Panel: Explicatio ex nihilo: Der Umgang mit der Lücke in der philologischen Sinologie

Zeitplan

Raum: Kath Theol I, Hochparterre, Johannisstraße 8-10
Tag Zeit    
Mo 13:30-14:00 Giele Lückentexte im Alten China 
Mo 14:00-14:30 Hofmann Mut zur Lücke? Zur Funktion von Bildern bei der Shangshu-Exegese
Mo 14:30-15:00 Magone Paratextuelle Lücken und die Zirkulation von offiziellen Dokumenten am Beispiel des Qing-zeitlichen Beamtenprüfungssystems
Mo 15:00-15:30 von Mende Die Erfolge Tang Gaozongs gegen Paekche auf der koreanischen Halbinsel - Abgesagt

Panelleiter:

Enno Giele

Beschreibung des Panels:

Das Panel setzt sich mit einem wenig beachteten, gleichwohl ubiquitären und wichtigen Aspekt des alt-philologischen Alltags auseinander: Dem Umgang mit dem Nicht-Erscheinenden und dem Nicht-Gesagten, das gleichwohl durch seine Abwesenheit zumindest dem geübten Betrachter (und dazu dürfte auch die ursprüngliche Leserschaft gehört haben) sehr wohl auffällt. Dieser Aspekt soll von ganz verschiedenen Seiten und anhand von Texten und sogar bildlichen Darstellungen aus unterschiedlichen Perioden beleuchtet werden, um so in der Gesamtschau zu generalisierenden, oder doch wenigstens auf breiterer Basis gültigen Aussagen über das Phänomen zu gelangen.

Sektion:

Sinologie

Abstracts der Einzelvorträge:

Giele, Enno: Lückentexte im Alten China

In- und Handschriften haben viele Lücken in unserem Verständnis des Alten China gefüllt. Nicht zuletzt dokumentieren sie durch ihre Erscheinung auch die Umstände ihrer eigenen Herkunft und Entstehung. Hierbei gibt es allerdings einen besonderen Aspekt, der häufig unbeachtet bleibt: Das, was nicht auf oder in den Schriften erscheint. Erst bei genauerer Betrachtung fällt auf, dass viele Texte ursprünglich lückenhaft waren, entweder ganz konkret, indem eine mehr oder weniger große Lücke im Text gelassen ist, oder auch nur indirekt, indem etwas nicht geschrieben steht, was eigentlich zu erwarten wäre bzw. lediglich indirekten Ausdruck findet, etwa durch Andeutung oder auch Durch den Einsatz von Variablen wie z.B. mou (“ein gewisser”), or jia, yi, bing, ding (“A, B, C, D”) usw. Diese unbearbeiteten oder modellhaften “Lückentexte” wiederum sensibilisieren für das Auffinden von ähnlichen Texten, bei denen die Lücken jedoch bereits gefüllt die Variablen ersetzt sind – etwa mit einer “Signatur” oder Zahlenwerten – was gerade bei Manuskripten häufig auch durch unterschiedlichen Pinselduktus, Größe oder Farbunterschiede bestätigt werden kann. Dies wiederum führt zu Überlegungen hinsichtlich der institutionellen, sozialen und kulturellen Funktion von Lücken- und Vorlagetexten mit Variablen.

Hofmann, Martin: Mut zur Lücke? Zur Funktion von Bildern bei der Shangshu-Exegese

Die konfuzianischen Klassiker sind während der gesamten Kaiserzeit unzählige Male kommentiert worden. Dabei griffen die Gelehrten auf unterschiedliche Strategien der Kommentierung zurück, mit denen sie ihren Interpretationen Autorität verleihen wollten. Neben der Kommentierung in Form von Text wurden auch bildliche Darstellungen verwendet, um die vermeintlich richtige Auslegung des klassischen Texts zu verdeutlichen. Im Gegensatz zu den textlichen Aussagen jedoch ist diesen bildlichen Darstellungen in modernen Untersuchungen zur chinesischen Kommentarliteratur wenig Aufmerksamkeit geschenkt worden. Dieser Vortrag untersucht am Beispiel der Exegese des Shangshu (Buch der Dokumente), in welchem Verhältnis Text und Bild bei der Kommentierung standen. Es wird gezeigt, zu welchen Zwecken und zu welchen Themen Bilder als Teil der Argumentation eingefügt wurden, und in welcher Weise sie über die textlichen Aussagen hinaus gingen. Besonderes Augenmerk wird dabei auf die Frage gelegt, welche Lücken der textlichen Kommentierung Bilder schließen, und in welcher Hinsicht die Bilder selbst Interpretationslücken lassen und lassen müssen.

Magone, Rui: Paratextuelle Lücken und die Zirkulation von offiziellen Dokumenten
am Beispiel des Qing-zeitlichen Beamtenprüfungssystems

Hauptaugenmerk des Beitrags ist die elliptische – d.h. an sich vorhandene, aber als solche nicht explizit gekennzeichnete – Lücke, die sich in unterschiedlicher Form und Position auf einen Haupttext bezieht und unter anderem Auskunft darüber gibt, wie und wo dieser zirkulierte. Vergleichbar sind diese unsichtbaren Lücken mit den Stellen auf Gemälden, die für Siegel und andere Spuren von Sammlern vorgesehen sind. Allerdings sind die paratextuellen Lücken in den Texten, die im Mittelpunkt des Beitrags stehen sollen – nämlich offizielle Dokumente aus dem Qing-zeitlichen Beamtenprüfungssystem, insbesondere Prüfungsbögen (mojuan/zhujuan) und -berichte (timinglu/shilu) –, relativ genau standardisiert und keineswegs optional – war die Lücke nicht mittels eines Textes oder eines Siegels ausgefüllt, dann galt das Dokument, zumindest aus offizieller Perspektive, als nicht vollständig und war deshalb unwirksam. Im Beitrag soll es um den Umgang von Textproduzenten und -konsumenten mit solchen paratextuellen Lücken gehen, aber auch um die mögliche Verwertung solcher Lücken durch moderne Historiker, beispielsweise bei derRekonstruktion von Prüfungsabläufen und der Zirkulationswegen von Texten in- und außerhalb des imperialen Archivs.