Panel: Neue religiöse Bewegungen in der Türkei

Zeitplan

Raum: F 33, EG, Fürstenberghaus
Tag Zeit    
Do 12:00-12:30 Toumarkine Reception of the traditional Indian medicine, Ayurveda in today’s Turkey
Do 12:30-13:30 Mittagspause
Do 13:30-14:00 Greve Expression und Impression. Musiktherapie in der Türkei zwischen Tarikat und Psychotherapie
Do 14:00-14:30 Salomoni Yoga practices in a non-Western country: the case of contemporary Turkey
Do 14:30-15:00 Luge Das Studium indischer Religionen in der Türkei
Do 15:00-15:30 Kara Okkultismus, türkische Freimaurerei und Bektaschitum. Das Leben und Werk Rudolf von Sebottendorfs

Panelleiter:

Alexandre Toumarkine, Raoul Motika

Beschreibung des Panels:

“Neue religiöse Bewegungen in der Türkei”  ist ein Orient-Institut Istanbul  ForschungsProjekt. Im Mittelpunkt dieses Projektes stehen neue Formen von Religiosität, teilweise verbunden mit verschiedenen New Age-Bewegungen, Millenarismus, einer neuen Form von Esoterik und Spiritualität, aber auch mit fernöstlichen Religionen (Buddhismus, Hinduismus etc.), die ein neues Körperbewusstsein als eine Form von Selbstentwicklung nahelegen. Ziel des Projektes ist es, den Zusammenhang von externen Einflüssen aus Fern-Ost, dem Westen und der Rezeption neuer religiöser Bewegungen (NRB) in der Türkei und dem späten osmanischen Reich zu untersuchen, die Ursprünge und Entwicklungen von NRB auszuführen sowie ein aktuelles Bild der Situation darzustellen.

Sektion:

Turkologie und Zentralasienkunde

Abstracts der Vorträge:

Greve, Martin: Expression und Impression. Musiktherapie in der Türkei zwischen Tarikat und Psychotherapie

Zwei Ereignisse des Jahres 2012 verdeutlichen die aktuelle Spannung auf dem jahrhundertealten und doch gleichzeitig noch jungem Feld der Musiktherapie in der Türkei: die Gründung des ersten Berufsverbandes Künstlerischer Psychotherapien der Türkei einerseits, sowie andererseits die Berufung von Oruc Güvenc zum offiziellen Berater für Musiktherapie des Türkischen Gesundheitsministeriums. Geistiger Hintergrund und Methodik der Protagonisten könnten kaum unterschiedlicher sein. Beruft sich Oruc Güvenc auf schamanistische Praktiken sowie die tausendjährige islamische Tradition des Heilens durch passives Musikhören, so haben viele Psychotherapeuten ihre Ausbildung direkt oder indirekt in Europa bzw. in den USA gemacht. Sie setzen überwiegend aktives Musizieren als nonverbalen Ausdruck beispielsweise bei traumatisierten Patienten ein. Beide Ansätze sind ganzheitlich – im Sinne einer Sufilehre bzw. in ihrer Kombination verschiedener Kunstsparten (Psychodrama, Malerei, Musik, Tanz etc.). Für beide Bereiche freilich ist die medizinisch-wissenschaftliche Basis dünn, musikpsychologische Forschung zur Wirkung von türkischer Musik, Volkstänzen oder Sufitraditionen liegen bislang kaum vor, statt dessen allerdings ein beträchtlicher Erfahrungsschatz.

Als dritte Kraft schließlich kommen Musiker hinzu: in der osmanisch-türkischen Musikgeschichte und –theorie gehört die Lehre der Wirkungen von Makamen (musikalische Skalen) zum – wenn auch abstrakten – Allgemeinwissen. Immer wieder erscheinen daher gute CDs oder werden Konzerte gegeben mit „musiktherapeutischer“ Musik – undenkbar in Europa. 

Die Musik Oruc Güvenc’s stammt aus Zentralasien oder aus den kunstmusikalischen Traditionen verschiedener Sufiorden, viele Psychotherapeuten kommen eher aus dem musikalischen Umfeld westlicher Kunstmusik. Kaum beachtet von beiden Seiten bleibt das große therapeutische Potential von anatolischer Volkmusik, insbesondere im Kontext des Alevitentum.

