Panel: Neoliberale Stadtentwicklungen in der arabischen Welt

Zeitplan

Raum: F2, 1.0G, Fürstenberghaus
Tag Zeit    
Mo 16:00-16:30 Al-Hamarneh „Der Widerspenstigen Zähmung“ – Strategien der Stadtentwicklung im arabischen Frühling am Beispiel von Kairo und Amman
Mo 16:30-17:00 Margraff Neue Governance Allianzen in der Stadtentwicklung – Die Beispiele Maskat und Manama
Mo 17:00-17:30 Scharfenort Kultur und Sport als Vermarktungsmechanismen am Beispiel von Abu Dhabi und Doha
Mo 17:30-18:00 Gerster

Palästinensische Nicht-Regierungsorganisationen – eine neoliberale “Beschäftigungsgemeinschaft” – Feldstudie in West Bank und Gaza

Leitung des Panels

Ala Al-Hamarneh; Günter Meyer

Beschreibung des Panels

Unter dem Begriff „Neoliberale Stadtentwicklung“ werden vor Allem drei mit einander verbundenen Strategien verstanden: erstens, Abkopplung der Stadtplanung von der urbanen sozioökonomischen Entwicklung; zweitens, globale Kommodifizierung und Vermarktung der Städte; und drittens, Auslagerung und Privatisierung der Prozesse der  Stadtplanung und der kommunalen Dienstleistungen. Räumlich und strukturell zeigt sich neoliberale Stadtentwicklung in Formierungen von neuen politischen und ökonomischen Allianzen, Fragmentierung des urbanen Raumes, Privatisierung von öffentlichen Räumen, Urban Design, Icon Architektur und „Large-Scale-Urban Development Projects“ sowie Boom von Bürgerinitiativen und Protestbewegungen. In diesem Panel werden Prozesse der neoliberalen Stadtentwicklungen in der arabischen Welt theoretisch und exemplarisch erläutert und analysiert.

Abstracts

Al-Hamarneh, Ala: „Der Widerspenstigen Zähmung“ – Strategien der Stadtentwicklung im arabischen Frühling am Beispiel von Kairo und Amman

Strategien und Mechanismen der neoliberalen Stadtplanung und –Entwicklung wurden seit Anfang des 21 Jahrhunderts als „alternativlos“ von den arabischen Regimen vermarktet und implementiert. Räumliche urbane Fragmentierung, Auslagerung der Stadtplanung, Privatisierung der kommunalen Dienstleistungen, „Icon“ Architektur und große Bauprojekte,  Abkopplung der Stadtplanung von sozioökonomischer Entwicklung und „flexible“  Stadtplanung dominierten den Diskurs der Stadtentwicklung. Der Libanon, VAE, Ägypten und Jordanien wurden zum Vorreiter dieser Entwicklung.  Negative Erscheinungen wie Immobilienspekulationen, Korruption, Verdrängung von ökonomisch schwachen Bevölkerungsgruppen, intransparente Entscheidungsprozesse, Geldwäsche usw. werden von der Öffentlichkeit mit neoliberaler Stadtentwicklung in Zusammenhang gebracht und stark kritisiert.

Die Fragen der Stadtentwicklung wurden im Rahmen der Aufstände und Protestbewegungen 2011 diskutiert und auf die politische Agenda gestellt. In diesem Sinne werden viele Minister, Politiker und Investoren, die im Bau- und Immobiliensektor tätig waren, inhaftiert und viele Bauprojekte gestoppt. Stadtpläne und urbane Visionen wie „Kairo 2050“ und „Amman Plan“ werden gründlich bearbeitet bzw. annulliert.  Erste Ansätze eines Umdenkens fanden statt. In diesem Paper werden die politischen und sozioökonomischen Rahmenbedingungen des Umdenkens sowie die strukturelle und praktische Veränderung in der Stadtplanung erläutert. Positive und negative Folgen werden dargestellt (die Initiative „Cairo Urban Manifesto“ und die Schließung von „Amman Institute“) und die von Regierungen neu vorgestellten Strategien  werden analysiert. Die Untersuchung versucht auf die folgende Frage eine Antwort zu geben: Inwieweit repräsentieren die neuen Maßnahmen eine „Abkehr“, „Korrektur“ oder „Modifikation“ der alten neoliberalen Strategien der Stadtplanung und -Entwicklung?

