Panel: Libanon: neue politische und soziale Organisationsformen

Zeitplan

Raum: F 2, 1.0G, Fürstenberghaus
Tag Zeit    
Do 09:30-10:00 Albrecht Krieg der Symbole – Die Ästhetik der Gewalt in libanesischer Parteikultur
Do 10:00-10:30 Bonsen Eine Nation geteilt entlang ihrer Märtyrer? Der Märtyrerkult im Libanon am Beispiel von Ḥarakat Amal
Do 10:30-11:00 Pause
Do 11:00-11:30 Sakmani Das Feld der inter- und intrakommunitären Beziehungen im Libanon als gesellschaftlicher und politischer Handlungsrahmen
Do 11:30-12:00 Sengebusch Die Politikbegriffe “neuer” zivilgesellschaftlicher Akteure im Libanon
Do 12:00-12:30 Thuselt Erscheinungsformen, Funktionen und Bedingungen des Charismas in der libanesischen Politik am Beispiel christlicher Parteien

Panelleiter:

Christian Thuselt, Sabrina Bonsen

Beschreibung des Panels:

- nicht vorhanden -

Sektion:

Politik, Wirtschaft und Gesellschaft

Abstracts:

Albrecht, Mara: Krieg der Symbole – Die Ästhetik der Gewalt in libanesischer Parteikultur

Politik im Libanon ist vor allem auch in der Sphäre des Symbolischen verortet. Besonders augenfällig ist die Nutzung von Farben, Flaggen, Logos, Postern und anderen visuellen Symbolen durch die zahlreichen politischen Parteien und ihrer Anhänger. Mottos und Slogans zieren Banner und Stirnbänder, sind als Graffitis an Häuserwände gesprüht und werden von den Anhängern bei Parteiaufmärschen lautstark skandiert. Reden der Parteiführer und patriotische Musik werden über parteizugehörige Radio- und Fernsehsender ausgestrahlt und sind wesentlicher Bestandteil von öffentlichen Parteiveranstaltungen. Im Rahmen der parteilichen Festkultur werden Geburts- und Todestage der Parteiführer sowie Parteijubiläen zelebriert. Die Festivitäten sind aufwendig inszeniert und kombinieren den Einsatz von visuellen Symbolen mit Musik und Ansprachen sowie performativen Handlungen und machen sie dadurch zu intensiven Erlebnissen für die partizipierende Anhängerschaft. Neben Gedenkfeiern spielen Erinnerungsorte wie Statuen, Denkmäler, Grabstätten, Museen, Parteizentralen und auch die privaten Anwesen der Parteiführer eine wichtige Rolle bei der Erschaffung einer gemeinsamen Erinnerungskultur.

Die Fokussierung der Parteien auf den Bereich des Symbolischen ist Konsequenz der spezifischen Kultur des Politischen im Libanon. Diese geht einher mit einer Tradition des gewaltsamen Austragens von Konflikten, die sich bis in die heutige Post-Bürgerkriegskultur hinein verfolgen lässt. Die traumatische Vergangenheit wurde nicht ausreichend aufgearbeitet und die allgegenwärtige Präsenz von Militär im Straßenbild ist nur ein Indikator für den fragilen Frieden. Märtyrer werden besungen, Gewalt und (militärische) Stärke symbolisch in Aufmärschen zelebriert, Waffen und Krieg in Darstellungen romantisiert. Der Einsatz von symbolischen Formen und kulturellen Praktiken im Bereich des Politischen ist im Libanon damit auch als ein „Krieg der Symbole“ zu interpretieren, als ein symbolisches Erzeugen von „Wunden“ und als eine andere Form des Austragens von Konflikten.