Kara, Cem: Okkultismus, türkische Freimaurerei und Bektaschitum. Das Leben und Werk Rudolf von Sebottendorfs

Im Leben und Werk von Rudolf Freiherr von Sebottendorf (1875-1945) vermengen sich okkultistische, nationalsozialistische und orientalistische Elemente. Als Gründer der völkisch-okkultistischen Thule-Gesellschaft beschäftigte sich Sebottendorf mit esoterischen Gemeinschaften unterschiedlicher kultureller Ausprägung und versuchte zwischen diesen einzelnen Erscheinungen eine essentielle Verbindung zu konstruieren. Besonders interessant schien ihm hierbei die Mystik des „Orients“ gewesen zu sein: Erstmals traf er nach eigenen Aussagen während eines längeren Aufenthaltes in Kairo im frühen 20. Jahrhundert auf einen Hüseyin Pascha, durch ihn er den Sufismus und speziell den Derwischorden der Bektaschis kennenlernte. Auch habe Sebottendorf zwischen 1908 und 1914 Kontakt zu Istanbuler Bektaschis knüpfen können. Seiner Autobiographie zufolge kam er in dieser Zeit in Besitz eines Bektaschi-Lehrwerks mit dem Namen „Ilm al-Miftâh“ (Schlüssel der Erkenntnis). Dieses habe er sodann ins Deutsche übersetzt und publizierte es ein Jahrzehnt später unter dem interessanten Titel: „Die Praxis der alten türkischen Freimaurer“. In diesem vermeintlichen Katechismus des Bektaschi-Ordens, den er dezidiert als eine alte Ausprägung der Freimaurerei versteht, seien die Übungen und Riten der Bektaschis dargestellt. Diese vergleicht er darüber hinaus mit den Praktiken der Rosenkreuzer und Alchimisten und bezeichnet sie als gleichartig, gar als unterschiedslos – mit der Begründung, dass sie aus demselben arischen Ursprung hervorgegangen sind.Der Vortrag wird das Leben und Werk von Rudolf von Sebottendorf kurz skizzieren und versuchen zu rekonstruieren, ob und falls ja, welche Verbindungen zum Bektaschi-Orden bestanden.

Luge, Tim: Das Studium indischer Religionen in der Türkei

Die wissenschaftliche und literarische Beschäftigung mit indischen Religionen in der Türkei lässt sich grob in drei Zugänge teilen: der erste getragen von literarisch-spirituellem Interesse, der zweite von der Indologie und der dritte von der Religionsgeschichte.

Der literarisch-spirituelle Zugang, anfänglich von einem Interesse an Indien als exotischem ‚Anderen‘ und dann einer vorübergehenden Begeisterung für Rabindranath Tagore in den 1930er und 40ern getragen, wird seit den 90ern vom wachsenden Interesse an ‚alternativer Religion‘ dominiert, die auch mit Buchpublikationen über indische Religionen einhergeht.

Der Beginn der türkischen Indologie geht auf den deutschen Exilanten Walter Ruben zurück. Die türkische Indologie ist daher stark in der deutschen klassischen Indologie verwurzelt und beschäftigt sich großenteils mit klassischen Themen wie Veda, Epen, Fabeln, Dramen, sowie linguistischen Fragen und hält sich von theoretischen und methodischen Fragestellungen fern.

Der dritte Zugang hat seine Wurzeln bereits in spätosmanischen Bildungseinrichtungen. Als wirkliche Disziplin etablierte sich die Religionsgeschichte allerdings erst im Zuge von Annemarie Schimmels Lehrzeit in Ankara (1954-59). Sie war bisher stark religionsphänomenologisch geprägt und hatte außerhalb der einführenden und vergleichenden Werke kaum Interesse an indischen Religionen. In jüngster Zeit ist allerdings eine stärkerer Nachdruck auf Theorie und Methodik zu vermerken und ebenso ein erwachendes religionskulturelles Interesse am Hinduismus.

Alle drei Zugänge zu indischen Religionen sind von der geographischen, politischen sowie ideengeschichtlichen Position der Türkei zwischen Ost und West geprägt. Der Großteil der Rezeption indischer Religionen führt seit dem späten 19. Jahrhundert über westeuropäischen Sprachen. Die Türkei ist daher, obwohl selbst nicht kolonialisiert, zumindest in der intellektuellen Auseinandersetzung mit Indien ein Beispiel für das akademische Ungleichgewicht zwischen globalem ‚Norden‘ und ‚Süden,‘ das im Rahmen von Dependenztheorien, strukturalistischer Zentrum-Peripherie-Modelle oder poststrukturalistischer Ansätze debattiert wird.

