Panel: Islamisches Recht zwischen Islamwissenschaft und islamischer Theologie

Zeitplan

Raum: F 6, EG, Fürstenberghaus
Tag Zeit    
Do 16:00-16:30 Salama Iğtihād – auch für religiös-rechtliche Fragen der Muslime in Deutschland?
Do 16:30-17:00 Ebert Wege in eine zeitgemäße Rechtsordnung: Muḥammad Qadrī Pāšā (gest. 1886) und die Kodifikation des Islamischen Rechts
Do 17:00-17:30 Neuschild Offenbarung, Wertesystem oder Recht? Das Konzept der Scharia aus einer geistesgeschichtlichen Perspektive
Do 17:30-18:00 Thabti Anlegerschutz im islamischen Wirtschaftsrecht

Panelleiter:

Hans-Georg Ebert, Ibrahim Salama

Beschreibung des Panels:

Mit der Entstehung des neuen Studienganges „Islamische Theologie“ wird das Gebiet  des Islamischen Rechts nunmehr nicht nur von Islamwissenschaftlern/Arabisten und Juristen, sondern auch von den muslimischen Theologen an den verschiedenen Standorten in Deutschland behandelt. Dieses Panel stellt sich die Aufgabe, die unterschiedlichen Methoden, Sichtweisen und Auffassungen einzubeziehen und bietet daher eine Plattform zum produktiven Austausch von Gedanken, Vorgehensweisen und Lösungsvorschlägen.

Die Beiträge des Panels sollen rituelle, familienrechtliche, strafrechtliche, verfahrensrechtliche und wirtschaftsrechtliche Probleme behandeln. Dabei stehen sowohl das „klassische“ Islamische Recht als auch seine Anwendbarkeit unter veränderten sozialen und politischen Bedingungen im Mittelpunkt. Rechtsvergleichende Beiträge sind ausdrücklich erwünscht.

Die gemeinsame Leitung des Panels versteht sich auch als Auftakt einer intendierten Zusammenarbeit zwischen den unterschiedlichen Wissenschaftsbereichen, um theoretische und praktische Lösungen für anstehende Fragen zu erarbeiten und vorhandene Vorurteile abzubauen.

Sektionen:

Recht

Abstracts der Vorträge:

Salama, Ibrahim: Iğtihād – auch für religiös-rechtliche Fragen der Muslime in Deutschland?

Die Scharia gilt für die Muslime als Lebensweg, als Maßstab für die Regelung aller Angelegenheiten, sowohl der diesseitigen als auch der jenseitigen Angelegenheiten.  Das Islamische Recht -Fiqh- gilt zum Teil als menschliches Verständnis der Scharia und ihrer Intentionen.

Die Rechtsgelehrten haben Lösungen für bestimmte Fragstellungen erarbeitet, aber nur für das Leben der Muslime als Mehrheit in einem islamisch regierten Land. Für das Leben als Minderheit in einem nichtislamischen Land findet man kaum brauchbare Ansätze.

Immer wieder wird dazu aufgerufen, das altbewährte Fiqh zu reformieren, damit es den Problemen der stetig wandelbaren Lebensumstände adäquate Lösungsansätze anbieten kann.

Um diesen Aufforderungen nachzukommen, ist das Hauptinstrument der Dynamik der Scharia unentbehrlich, nämlich das IÊtihÁd. In Hinblick auf die aktuelle Lage in Deutschland und die Einführung der islamischen Theologie als wissenschaftliches Fach an manchen deutschen Universitäten wird die Frage nach den Möglichkeiten, Voraussetzungen und Notwendigkeiten eines IÊtihÁd und seine mögliche Wirkung auf den Integrationsprozess der Muslime hierzulande erörtert.

In diesem Vortrag wird u. a. auf folgende Punkte eingegangen: Ist IÊtihÁd überhaupt noch möglich? Wer ist MuÊtahid? Welche Voraussetzungen darf er erfüllen? Welche Arten des IÊtihÁd gibt es? In welchem Bereich darf IÊtihÁd ausgeübt werden? In welchen Bereichen des Lebens der Muslime in Deutschland ist ein IÊtihÁd notwendig?

