Panel: Klassiker in neuem Gewand

Zeitplan

Raum: Kath Theol I, Hochparterre, Johannisstraße 8-10
Tag Zeit    
Di 13:30-14:00 van Ess Lunyu 3.5 und die Folgen - Abgesagt
Di 13:30-14:00 Adamski Konfuzius als Ballspieler: Klassikerzitate und ihre Neuinterpretation in der Modernisierungsdebatte über Körperkultur zwischen 1895 und 1920
Di 14:00-14:30 Schwermann Doch keine Unterscheidung zwischen ‚Kopfarbeitern‘ und ‚Handarbeitern‘ in den Gesprächen? Die Adaption von Lún yǔ 8.9 im Tōng diǎn des Dù Yòu (735-812)
Di 14:30-15:00 Suter Über Charakter und Funktion von Klassiker-Bezügen beim Neukonfuzianer Móu Zōngsān (1909-1995)
Di 15:00-15:30 Soffel Die „Anti-Neo“-Ideologie der „Neokonfuzianer“

Panelleiter:

Christian Schwermann

Beschreibung des Panels:

Das Korpus der Dreizehn Klassiker (Shísān jīng 十三經) hat eine Kommentarliteratur von ungeheurem Umfang hervorgebracht. Alleine zum Lún yǔ 論語 sind Tausende von Gesamtkommentaren in verschiedenen Gattungen sowie Teilkommentaren überliefert. Hinzu kommt eine noch viel größere Zahl von Werken, die sich Ausschnitte aus den Klassikern einverleiben, um sie in ganz neue inhaltliche Zusammenhänge zu setzen, und nicht nur als Quelle von Autorität, sondern auch argumentativ nutzen. Dabei werden die zitierten Klassikerstellen häufig in bemerkenswert kreativer, den Standardinterpretationen zuwiderlaufender Weise uminterpretiert und mit neuen Inhalten gefüllt, mithin aus Sicht der Zitierenden und ihrer Leser aktualisiert. Das Panel setzt es sich zum Ziel, eine Auswahl solcher Neulesungen aus allen Epochen von der Antike über das Mittelalter und die Neuzeit bis in die Gegenwart vorzustellen. Dabei interessiert zum einen, welche Strategien bei De- und Rekontextualisierung von Klassikerstellen zur Anwendung kommen und ob oder inwieweit diese Form des Umgangs mit kanonischer Literatur ein autochthon chinesisches Phänomen ist. Zum anderen soll im Zusammenhang mit dem erwähnten Konzept der Aktualisierung und dem auch in der chinesischen Tradition selbst artikulierten Zweifel, ob die ursprüngliche Intention der Alten denn überhaupt rekonstruierbar sei, ganz unvoreingenommen die Frage nach Gültigkeit und Wert kreativer Klassikeradaptionen gestellt werden. Ist der Übergang von traditionellen Kommentartechniken zu radikalen Neulesungen nicht ein fließender? Erscheinen uns manche dieser auf den ersten Blick verblüffenden Auslegungen auf den zweiten Blick vielleicht sogar bedenkenswert?

Sektion:

Sinologie

Abstracts der Vorträge:

Schwermann, Christian: Doch keine Unterscheidung zwischen ‚Kopfarbeitern‘ und ‚Handarbeitern‘ in den Gesprächen? Die Adaption von Lún yǔ 8.9 im Tōng diǎn des Dù Yòu (735-812)

Das Tōng diǎn 通典 (Umfassende Statuten) des Dù Yòu 杜佑, des Vordenkers der gescheiterten Yǒngzhēn 永貞-Reform von 805, ist nicht nur eine wichtige Quelle zur Institutionengeschichte des frühen und mittleren Kaiserreichs und zur Reformbewegung der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts, sondern auch ein rhetorisch höchst anspruchsvoller Text, der eine Vielzahl von Zitaten, darunter auch zahlreiche Klassikerreferenzen, in einem komplexen argumentativen Gewebe verknüpft. In vielen Fällen verweist Dù Yòu auf die Quellen seiner Zitate und verwendet diese sinngetreu. In anderen unterlegt er ihnen eine neue Bedeutung, indem er sie dem jeweiligen argumentativen Kontext des Tōng diǎn anpasst. In einigen wenigen Fällen geht er radikal von der Standardlesung ab, wobei er gelegentlich auch ein abweichendes Verständnis der syntaktischen Strukturen offenbart oder gar den Wortlaut des Zitats stillschweigend verändert.

