Panel: Mongolisierung

Zeitplan

Raum: F 33, EG, Fürstenberghaus

Neue Reihenfolge der Vorträge

Tag Zeit    
Mi 09:30-10:00 Kollmar-Paulenz Die Mönche und die Frauen: dGe lugs pa-Rollenmodelle bei den Mongolen
Mi 10:00-10:30 Nidyulina-Honikel Die Mongolisierung tibetischer Gebete durch kalmückische Laien
Mi 10:30-11:00 Pause
Mi 11:00-11:30 Heuschert-Laage Chinggis Khan als gütiger, schutzgewährender Herrscher? Einflüsse der Qing-Politik auf das mongolische Geschichtsbild und Aneignungsprozesse im 19. Jahrhundert
Mi 11:30-12:00 Haas Mongolisierung in der Inneren Mongolei – Drei Variationen über ein Thema
Mi 12:00-12:30 Ressel Zur Rekonstitution sozialer Räume in der ländlichen Mongolei des 20. Jahrhunderts
Mi 12:30-13:00 Stolpe Die Mongolisierung der Zivilgesellschaft

Panelleiterinnen:

Ines Stolpe, Karénina Kollmar-Paulenz

Beschreibung des Panels:

Die Geschichte der Mongolen, sei es nun politische, Sozial-, Geistes-, Kultur- oder Religionsgeschichte, kann nicht innerhalb einer Mongolistik, die sich exklusiv als Area Studies versteht, geschrieben werden, da sie sich nationalen wie auch disziplinären Grenzziehungen hartnäckig widersetzt. Seit Gründung des ethnisch und kulturell heterogenen mongolischen Weltreichs im 13. Jahrhundert kamen die Mongolen mit einer Vielzahl unterschiedlicher Einflüsse in Kontakt, während die von ihnen selbst inaugurierten wirtschaftlichen und politischen Netzwerke eine normative kulturelle Macht generierten, die zwischen China und Europa große Wirksamkeit entfaltete. Die Geschichte der Mongolen kann damit als ein Paradebeispiel für die Relevanz des in den letzten Jahren verstärkt erprobten geschichtswissenschaftlichen Ansatzes der „entangled history“ im Rahmen einer Globalgeschichte gesehen werden. Dies gilt für die Zeit des mongolischen Weltreichs genauso wie für das 17. Jahrhundert, die sozialistische Periode im 20. Jahrhundert und die Entwicklungen in der Gegenwart. Das Panel möchte Prozesse und Dynamiken aufspüren, die auf die Vielzahl der kulturellen Verflechtungen zurückgehen. Lassen sich spezifische Prozesse der „Mongolisierung“, der Integration, Adaption und kreativen Umwandlung ursprünglich nicht-mongolischer Konzepte, Ideen, Strukturen, feststellen, die gleichermaßen wirksam sind in politisch-ökonomischen wie in sozio-kulturellen Bereichen? Das Panel widmet sich historischen wie zeitgenössischen Themen.

Sektion:

Turkologie und Zentralasienkunde

Abstracts der Vorträge:

Haas, Paula: Mongolisierung in der Inneren Mongolei – Drei Variationen über ein Thema

Am Beispiel der Inneren Mongolei (China) setzt sich dieser Vortrag mit den unterschiedlichen Interpretationsmöglichkeiten des Begriffs der ‚Mongolisierung’ auseinander. Zum einen handelt es sich hierbei um die kreative Integration ursprünglich nicht-mongolischer Konzepte und Praxen in den mongolischen kulturellen Kontext. Zum anderen kann ‚Mongolisierung’ in der multiethnischen Realität der Inneren Mongolei allerdings auch im Sinne einer Anpassung der Han-chinesischen Bevölkerung an mongolische Bräuche und Ideen verstanden werden. Darüber hinaus fanden Prozesse der ‚Mongolisierung’ in der Volksrepublik China nicht immer spontan und freiwillig statt, sondern wurden oftmals durch politische Entscheidungen herbeigeführt und inhaltlich bestimmt. Es scheint daher gerechtfertigt, hier also zudem von einer, vielleicht unbeabsichtigten, ‚Zwangsmongolisierung’ zu sprechen, die in einer komplexen Beziehung zur oft beklagten Sinisierung und Assimilierung ethnischer Minderheiten in China steht. Anhand konkreter ethnographischer und historischer Beispiele werden diese drei Formen der ‚Mongolisierung’ beschrieben, ihre wechselseitigen Auswirkungen kritisch beleuchtet, sowie ihre Assoziation mit in China ethnopolitisch relevanten Begriffen wie ‚Tradition’, ‚Fortschritt’ und ‚Zivilisation’ erörtert.