Der Vortrag wird anhand von historischen und zeitgenössischen Beispielen aus der Parteikultur der Progressiven Sozialistischen Partei, der Kata’ib und der Hisbollah illustrieren, in welchen symbolischen Formen und kulturellen Praktiken Gewalt und Krieg ästhetisiert werden. Wesentliche Aspekte die dabei thematisiert werden sind symbolische Demonstrationen von Macht und Stärke bei Parteiveranstaltungen, visuelle Symbole der Gewalt, Märtyrerkult und Darstellungen der Parteiführer als Kombattanten.

Bonsen, Sabrina: Eine Nation geteilt entlang ihrer Märtyrer? Der Märtyrerkult im Libanon am Beispiel von Ḥarakat Amal.

Samuel Klausner beschreibt „Märtyrertum“ als einen politischen Akt und als politischen Anspruch auf Autorität (Encyclopedia of Religion). Im Libanon ist es darüber hinaus ein Akt der Allokation von Macht zwischen verschiedenen rivalisierenden politischen Parteien welcher seinen Höhepunkt während des Bürgerkrieges fand. Es entstand dabei eine politische Strategie das „symbolische Kapital“ (Bourdieu) von Märtyrern in einem Kult zu konzentrieren, den wir heute durch zahlreiche Märtyrerveranstaltungen, Plakate, Literatur etc. wahrnehmen können. Am Märtyrerkult verschiedener libanesischer Parteien spiegelt sich anschaulich die Zersplitterung des Landes in zumeist konfessionelle Gruppierungen mit jeweils gemeinsamen Ideologien wieder, die von säkular bis religiös reichen. In den meisten Fällen kann bei dem Märtyrerkult von einer „sectarian activity […] not antagonistic to the discourse of Lebanese nationalism“ (Roschaery-Eisenlohr) ausgegangen
werden.

Der Vortrag gibt einen Überblick über den Märtyrerkult der Partei „Amal Bewegung“ und dessen Entwicklung entlang verschiedener historisch-politischer Stationen. Dabei soll vor allem die Frage der Konzeptualisierung von Nation bei Amal diskutiert sowie Aspekte der Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Grenzen des Märtyrerkults zu anderen Parteien aufgezeigt werden.

Sakmani, Manuel: Das Feld der inter- und intrakommunitären Beziehungen im Libanon als
gesellschaftlicher und politischer Handlungsrahmen

Die inter- und intrakommunitären Beziehungen im Libanon weisen, aufgrund ihres besonderen Stellenwertes in der libanesischen Gesellschaft, all solche Attribute auf, die sie für eine theoretische Konstruktion als Praxisfeld oder Spiel im Sinne Pierre Bourdieus qualifizieren: So handelt es sich bei ihnen um eine Sphäre gesellschaftlicher Kämpfe, in der um feldspezifisch begehrte Kapitalsorten gerungen wird; es herrscht ein bestimmtes, weitgehend ungeschriebenes „Regelwerk“, welches den im Feld Agierenden bekannt, wenngleich nicht immer und zwingend bewusst ist; das Feld selbst wird durch den Glauben der Teilnehmer („Illusio“) an die Gültigkeit der Regeln sowie an den Wert der umkämpften Kapitalsorten erzeugt bzw. kontinuierlich reproduziert und die herrschenden Spielvorgaben werden „[…] unter dem Blickpunkt eines anderen Spiels […] wenigstens unbedeutend.“ (Bourdieu).

Der Vortrag zeichnet die theoretische Konstruktion und Abgrenzung des Feldes der inter- und intrakommunitären Beziehungen im Libanon auf Basis der Identifikation und Analyse spezifischer, konstituierender Merkmale nach. Darauf aufbauend werden vorläufige, verallgemeinernde Rückschlüsse auf die gegenwärtigen Bedingungen von gesellschaftlicher und politischer Praxis sowie auf den Handlungsspielraum und mögliche Strategien der sozialen Akteure (Feldteilnehmer) vorgestellt.