Gerster, Karin A.: Palästinensische Nicht-Regierungsorganisationen – eine neoliberale “Beschäftigungsgemeinschaft” – Feldstudie in West Bank und Gaza

Mit Beginn der 1990ziger Jahren haben wichtige Geldgeber wie die Europäische Union, Weltbank, Vereinigte Staaten von Amerika und verschiedene Geberländer einen Paradigmenwechsel in ihrer Entwicklungshilfepolitik vollzogen. Die finanzielle Unterstützung war in den 1970- und 80ziger Jahren definiert als Hilfe für soziale Entwicklung und wurde an Regierungen bezahlt. Seit Ende der 1980ziger Jahre haben Geldgeber die positive Wirkung von sozialen Akteuren in der Zivilgesellschaft, vornehmlich Nicht-Regierungsorganisationen, hinsichtlich wirtschaftlicher Entwicklung erkannt und finanzieren diese überwiegend in urbanen Räumen, unabhängig und parallel zu den jeweiligen Regierungen.

 Die spannende Frage lautet: Welchen Veränderungen sind in einer Gesellschaft festzustellen, wenn Entwicklungshilfe nicht an Regierungen, sondern an ausgesuchte Nicht-Regierungsorganisationen (NRO) geht – wenn Geberländer ihren neoliberalen Politikansatz von sozialen Akteuren vor Ort implementieren lassen, um somit wirtschaftliche Entwicklungen insbesondere in städtischen Räumen voranzutreiben?

 Um neoliberale Entwicklungen im Nicht-Regierungssektor besser zu verstehen, werden in der vorzustellenden Feldstudie Angestellte in Palästinensischen Nicht-Regierungsorganisationen, die extern (westlich) finanziert werden, in den Fokus gerückt. Die vorgestellte Analyse baut auf einer quantitativen sowie qualitativen Feldstudie in der West Bank und in Gaza in den Jahren 2010-2011 auf. Analysiert werden die Daten der Angestellten hinsichtlich ihres persönlichen Hintergrundes, ihrer Arbeitskarieren, ihres Lebensstandards (inklusive Lohnniveau) und ihrer politischen Verortung. Diese persönlichen Daten von NRO-Angestellten werden einerseits im individuellen Kontext analysiert, wie sie die persönliche Lebenssituation jedes einzelnen beeinflussen, und in einem weiteren Schritt im gesamtgesellschaftlichen Kontext hinsichtlich sozialer und politischer Strukturen.

Die in der Mehrzahl ungesicherten (“prekären”) Beschäftigungsverhältnisse, aber auch diejenigen der Angestellten in Mittelklasse- und Elitepositionen, führen durch Transformation der Nicht-Regierungsorganisationen zu einem Stabilisierungsfaktor der gegenwärtigen palästinensischen Herrschaftsstrukturen. Ziel des Beitrages ist, die Ergebnisse der Studie näher zu erläutern.

Margraff, Jonas: Neue Governance Allianzen in der Stadtentwicklung – Die Beispiele Maskat und Manama

In den arabischen Golfstaaten treiben neue Allianzen aus Politik und Wirtschaft eine neoliberale Stadtentwicklung voran, wobei durch die Abkopplung von Planung und Entwicklung eine sozialräumliche Fragmentierung entsteht und historisch gewachsene sozioökonomische Interaktionsräume eliminiert bzw. verändert werden.

Die Allianzen der Stadtentwicklungsplanung bilden sich durch eine Koalition zwischen öffentlichen und privaten Akteuren, die wirtschaftliche Gesichtspunkte anstelle von sozialen Belangen in den Vordergrund stellen und Stadtentwicklung immer stärker als profitmaximierende Raumentwicklung und nicht als sozialräumliche Entwicklung ansehen und der städtische Raum als in die globale Ökonomie eingebettete Mehrwertquelle verstanden wird.