Heuschert-Laage, Dorothea: Chinggis Khan als gütiger, schutzgewährender Herrscher? Einflüsse der Qing-Politik auf das mongolische Geschichtsbild und Aneignungsprozesse im 19. Jahrhundert

Die besondere Bedeutung, die Chinggis Khan als Identifikationsfigur für heutige Mongolen hat, ist unbestritten. Seine Verehrung kann auf eine lange Tradition zurückblicken. Das Bild, das sich die Nachwelt von Chinggis Khan machte, war jedoch auch einem gewissen Wandel unterworfen und wurde den Bedürfnissen der jeweiligen Zeit angepasst. Die „Blaue Chronik“, der erste mongolische historische Roman aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert, lässt Chinggis Khan als einen mildtätigen, patriarchalischen Herrscher erscheinen, der Vergebung übt und Gnade walten lässt.

Diese Charakterisierung des Chinggis Khan unterscheidet sich erheblich von seiner Darstellung in älteren historischen Quellen, in denen als positive Eigenschaften des Herrschers Stärke, Tapferkeit und Unerschütterlichkeit hervorgehoben werden. Das Idealbild des Herrschers scheint sich zunehmend an der Selbstdarstellung der mandschurischen Qing-Kaiser (1636-1911) zu orientieren, die seit dem frühen 17. Jahrhundert die Integration mongolischer Konföderationen dadurch voranzutreiben suchten, dass sie sich als Schutzmacht präsentierten, die nicht aus eigenem Interesse heraus handelte. Dieses Verständnis wurde von mongolischer Seite übernommen, so dass in mongolischen Chroniken seit dem 18. Jahrhundert der Qing-Kaiser als Wohltäter portraitiert wird, der sich mitleidig der zerstrittenen Mongolenvölker annimmt.

Der Vortrag widmet sich der Frage, inwieweit das von den Qing kreierte Rollenverständnis des guten Herrschers von der mongolischen Geschichtsschreibung adaptiert und auf die eigene Historie übertragen wurde.

Nidyulina-Honikel, Gilyana: Die Mongolisierung tibetischer Gebete durch kalmückische Laien

Der Vortrag behandelt die Mongolisierung bzw. Kalmückisierung tibetischer Wörter. Dies wird an Beispielen aus Gebeten dargestellt, die bei einer Laien-Sitzung, dem so genannten „Mani-Beten“, rezitiert werden. „Mani-Beten“ ist eine religiöse Zeremonie, die bei den Don-Kalmücken (Busawa) verbreitet ist. Diese Zeremonie findet in Form von gemeinsamen Sitzungen immer noch in Elista statt. Von kalmückischen Emigranten wurde die Zeremonie in die USA gebracht. Heutzutage scheint die Tradition des „Mani-Betens“ dort ausgestorben zu sein.

Während meiner Feldforschung in Elista im Sommer 2008 konnte ich zwei im Zuge der Zeremonie benutzte Gebetssammlungen einsehen. Ferner besuchte ich im Herbst 2009 die kalmückische Diaspora in Howell und Philadelphia. Dort bekam ich eine dritte Gebetssammlung. Jede dieser drei Gebetssammlungen besteht aus über vierzig Texten. Grundsätzlich sind sie, von kleineren Abweichungen abgesehen, identisch. In einer der drei Sammlungen befinden sich Texte, die in den anderen fehlen. Die Texte sind hauptsächlich Lobpreisungen an Gottheiten und die Bitte um Schutz und Hilfe. Die meisten Gebete wurden auf Tibetisch verfasst (und nur wenige Texte auf Kalmückisch), alle Texte sind aber kyrillisch verschriftet worden. Nur einige wenige Texte liegen bilingual vor.

Da die Texte von Laien rezitiert werden, die keine Kenntnisse der tibetischen Sprache und sehr geringe Kenntnisse des Buddhismus haben, sind die Texte weitestgehend sehr verderbt. Anhand von typischen Verballhornungen soll die Uminterpretation und Aneignung von tibetischen Namen und buddhistischen Konzepten an die Gepflogenheit und Notwendigkeit der kalmückischen Gemeinschaften aufgezeigt und somit ein Beispiel für Mongolisierung gegeben werden.

Kollmar-Paulenz, Karénina: Die Mönche und die Frauen: dGe lugs pa-Rollenmodelle bei den Mongolen

Seit dem späten 16. Jahrhundert hat sich die tibetisch-buddhistische Schultradition der dGe lugs pa bei den Mongolen als die dominante Form des Buddhismus etabliert. In Tibet zeichnen sich die dGe lugs pa bis heute durch eine strikte monastische Disziplin aus, die vor allem der zölibatären Lebensform eine besondere Bedeutung zuweist. Diese asketisch-zölibatäre Lebensform wurde bei den Mongolen schon bald modifiziert, wie z.B. Hinweise in historischen Quellen über die Yum, die Gefährtinnen (oft tantrische Sexualpartnerinnen) hoher mongolischer dGe lugs pa-Geistlicher, bezeugen. Auch spätere ethnographische Berichte bis ins 20. Jahrhundert dokumentieren die von der dGe lugs pa-Norm abweichenden mongolischen monastischen Rollenmodelle. Der Vortrag beschreibt die konkreten Veränderungen, die die etablierten tibetisch-buddhistischen Rollenmodelle in den mongolischen Gesellschaften (17. – 20. Jahrhundert) erfuhren, und versucht, durch eine Re-Lektüre mongolischer Quellen, die Diskurse, die sie geformt haben, herauszuarbeiten.

