Panel: Interkulturkontakte im regionalen Kontext: 200 Jahre Napoleonkriege – Tataren, Baschkiren, Kalmüken in Deutschland als semantisches Reservoir in Historiografie und interkultureller Bildung

Zeitplan

Raum: F4, 2.0G, Fürstenberghaus (Dienstagvormittag I); F43, Keller, Fürstenberghaus (Dienstagvormittag II); F4, 2.0G, Fürstenberghaus (Dienstagnachmittag II)
Tag Zeit    
Di 09:30-10:00 Alpaut Die unbekannte Front: Muslime als Soldaten der russischen/sowjetischen Armeen. Das Beispiel der Kumüken
Di 10:00-10:30 Gibatdinov Tatar-German history as an medium of intercultural education
Di 10:30-11:00 Pause  
Di 11:00-11:30 Gilyazov Zwischen Kollaboration und Widerstand: Tatarische Kriegsgefangene und tatarisch-baschkirische Wehrmachtslegionäre  im Ersten und Zweiten Weltkrieg
Di 11:30-12:00 Hotopp-Riecke Preußische Tataren? Interkulturkontakte in Napoleonischer Zeit als Objekt der Forschung und interkulturellen Bildung
Di 12:00-12:30 Ilyasova Der Vaterländische und der Große Vaterländische Krieg: Der Beitrag von Tataren, Udmurten, Baschkiren aus der Genderperspektive
Di 12:30-13:00 Jakubauskas Zur Rolle der Lipka-Tataren in der französischen, preußischen und sächsischen Armee der Napoleonzeit
Di 13:00-14:00 Mittagspause  
       
Di 16:00-16:30 Kerimov Literatur und Diplomatie zwischen Krim-Khanat, Preußen und Sachsen einerseits sowie Exil-Krimtataren und dem Deutschen Reich andererseits
Di 16:30-17:00 Khamsin Kampf um Selbsterhalt eines europäischen islamischen Volkes: Die Krimtataren. Historische Verbindungen und aktuelle demokratische Initiativen
Di 17:00-17:30 Kurshutov Zur Geschichte der Krimtatarischen Reiterpulks in der Armee des russländischen Imperiums: Für Volk und Vaterland?
Di 17:30-18:00 Theilig Baptizatus est – Die Taufe von kriegsgefangenen Osmanen in Preußen und Sachsen. Projekte und Potential

Leitung des Panels

Marat Gibatdinov, Mieste Hotopp-Riecke, Stephan Theilig

Beschreibung des Panels

In diesem Jahr wird in Deutschland das 200. Jubiläum bedeutender Schlachten der Napoleonischen Kriege begangen, unter anderem der Völkerschlacht bei Leipzig, der Schlacht bei Dresden und der Schlacht an der Göhrde. Speziell der Beitrag der tausenden muslimischen Soldaten der sächsischen, russischen, preußischen und französischen Armeen – Lipka-, Wolga- und Krim-Tataren, Baschkiren, Kirgisen – sowie der Kosaken, Tschuwaschen und buddhistischen Kalmüken sind ein weitgehend unbeachtetes Kapitel dieses epochalen Wendepunktes der europäischen Geschichte. Deren Anteil an dieser gemein-europäischen Vergangenheit nehmen wir zum Anlass, um muslimisch-christliche Kontakte im Allgemeinen sowie tatarisch-preußische Berührungspunkte im Besonderen in den Fokus zu nehmen. Flankierende Themen, wie – abhebend auf die massenhaften interreligiösen Kontakte der Napoleonzeit – die Rezeption der rezenten Euro-Islam-Debatten, das Thema der Kulturtranslation und reziproken Akkulturation aber auch der Xenophobie und Instrumentalisierung von Feindbildern im Kontext Islam-Preußen erweitern das Spektrum unseres Panels.

