hat die intergenerationale Sprachtransmission dann fast völlig aufgehört. Im Vortrag werden die Faktoren, die heute für Revitalisierungsprozesse günstig sind, ausgewertet.

Csató É Á. 2010. Report on an Uppsala workshop on Karaim studies. Turkic Languages 14: 261-282.
Csató É Á. 2012. Lithuanian Karaim. Litvanya Karaycası. Tehlikedeki diller dergisi. Journal of Endangered Languages 1: 33-46.
Csató É Á. (im Druck) Spracherhalt und Kontinuität in den karaimischen Gemeinden. In: Erdal, Marcel (Hrsg.) Akten der 6. Deutschen Turkologenkonferenz mit dem Rahmenthema „Kontinuität und Erneuerung in der Turcia“ , Johann Wolfgang Goethe-Universität, Frankfurt am Main, 23.-26. Juli 2005. Wiesbaden: Harrassowitz.

Menz, Astrid: Gagausisch im autonomen Gebiet “Gagauz Yeri”

Der geplante Vortrag befasst sich mit dem Gagausischen in der Republik Moldawien. Gagausisch wurde 1957 als eine der Schriftsprachen der Sowjetunion anerkannt. Schulunterricht gab es danach nur für etwa 2 Jahre zu Beginn der 60er Jahre, danach wurde der Schulunterricht eingestellt. Bis zum Zerfall der Sowjetunion wurde Gagausisch als Schriftsprache nur von einigen wenigen Autoren und in einer wöchentlichen Zeitungsbeilage verwendet. Mit dem Zerfall der Sowjetunion setzte ein Aufschwung ein. Die Produktion von Druckwerken in gagausischer Sprache ist deutlich gestiegen und Gagausischunterricht ist mittlerweile obligatorisch für alle Schüler im autonomen Gebiet. Dennoch ist der Erhalt des Gagausischen keineswegs gesichert. Gagausisch steht im Spannungsfeld von Sprachwechsel zum Russischen, der Zweitsprache für über 95 % der Gagausen auf der einen Seite und Sprachwandel zum Türkeitürkischen als der am nächsten verwandten Türksprache, die aus verschiedenen Gründen seit den 1990er Jahren einen großen Einfluss auf das Gagausische ausübt.
Im Vortrag sollen die Maßnahmen, die von offizieller Seite durchgeführt werden, die Spracheinstellungen innerhalb der Sprechergemeinschaft und die soziolinguistischen Faktoren dargestellt werden, die für das Überleben des Gagausischen von Bedeutung sind.

Menz, Astrid 2003. Endangered Turkic languages: the case of Gagauz. In: Janse, Mark (Ed.) Language death and language maintenance: theoretical, practical and descriptive approaches. Amsterdam: Benjamins. 143-155.

Nevskaya, Irina / Tazhibaeva, Saule: Turkic Minorities of Kazakhstan

The Republic of Kazakhstan is inhabited by almost 130 ethnic groups. Among them are about 30 Turkic speaking minorities and some of their languages are acutely endangered. Some of the minority groups are indigenous peoples of Kazakhstan, some came to the country as migrants in search for a job or as refuges, and some were exiled to Kazakhstan during the Stalin dictatorship. As a result, the Kazakh nation became itself a minority in Kazakhstan in the end of the 1980s. Russian was the language of interethnic communication and has almost replaced Kazakh in all the spheres of the Kazakh public life.
After Kazakhstan became independent in 1991, de-Russification, establishing of a national Kazakh identity and of the national Kazakh language were priorities of the state politics for the sake of political stability in the country – a stage that was typical also for other newly independent countries and that was labeled “ethnic nationalism” by Western scholars (Landau & Kellner-Heinkele 2001, 2012). The languages of Turkic minorities, now also under the massive influence of Kazakh, did not get much support, or attention.
Only recently, the interests of minorities have got attention of the Kazakh government. However, there is very little information on the situation of theses languages, the school education in them, the possibilities for language and culture preservation and development. A German-Kazakh cooperation project „Interaktion türkischer Sprachen und Kulturen im post-sowjetischen Kasachstan“ is meant as a pilot research of the sociolinguistic situation of Turkic minorities in Kazakhstan.
The proposed lecture will deal with the present-day situation of endangered Turkic languages spoken in Kazakhstan (Karaim, Krymchak, Meskhetian Turkic, etc.).