Bei einer dieser Neuauslegungen geht es um die Deutung von Lún yǔ 論語 8.9, jenes berühmten Abschnitts der Gespräche, in dem der ‚Meister‘ – in der Standardlesung – eine Unterscheidung zwischen ‚Kopfarbeitern‘ und ‚Handarbeitern‘ trifft, indem er von den mín 民 behauptet, dass sie wohl dazu gebracht werden könnten, ihm (dem Weg?) zu folgen, nicht aber dazu, ihn zu verstehen. Demgemäß wird die Stelle in der Kommentarliteratur gerne in einen Zusammenhang mit inhaltlich kompatiblen Passagen in Shāng jūn shū 商君書 oder auch Mèng zǐ 孟子 gesetzt. Dù Yòu verändert nicht nur den Wortlaut dieses Abschnitts, sondern impliziert obendrein durch den wirtschafts- und verwaltungstheoretischen Kontext im ersten Statut „Shí huò“ 食貨 (Ökonomie) sowie anhand einer dem Zitat unmittelbar vorangehenden Anspielung auf das Xīn shū 新書des Jiǎ Yí 賈誼 (201-169 v.Chr.), dass er Lún yǔ 8.9 syntaktisch anders analysiert und inhaltlich ganz anders versteht als die Standardlesung. Der Vortrag beschreibt diese erstaunliche Adaption zunächst formal im Vergleich mit anderen Zitaten, insbesondere Klassikerreferenzen, im Statut zur Ökonomie und erläutert sie sodann inhaltlich mit Bezug auf den argumentativen Kontext innerhalb dieses ersten Buches des Tōng diǎn. Abschließend befasst er sich mit der beunruhigenden Frage, ob die Lesung des Dù Yòu, die mehr als 1200 Jahre später noch einmal von dem Qīng-zeitlichen Gelehrten Huàn Màoyōng 宦懋庸 (1842-1892) in einem abgelegenen Lún-yǔ-Kommentar aufgegriffen werden sollte, aber darüber hinaus anscheinend keinerlei Wirkmacht entfaltete, unter Beibehaltung des Wortlauts von Lún yǔ 8.9 tatsächlich weniger plausibel ist als die Standardlesung.

Soffel, Christian: Die „Anti-Neo“-Ideologie der „Neokonfuzianer“

Der Tradition verhaftete geistige Strömungen finden sich zwangsläufig in einer Konfliktsituation wieder, wenn sie unter Reformdruck geraten. Falls dann erfolgreich Anpassungen an neue Umstände erfolgen, so wird das gerne (und oft unbewusst) damit begründet, dass die neuartigen Ideen ohnehin bereits auf die Vergangenheit zurückführbar seien.

So waren etwa die konfuzianischen dàoxúe-Gelehrten der Sòng-Zeit dem „Neuen“ gegenüber recht skeptisch eingestellt; dies zeigt sich etwa an Zhū Xīs Worten, dass hochstehende Gelehrte sich der althergebrachten Tradition fügen und eben gerade nicht dadurch auszeichnen, neue Interpretationen und Theorien zu entwickeln. Die Skepsis der dàoxúe-Konfuzianer gegenüber dem „Neuen“ ist sicher auch in ihrer Ablehnung von Wáng Ānshí begründet, der die „Neuen Gesetze“ (xīnfǎ 新法) schuf. Trotzdem werden dàoxúe-Anhänger heute gerne als „Neokonfuzianer“ bezeichnet, nicht zuletzt, weil wir es durchaus hier mit einer sehr kreativen Phase des Konfuzianismus zu tun haben.

In meinem Beitrag möchte ich untersuchen, unter welchen Bedingungen und mit welcher Rechtfertigung in einem konservativen Umfeld dennoch „neue“ Interpretationen der althergebrachten kanonischen Texte entstehen können. Im Gegensatz zu Wáng Ānshí und dessen Anhängern, die „neue Bedeutungen“ (xīnyì 新義) der Kanontexte formulierten, suchten Zhū Xī und seine Freunde nach der „ursprünglichen Bedeutung“ (běnyì 本義). An einigen Beispielen möchte ich zeigen, wie es den dàoxúe-Gelehrten gelingt, ihre neuen Interpretationen als alte Bedeutung zu präsentieren und in Ansätzen eine theoretische Auseinandersetzung mit dem „Neuen“ zu entwickeln.

Schließlich soll auch ein Blick in die moderne Epoche geworfen werden. Auch dort können wir beobachten, wie Anhänger von Zhū Xī mit diesem Problem umgehen: In der heutigen, nach Innovationen geradezu gierenden Zeit bedarf es besonderer Kunstgriffe, die rückwärts-gerichtete konservative Sichtweise der alten Vorbilder den Lesern als modern und neuartig anzuempfehlen.