Ressel, Christian:  Zur Rekonstitution sozialer Räume in der ländlichen Mongolei des 20. Jahrhunderts

Nach der Revolution von 1921 ging die mongolische Volksregierung gegen die bestehenden sozialen Verhältnisse vor. Die Stabilisierung politischer Herrschaft und Etablierung von Ideen einer modernen Gesellschaft in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren – durch die enge Beziehung zwischen der Mongolischen VR und der Sowjetunion – mit der Einführung europäischer Denkmodelle, inklusive Kategorien räumlicher und zeitlicher Ordnung verbunden.

Mein analytischer Zugang dieses raumzeitlichen Wandels basiert auf lokalen Publikationen und Jubiläumsschriften, sogenannten Tanilcuulga, die als Quellengattung in der Mongolei ab den 1960er Jahren erschienen. Nach umfassenden Verwaltungsreformen und der Kollektivierung der Landwirtschaft wurde die Bevölkerung zwischen ca. 1960-1990 mit geplanter Entwicklung und Integration in sozialistische Produktionsverhältnisse konfrontiert. In Relation zu den neuen politischen und ökonomischen Bedingungen dieser Zeit wurden spezifische Images lokaler Realitäten entworfen, wie sie die Tanilcuulga wiederspiegelten. Die Quellen dokumentieren die (symbolische) Rekonstitution sozialer Räume, etwa anhand naturwissenschaftlicher Kategorien und einer säkularen Interpretation von Landschaft, ebenso wie Aspekte der Verwaltungsreformen, so die Formation aktueller Grenzverläufe und die Gründung fester Siedlungen als Orte staatlicher Strukturen. Dabei implizieren die Hefte einen Ansatz lokaler Historiographie, der einerseits von der neu konstituierten räumlichen Ordnung ausging, andererseits lokale Entwicklungsprozesse als Teil einer neuen Gesellschaftsordnung über ein lineares Zeitmodell und den gregorianischen Kalender vermittelte.

Eine Analyse der Tanilcuulga berührt damit zahlreiche Ebenen der politischen und kulturellen Verflechtungen zwischen der Mongolei und der Sowjetunion. Die Quellen konstruieren aus mongolischer Lokalperspektive ein Abbild sozialer Räume, welches – basierend auf importierten Ordnungskategorien – bis heute einen integralen Bestandteil in der Konstitution und Repräsentation ländlicher Räume und sozialer Zugehörigkeit darstellt.

Stolpe, Ines: Die Mongolisierung der Zivilgesellschaft

Im 20. Jahrhundert wurde die Mongolische VR nicht nur als zweites sozialistisches Land der Welt definiert, sondern auch Mitglied einer am Paradigma des Internationalismus orientierten transnationalen Staatengemeinschaft. Folglich ward die Mongolei nach den Umbrüchen von 1990 im postsozialistischen Spektrum sog. Transformationsländer verortet. Heute gilt der mongolische Staat innerhalb Zentralasiens als Vorzeigedemokratie, zu deren Ingredienzien eine aktive Zivilgesellschaft gehört.

Parallel zu zahllosen NGOs, die nach westlichen Schablonen konzipiert worden sind und mit entsprechenden Mustern operieren, hat sich nach dem Ende des Sozialismus eine mongolisierte Form zivilgesellschaftlicher Aktivitäten herausgebildet, die sog. Nutag Councils. Diese translokal agierenden Netzwerke entstanden in den 1990er Jahren als innovative Arrangements der Selbstbestimmung, die auf das institutionelle Vakuum nach dem Rückzug des Staates reagierten. Es handelt sich um dynamische Gruppen von Migranten, die von urbanen Zentren bzw. vom Ausland her eine territoriale Identifikation mit ihren ländlichen Herkunftsregionen ausagieren, und zwar in Interaktion mit ihren dort lebenden Counterparts. Diese multilokalen Netzwerke repräsentieren ein breites Spektrum der mongolischen Zivilgesellschaft und zelebrieren politisches Handeln auch jenseits von Staatlichkeit. Nutag-Councils sind, so die These, in der Mongolei gegenwärtig die wichtigsten Akteure in postsozialistischen Prozessen von Nationalisierung und Regionalisierung als Ausdruck einer kreativen, originär mongolischen Auslegung demokratischer Kultur.

Vor diesem Hintergrund unternimmt der Vortrag eine empiriebasierte Analyse post-transformatorischer Umbrüche mit akteurszentriertem Fokus. Der Schwerpunkt liegt hierbei auf der Frage, welche Dynamiken sich im Kontext importierter Demokratie- und Entwicklungskonzepte als Mongolisierung charakterisieren lassen.