Thabti, Souheil: Anlegerschutz im islamischen Wirtschaftsrecht

Seit einigen Jahren werden in Deutschland Finanzprodukte[1] angeboten, die den Anspruch erheben konform mit den Vorgaben des islamischen Wirtschaftsrechts zu sein. Der Anleger vertraut darauf, dass er durch die Einhaltung der islamrechtlichen Vorgaben seitens des Anbieters geschützt ist. Ob er sich tatsächlich in Schutz wissen kann, steht auf einem anderen Blatt. Was im Rahmen dieser Ausarbeitung erfolgen soll, ist die Beleuchtung derjenigen Vorgaben des islamischen Wirtschafts, die auf einen Anlegerschutz hinweisen und einen solchen garantieren. Dabei ist der Fokus auf bestimmte Verhaltensregeln islamischer Banken und Kapitalanlagegesellschaften zu setzen. Zweck dieser Verhaltensregeln ist die Wahrung Transparenz, Gerechtigkeit und Solidarität. Die Grundlage aus der die Verhaltensregeln abgeleitet werden findet sich in den Intentionen der Scharia (Maqāṣidu š-Šarīʿa). Die Intentionen der Scharia haben primär den Schutz der fünf Hauptbereiche im Blick: Schutz des Lebens (hifẓu n-Nafs), der Religion (hifẓu d-Dīn), Intellekt (hifẓu l-ʿaql), Nachkommenschaft (hifẓu n-Nasl) und Vermögen (hifẓu l-Māl). Aus der allgemein formulierten Intention des Vermögensschutzes werden die hier darzustellenden Verhaltensregeln für den Anlegerschutz abgeleitet.

Aus der Intention (Maqṣad) des Vermögensschutzes (hifẓu l-Māl) lassen sich beispielsweise folgende Verhaltensregeln entnehmen: Das Verbot vermögensschadende Handlungen zu begehen, das Verbot maßlos und verschwenderisch mit dem Vermögen umzugehen, die Erstattung des entwendeten Gutes, die Dokumentierungspflichten und Pfandannahme. Unter diese allgemein formulierten Regelungen sind die einzelnen Praktiken aus der Praxis islamischer Banken und Kapitalanlagegesellschaften zu subsumieren, um herauszufinden, ob der Anleger geschützt ist.

Es gilt die aus den Intentionen der Scharia abgeleiteten Verhaltensregeln mit dem hierzulande geltenden Recht bzgl. des Anlegerschutzes in Vergleich zu setzen, um Unterschiede und Gemeinsamkeiten heraus zu erarbeiten.


[1] Fondsgebundene Rentenversicherungen, Vermögensaufbau, Goldsparpläne, ETF’s, etc.

Ebert, Hans-Georg: Wege in eine zeitgemäße Rechtsordnung: Muḥammad Qadrī Pāšā (gest. 1886) und die Kodifikation des Islamischen Rechts

Der Ägypter Muḥammad Qadrī Pāšā gehört zu jener Gruppe muslimischer Juristen, die aufgrund ihrer Kenntnisse des Islamischen Rechts und des westlichen (französischen) Rechts eine neue Etappe in der Schaffung nationaler Rechtsordnungen einleiteten. Er wirkte sowohl als rechtlicher Reformer im staatlichen Auftrag als auch als Verfasser von Kodifikationen, die er nach formal westlichem Muster mit ḥanafitischen Bestimmungen unterlegte. Dabei nahm er auf die bedeutenden furū‛-Werke Bezug und wählte solche Regelungen aus, die ihm als am besten geeignet erschienen, den Herausforderungen der Gesellschaft gerecht zu werden. Zwar haben seine Gesetzesvorschläge auf dem Gebiet des Familienrechts, Zivilrechts und des Rechts der Religiösen Stiftungen de jure keine Verbindlichkeit erlangt, weil sie weder zu Lebzeiten noch in den Folgejahren eine offizielle staatliche Anerkennung erfahren konnten, dennoch wurden sie zu wichtigen Leitdokumenten innerhalb und außerhalb Ägyptens. Qadrī Pāšā orientierte sich dabei an der osmanischen Mecelle, ohne diese zu kopieren. Seine Kodifikationen können als ein Musterbeispiel akribischer rechtlicher Tätigkeit gewertet werden und dienen bis heute als Leitbild für das ḥanafitische Recht. Arabische und ausländische Gerichte ziehen bei  der Anwendung ḥanafitischen Rechts die Kodifikationen des Qadrī Pāšā zurate.