Landau, Jacob M. & Kellner-Heinkele, Barbara 2001. Politics of language in the Ex-Soviet Muslim states. London: Hurst.
Landau, Jacob M. & Kellner-Heinkele, Barbara 2012. Language politics in contemporary Central Asia: national and ethnic identity and the Soviet legacy. London: Tauris.

Ragagnin, Elisabetta: Small Turkic languages in Iran and Mongolia

The proposed talk will give a survey on the present sociolinguistic situation of Turkic varieties in Iran, on the base of a recent fieldwork conducted by the lecturer in spring 2012. Besides reporting on Azeri varieties, the talk will have a special focus on Khalaj and Khorasan Turkic.

Rind-Pawlowski, Monika: Die Tuwiner der Dzungarei – eine vergessene Ethnie in China

Der Vortrag befasst sich mit der soziolinguistischen Situation einer Gruppe von etwa etwa 2.000 Tuwinern, die im Norden Xinjiangs in den Dörfern Akkaba, Kanas und Kom leben . Sie sind Teil eines durch Staatsgrenzen durchschnittenen Siedlungsgebiets, das mit Kobdo und Dzengel den Westen der Mongolei umfasst und bis an den Zaisan-See in Kasachstan heranreicht.
Im 18. Jahrhundert veranlasste die Qing-Regierung eine Umsiedlung der Dörbeten in den Süden des tuwinischen Kernlandes, die vermutlich eine Gruppe von Tuwinern abgedrängt haben, aus denen die heutigen Dzungar-Tuwiner hervorgegangen sind.
Die Qing-Regierung verwaltete die Dzungarei mittels mongolischer Fürsten. Um nicht als Minderheit benachteiligt zu sein, assimilierten sich die Tuwiner an die Mongolen. Noch heute werden sie offiziell als Angehörige der mongolischen Nationalität registriert. Der Versuch in den 1980er Jahren, als eigenständige Nationalität anerkannt zu werden, schlug fehl.
Die Wohnorte der Tuwiner sind mittlerweile ein beliebtes Touristenziel geworden. In den letzten Jahrzehnten haben sich immer mehr Kasachen dort angesiedelt, um von den neuen Verdienstmöglichkeiten zu profitieren. Die Tuwiner selbst sind zu einer Minderheit geworden. Die tuwinische Sprache wird immer mehr von kasachischen Entlehnungen durchsetzt. Jüngere Leute sprechen teils nur noch Kasachisch. Interethnische Ehen sind wegen der verschiedenen Religionen aber ausgeschlossen. Es zeigt sich die Tendenz, die Kinder nicht mehr auf mongolische Schulen zu schicken, sondern, der besseren Berufschancen wegen, auf chinesische.
Von chinesischer Regierungsseite gibt es kein merkliches Interesse, den Erhalt der tuwinischen Ethnie und ihrer Sprache zu fördern.

Waibel, Zinaida P.: Die soziolinguistische Situation in Chakassien

Die Republik Chakassien ist ein Subjekt der Russischen Föderation (RF). Sie liegt im asiatischen Teil der RF, im Süden Sibiriens. Abgesehen von der in der RF allgegenwärtigen russischen Sprache werden dort auch mehrere südsibirisch-türkische Varietäten gesprochen, die seit dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts unter der künstlichen Bezeichnung Chakassisch zusammengefasst werden. Nur etwa elf Prozent der ca. 550.000 Einwohner bezeichnen sich selbst als Chakassen. Von diesen sind wahrscheinlich nicht mehr als 70% kompetente Sprecher und noch weniger von ihnen verwenden diese Sprachen zur alltäglichen Kommunikation.
Trotz der ständig sinkenden Sprecherzahlen und einer chronisch angespannten finanziellen Situation standen die wenigen existierenden Elemente institutioneller Unterstützung der alteingesessenen Kulturen und Sprachen in den letzten Jahrzehnten eigentlich nicht in Frage. Doch im Jahre 2012 wurde das Institut für sajano-altaische Turkologie aufgelöst, da (angesichts des mangelnden Prestiges) schlichtweg nicht mehr genug sprachkompetente Studieninteressenten vorhanden waren.
In meinem Vortrag werde ich die soziolinguistischen Folgen dieses und verschiedener anderer aktueller politischer Ereignisse vor dem Hintergrund der Ausgangssituation, wie sie sich im 20. Jahrhundert entwickelt hat, darstellen. Darüber hinaus werden Möglichkeiten und Schwierigkeiten der nachhaltigen positiven Korpus- und Prestigeplanung einer für viele Regionen Russlands typischen Sprachsituation besprochen.