Die „Urban Governance“-Strukturen folgen immer stärker den Interessen der Ökonomie, der Architekten und externen Berater und durch Modelle wie Public Private Partnership oder Public Private Ownership kommt es zum Outsourcing ehemals stadtplanerischer Hoheitsaufgaben. Eine kohärente Planung weicht einer vor allem durch Großprojekte gekennzeichneten Stadtentwicklung, wobei den einzelnen Teilräumen neue ökonomische Funktionen zuteilwerden. Die Vermarktung der Stadt durch Imagebildung und selektive Sozialprojekte bestimmen die Vorgehensweise und führen zur Privatisierung von öffentlichen Räumen und urbanen Dienstleistungen. Profitmaximierung im Immobiliensektor rückt zu Lasten sozioökonomischer Entwicklungsstrategien in den Vordergrund und lässt Städte zum Raum der Eliten bzw. zum elitären Raum werden.

An den Beispielen der im Vergleich zu den Golfmetropolen Dubai und Abu Dhabi in der Forschung wenig untersuchten Städte Maskat und Manama sollen die oben beschriebenen Governance Allianzen mit ihren neuen Strukturen analysiert und die Auswirkungen ihrer Handlungsstrategien auf die beiden Städte verdeutlicht werden.

Scharfenort, Nadine: Kultur und Sport als Vermarktungsmechanismen am Beispiel von Abu Dhabi und Doha

Stabile politische und wirtschaftliche Verhältnisse sowie eine leistungsfähige Infrastruktur sind attraktive Standortvorteile der Golfstaaten. Das engmaschige Netz an leistungsfähiger technischer und sozialer Infrastruktur bewirkt ein hohes Konkurrenzpotenzial innerhalb der Region. Die Städte übertreffen sich regelmäßig mit der Erweiterung ihrer Kapazitäten und der Umsetzung symbolträchtiger infrastruktureller Großprojekte. Es herrscht ein regionaler zwischenstaatlicher Kampf um potenzielle Investoren, wobei die einzelnen Herrscherfamilien regionale Hegemonie anstreben.
Für das Image, die globale Vermarktung und die internationale Wahrnehmung einer Stadt spielen Kultur, Sport und Wissenschaft eine wesentliche Rolle. Die Hauptstädte Abu Dhabi (VAE) und Doha (Katar) haben seit der Jahrtausendwende einen erheblichen Wachstums-schub erfahren, gelten jedoch im Vergleich zu ihrem Nachbarn Dubai als „Spätstarter“ hin-sichtlich ihrer neoliberalen Stadtentwicklung .
Trotz aller Maßnahmen, sich einerseits im regionalen und globalen Netzwerk zu positionie-ren, andererseits aber ein Gegengewicht zum so genannten „Dubai-Modell“ zu bilden, das inzwischen sehr kritisch hinterfragt wird, sind die Selbst- und Fremdwahrnehmungen noch zu wenig ausgeprägt, weshalb gezielt am Stadt- und Kulturimage gearbeitet wird.
Abu Dhabi landete nicht nur mit seiner Aufnahme in den Formel-1-Kalender (ab 2009) einen Coup, sondern gleichermaßen durch den Vertragsabschluss mit Guggenheim (2006) und dem Louvre (2007) zur Einrichtung von Dependancen auf Sa´diyat Island. Doha ist seit einigen Jah-ren Gastgeber von Sportgroßveranstaltungen (z.B. 2006 Asian Games), setzte mit der Eröff-nung des Museum of Islamic Art (2009) einen kulturellen Meilenstein und konnte sich 2010 bei der Vergabe für den FIFA World Cup 2022 erfolgreich gegen seine Kontrahenten durch-setzen.
Ziel des Vortrags ist eine kritische Analyse der Vermarktungsmechanismen im Bereich des Sports und der Kultur am Beispiel der Städte Abu Dhabi und Doha.