Mit den rechtlichen Veränderungen infolge des Arabischen Frühlings könnten die Arbeiten, Methoden und Vorstellungen Qadrī Pāšās durchaus verstärkte Beachtung finden.

Neuschild, Tilman: Offenbarung, Wertesystem oder Recht? Das Konzept der Scharia aus einer geistesgeschichtlichen Perspektive

Trotz ihrer Signifikanz in vielen zeitgenössischen Diskursen und einer unüberschaubaren Vielzahl an Publikationen ist „die Scharia“ als Begriff und Idee nie sorgfältig unter geistesgeschichtlichen Gesichtspunkten betrachtet worden. Bereits 1965 vertrat Wilfred Cantwell Smith die Ansicht, das Konzept der Scharia sei in den frühen theologischen Debatten unbedeutend gewesen, habe erst zu einem vergleichsweise späten Zeitpunkt seine heutige Bedeutung erlangt und eine wesentlich differenziertere Auffassung der Begrifflichkeiten wäre angebracht. Obwohl diese Sichtweise mittlerweile des Öfteren bestätigt wurde, haben bis heute keine darauf aufbauenden Forschungsbemühungen stattgefunden.

In diesem Paper argumentiere ich daher, dass eine Wahrnehmung der Scharia als intellektuell wirksames Konzept unser Verständnis ihrer Wirkungszusammenhänge deutlich erweitern kann. Mithilfe begriffs- und diskursgeschichtlicher Methodik können verbreitete Bedeutungszuschreibungen, charakteristische Eigenschaften und somit Grundlagen ihrer Wirkmächtigkeit besser erfasst sowie Veränderungen in diesen Auffassungen nachvollzogen werden. Des Weiteren kann die Anwendung einer stringenten Methodik die Aussagekraft und Vergleichbarkeit der erzielten Ergebnisse im Gegensatz zur bisherigen Forschungslage merklich erhöhen. Dies demonstriere ich anhand vorläufiger Ergebnisse meines gegenwärtigen Forschungsprojektes, in dessen Rahmen ich die Schariakonzeptionen ausgewählter Gelehrter des 5./11. Jahrhunderts untersuche (i.W. al-Ǧuwainī, al-Ġazālī, al-Qāḍī ʿAbd al-Ǧabbār).

Viel von der Bedeutsamkeit der Scharia rührt offensichtlich aus ihrer Verwendung als legitimierendes Mittel im muʿtazilitisch-ašʿaritischen Disput her, indem muʿtazilitische Standpunkte als nicht von Gott (šarʿī) sondern vom Verstand ausgehend (ʿaqlī) und damit fehlerhaft dargestellt wurden. Des Weiteren besteht nach bisherigem Kenntnisstand ein Bedeutungsunterschied zwischen den relevanten Begriffen des Scharia-Konzeptes (v.a. šarʿ – šarīʿa), dessen sich die zuvor genannten Gelehrten augenscheinlich bewusst waren und die Terminologie entsprechend verwendeten. In all ihrer Komplexität wurde die Scharia stets weniger als „Recht“ oder „Gesetz“ denn als Werte- und Normensystem wahrgenommen und dieses Paper hofft daher, einen Beitrag zu einer angemesseneren und stärker methodengeleiteten Erforschung der Scharia zu leisten.