Dieser Vortrag soll die türkische Auseinandersetzung mit indischen Religionen nachzeichnen, die spezifischen Probleme im Lichte der Debatte um höhere Bildung im globalen ‚Süden‘ darstellen und einen Ausblick auf die Zukunft geben.

Salomoni, Fabio: Yogapraxis in nichtwestlichen Staaten: Der türkische Fall

Im Anschluss an einen heute fest etablierten Trend in westlichen Staten können in den vergangenen Jahren auch in der Türkei eine zunehmende Verbreitung und Popularisierung den Angebots verschiedener Formen posturalen und meditativen Yogas durch eine große Vielzahl an Schulen und Kursen beobachtet werden.

Der erste Teil dieses Vortrags umreißt die Geschichte und Einführung von Yogapraktiken in der Türkei. In den frühen 1980er Jahren war Yoga hauptsächlich beliebt unter der geringen Zahl von türkischen Bürgern, die im Zuge des Einflusses der westlichen Gegenkultur der 60er und 70er Jahre selbst Erfahrungen in Indien gemacht hatten. Die gegenwärtige Popularisierung und Vermarktung des Yoga ist hingegen von türkischen und anglophonen Entrepreneuren getragen, deren Gemeinsamkeiten Erfahrungen in den USA, mit den USA verbundene Yogaschulen und die Teilnahme am globalen Netzwerk sind.

Der zweiten Teil des Vortrags wird darlegen, wie Ideen und Praktiken des Yoga einer Öffentlichkeit spirituell Suchender übermittelt wird. Von speziellem Interesse sind solche Vermittlungsstrategien, die Bezug auf den Sufismus, die lokale spirituelle Tradition der islamische Mystik, nehmen und hierbei sowohl den ‚Indischen Orient‘ mit dem ‚lokalen Orient‘ zu integrieren versuchen, als auch die Yogapraxis für eine breitere Öffentlichkeit zu legitimieren.

Der letzte Teil dieses Vortrags soll die Berührungspunkte zwischen der Kritik islamischer Autoritäten an Yogapraktiken und den apologetischen Strategien der Yogaentrepreneure darlegen.

Der Vortrag basiert auf Forschungsarbeit, die hauptsächlich aus Tiefeninterviews und teilnehmender Beobachtung sowie der Analyse von Dokumenten besteht, die von Yogalehrern und Yogaschulen in Istanbul produziert werden.
[Vortrag auf Englisch]

Toumarkine, Alexandre: Die Rezeption ‚traditioneller‘ indischer Medizin (Ayurveda) in der heutigen Türkei

Seit dem Aufkommen des Ayurveda als Therapieform in der Türkei in den 1990er Jahren ist es auf ein breites Echo gestoßen. Seitdem florieren die Publikationen von Artikeln und Büchern und das Angebot von Kursen, sowie medizinische Zentren, die Ayurveda anwenden und lehren. Diese Sichtbarkeit basiert auf einem enthusiastischen Interesse an neuen, als ‚natürlich‘ präsentierten, Therapieformen, ist aber gleichzeitig direkt oder indirekt mit dem Interesse an alternativer Spiritualität verwoben. Auf dem lokalen Markt für ‚Heilung‘ wird Ayurveda manchmal mit anderen importierten und religiös konnotierten Praktiken und Glaubensvorstellungen wie Yoga, Reiki und Astrologie in Verbindung gebracht. In der Diskussion um und der Kritik an Ayruveda wird auch die Frage der Kompatibilität mit dem Islam gestellt. Von seinen Verfechtern wird Ayurveda manchmal jedoch nicht als Phänomen unter hauptsächlich säkularen, sondern auch traditionell-religiös verbundenen Türken dargestellt.

Jenseits dieser Debatte soll der Vortrag die Zirkulation des Wissens um Ayurveda von seinen Ursprungsorten und manchmal über westliche Länder in die Türkei nachzeichnen. Das globalisierte Ayurveda wurde in der Türkei in ambiguöser Form inkulturiert: es wird als ‚indisch‘ und ‚traditionell‘ angepriesen, jedoch gleichzeitig an den lokalen Kontext adaptiert, was sich auch speziell auf die spirituelle Dimension bezieht.

Schließlich werden die Profile der Autoren und Ärzte, die die Kraft des Ayurveda preisen, analysiert, wobei ein besonderer Augenmerk auf ihre Biographien, die Umstände der Entdeckung der Technik, sowie die Formen ihrer Verifizierung der Traditionsüberlieferung, der Autoritäten und Quellen gelegt wird.
[Vortrag auf Englisch]