Adamski, Susanne: Konfuzius als Ballspieler: Klassikerzitate und ihre Neuinterpretation in der Modernisierungsdebatte über Körperkultur zwischen 1895 und 1920

In der Modernisierungsdebatte der ausgehenden Kaiser- und der Republikzeit spielte die vom Westen adaptierte moderne Leibesübung und Körpererziehung (tǐyù 體育), für die sich hierzulande der Begriff „Sport“ etabliert hat, eine nicht unbedeutende Rolle. Trotz ihrer offenkundigen Neuartigkeit versuchten Reformverfechter wie Yán Fù 嚴復 (1853-1921), Liáng Qǐchāo 梁啟超 (1873-1929) und der junge Máo Zédōng 毛澤東 (1893-1976), die im 19. und 20. Jahrhundert in China übernommene moderne Körperkultur mit dem chinesischen Altertum zu verknüpfen. Als Bindeglied zwischen Altertum und Moderne spielen bei ihnen die antiken Künste ( 藝) und Riten ( 禮) eine Rolle, die in den Kontext der Körperbetonung gestellt werden. Erstaunlicherweise deutet Liáng Qǐchāo sogar einige Riten wie die in den Ritenklassikern beschriebene Gemeinde-Trinkzeremonie (xiāng yǐnjiǔ lǐ 鄉飲酒禮) und die Schießzeremonie (shè lǐ 射禮) aus der Sicht von Konfuzius radikal um als moderne Körperertüchtigung. Hierzu nehmen die Verfasser in ihren Schriften implizit und explizit auf die konfuzianischen Klassiker Bezug, insbesondere auf das Lǐ jì 禮記 (Buch der Riten). Die Techniken variieren hierbei: Yán Fù und Máo Zédōng machen Klassikerbezüge nicht oder nur teilweise kenntlich und interpretieren einzelne Zitate nicht um, stellen sie aber in einen neuen Bezugsrahmen und damit in den Dienst ihrer Argumentation. Liáng Qǐchāo dagegen löst nicht nur einzelne Klassikerpassagen aus ihrem eigentlichen Kontext heraus und interpretiert sie zum Teil gänzlich neu, sondern wählt zudem offenbar ganz gezielt aus verschiedenen Kapiteln des Lǐ jì aus, um sie in ihrem neuen Kontext wieder (scheinbar) schlüssig zusammenzusetzen. Dieser Vortrag hat in erster Linie das Ziel, die Neulesungen bestimmter Klassikerzitate in drei Aufsätzen von 1895, 1917 und 1920 und die Techniken ihrer Bezugsetzung zur modernen Körpererziehung nachzuverfolgen sowie die entsprechenden Argumentationen zu beleuchten. Daneben soll es auch um die Frage nach Plausibilität oder Abwegigkeit der Kontextualisierungen und Neuinterpretationen sowie letztlich auch nach der Motivation der Verfasser gehen. 

Suter, Rafael: Über Charakter und Funktion von Klassiker-Bezügen beim Neukonfuzianer Móu Zōngsān (1909-1995)

Móu Zōngsān 牟宗三 kann ohne Übertreibung als der einflussreichste Vertreter der philosophischen Spielart des traditionalistischen Neukonfuzianismus (xīn rúxué 新儒學) im 20. Jahrhundert gelten. Während er bekannt ist für seine in den 1950er Jahren einsetzende philosophische Durchdringung und Rekonstruktion des traditionellen chinesischen Denkens, widmet er sich in seinen frühen Werken verschiedenen Gebieten der Philosophie, insbesondere Fragen der Logik, Epistemologie und Kosmologie in systematischer(er) Weise. Wenngleich die Rettung des chinesischen Geistes hier noch zum Sinn und Zweck seines Unterfangens erhoben ist, greift er in seinen Schriften, die philosophisch besonders an Alfred Henri Bergson, N. Whitehead, Bertrand Russell und bald auch Kant anschließen, dennoch in großem Umfang auf traditionelle Schriften, besonders auf konfuzianische Klassiker zurück. So kann sein Erstlingswerk, das sich als eine Untersuchung des Yìjīng, des konfuzianischen Klassikers der Wandlungen, versteht, als kosmologische Spekulation unter dem Eindruck der Lektüre Bergsons und vor allem Whiteheads gelten. Hier ist die De- und Rekontextualisierung von Klassikerphrasen und ihre Nutzbarmachung für die Behandlung von Fragestellungen, die jenen ursprünglich weitgehend fremd sind, noch nicht augenfällig. Dies ändert sich aber, wenn Móu beispielsweise in einem anderen Werk, seinem 1941 herausgegebenen Logikbuch Luójí diǎnfàn (Norm der Logik), wiederholt auf Klassikerphrasen zurückgreift, um sie in unerwarteten Kontexten mit völlig neuem Gehalt zu füllen. Hier erscheint etwa Menzius 6A,6 是非之心人皆有之 „Das Herz zur Unterscheidung von Richtig und Falsch besitzen alle Menschen“ im Kontext seiner Diskussion des Primats der binären Logik, um deren apriorischen Charakter es Móu hier zu tun ist. Ganz offensichtlich kann die Erwähnung von Menzius als Gewährsmann in diesem Zusammenhang nicht sachlich begründet sein. Mein Beitrag läßt daher die eigentlichen philosophischen Fragen weitgehend außer Acht, und widmet sich vielmehr einer Untersuchung der Spielarten und Funktionsweisen von Klassikerreferenzen in Móus Frühwerk. Er vertritt die These, daß dieser spezifische Umgang mit vormodernen chinesischen Texten die Art und Weise, wie Móu in späteren Jahren eine chinesische Philosophie rekonstruiert, überhaupt erst ermöglicht.