Sengebusch, Karolin: Die Politikbegriff “neuer” zivilgesellschaftlicher Akteure im Libanon

An der antikonfessionellen Bewegung im Libanon, die um das Jahr 2011 eine Protestwelle nie dagewesener Größe erlebte, sind sehr diverse Aktivisten beteiligt. Zu unterscheiden sind die vier Aktivistentypen der Parteien, Nichtregierungsorganisationen, unabhängigen Aktivisten und Intellektuellen. Während Parteien und einige herausragende Intellektuelle seit Jahrzehnten gegen den Konfessionalismus aktiv sind, wuchs seit Bürgerkriegsende zudem zunächst die Zahl der NGOs und in den letzten Jahren auch die Zahl der jungen Aktivisten, die sich als „unabhängig“ bezeichnen. Konflikte zwischen diesen Aktivistentypen, welche die antikonfessionelle Protestwelle 2010-2012 trugen und darin auf verschiedene Weisen kooperierten, sind ein Grund für die Fragmentierung und letztlich das Scheitern der Bewegung. Konfliktpunkte beziehen sich auf die strategische Wahl der Protestthemen, der Protestform und der Organisationsform, wobei auch die Wirksamkeit der jeweils gewählten Strategie zur Debatte steht.

Diese starke Diskrepanz in der Beurteilung der Wirksamkeit einer Protestform oder Organisationsform ist, so wird argumentiert, zurückzuführen auf das unterschiedliche Politikverständnis der jeweiligen Aktivisten. Verschiedene Aktivistengruppen beurteilen ein und dieselbe Protestform höchst unterschiedlich, weil sie disparate Ansätze davon vertreten, was als „politisch“ und somit als politisch wirksam gilt. Die Präsentation analysiert die unterschiedlichen Politikkonzepte der Aktivistentypen und setzt diese in Bezug zu den Kontexten, in dem die Vertreter der verschiedenen Typen politisiert wurden.

Thuselt, Christian: Erscheinungsformen, Funktionen und Bedingungen des Charismas in der libanesischen Politik am Beispiel christlicher Parteien

Die gängige Analyse libanesischer Politik besteht zuvörderst in der Darstellung des Landes als eines Systemes der „Zu`ama´“, in welchem Politik nur rein persönlichen Interessen dient, jedoch keinesfalls auf irgendeiner inhaltlichen Unterscheidbarkeit fusst. Hierzu trägt zweifelsohne auch bei, dass ein nicht unbeträchtlicher Teil der mit dem Lande befassten Literatur aus der Zeit vor dem Bürgerkrieg stammt, respektive die Zeit der syrischen Besatzung behandelt. Diese Phase, in der wir vielleicht von einem „Authoritarianism by Diffusion“ (Khazen) sprechen.

Nichts desto trotz kann seit der Gründung des Staates Libanon 1920 die Herausbildung einer politischen Öffentlichkeit beobachtet werden, welche als das Merkmal der Moderne schlechthin erkannt wurde (Anderson, Eisenstadt, Taylor). Damit verbunden ist die graduelle und selektive Inklusion bestimmter Personen aus der Mittel- bis Unterschicht in das politische System des Landes und, vice versa, der Integration der traditionellen politischen Familien in politische Blöcke mit mehr oder weniger stark ausgeprägten politischen Identitäten. Die somit entstandenen Parteien können von ihren Anhängern nach klar erkennbaren ideologischen Grundsätzen voneinander geschieden werden, am Beispiel der Christen knüpfen sie an seit der Staatsgründung existente Traditionslinien an. Dennoch sticht ihr hohes Maß an Personalisierung ins Auge. Dieser Vortrag will am Beispiel dreier christlicher Parteien – den Phalangisten, den Lebanese Forces und dem Free Patriotic Movement – die Bedeutung der jeweiligen Führungspersonen und ihre Legitimation darstellen. Diese unterscheidet sich signifikant von einer lediglich patrimonialen und ist insofern Ausdruck eines sozialen Wandels. Es sollen Funktion, stukturelle Rahmenbedingungen und damit auch Grenzen dieses Charismas aufgezeigt werden.