Sektion

Politik, Wirtschaft und Gesellschaft

Abstracts der Vorträge

Gibatdinov, Marat: Tatar-German history as an medium of intercultural education

Während zu Geschichte, Kulturen und Sprachen der Tataren eine reichhaltige Literatur zur Verfügung steht, die xenophobe Vorurteile abzubauen im Stande wäre, ist der Gegenstand dieser Präsentation an sich – das meist pejorative Bild dieser `fremden` Ethnie in Schulbüchern -wenig erforscht und beschrieben worden. Ein besonderes Augenmerk gilt hier der historischen Konstante dieser Negativimages trotz immer wieder auch positiver Begegnungen wie in der Napoleonzeit. Basis der Analyse sind Schulbuchsammlungen des Georg-Eckert-Institutes in Braunschweig und umfangreiche Recherchen in Archiven und Verlagen Deutschlands und der Russländischen Föderation.

Hotopp-Riecke, Mieste: Preußische Tataren? Interkulturkontakte in Napoleonischer Zeit als Objekt der Forschung und interkulturellen Bildung

Der Vortrag umreißt das Potential und die Wirkungsmöglichkeiten, die eine wenig beachtete Facette der Napoleonischen Kriege darstellt: Die massenhaften interkulturellen / interreligiösen Kontakte, die es mittels Kampfhandlungen aber auch durch die Einquartierung von zehntausenden Muslimen (Krimtataren, Wolgatataren, Baschkiren etc.), Juden (Karaimen), Buddhisten (Kalmüken), Christen (Udmurten, Tschuwaschen) und Animisten (Jakuten) in der Zeit der Napoleonkriege in Deutschland gegeben hat. Neue Quellen aus Regionalarchiven verknüpft mit Fachtexten aus Litauen, Tatarstan und von der Krim bieten erstens neue Einblicke in die Interkulturgeschichte des frühen 19.Jahrhunderts und bieten immense Möglichkeiten für interkulturelle Bildung an Schulen, Universitäten und in Bildungsprogrammen von NRO vor allem im ländlichen Bereich. Der Vortrag illustriert dies anhand zweier ICATAT-Bildungsprogramme mit interkulturell-regionaler Komponente und zwar der Geschichtswerkstatt „Auf den Spuren des Paschas von Magdeburg“ am Hegel-Gymnasium Magdeburg sowie der Ausstellungs- und Vortragsreihe „Interkulturkontakte in der Napoleonzeit“ an der Otto-von-Gericke-Universität Magdeburg.

Theilig, Stephan: Baptizatus est – Die Taufe von kriegsgefangenen Osmanen in Preußen und Sachsen. Projekte und Potential

Die Zahl der Kriegsgefangen, darunter Kinder, Jugendliche und Frauen, die von den deutschen Reichstruppen aus den Türkenkriegen in der Frühen Neuzeit erbeutet und trophäengleich als Kriegsbeute mehrheitlich zu Repräsentstaionszwecken mißbraucht wurden, geht in die Zehntausenden. Nur vereinzelt sind Nachrichten über deren Schicksale aus Kirchenbüchern, Stadtchroniken oder anderen Akten überliefert.

Bislang erwies sich die Erschließung dieser Quellen als sehr schwierig, da das Auffinden meist auf Zufällen beruhte. Trotzdem ist es möglich, bereits aus dem vorhandenen Material Ableitungen für Integrations-, Inklusions- und andere gesellschaftliche Transformationsprozesse abzuleiten. Erste Befunde aus diesen Analysen zeigen, dass meist nicht die Religion, sondern vielmehr die fremde kulturelle Herkunft von besonderer Bedeutung war. Die Konotationen mit Stereotypen oder gar das Widerlegen bekannter Denkmuster wurde mit und durch die „Beutetürken“ bewirkt.

Der Vortrag wird neben einer, die Thematik einleitenden Sequenz, insbesondere und exemplarisch die Möglichkeiten interdisziplinärer Herangehensweisen herausstellen, welche zu einem besseren Verständnis des gesellschaftlichen Miteinanders von „Freund“ und „Feind“ beitragen können.

Gilyazov, Iskander: Zwischen Kollaboration und Widerstand: Tatarische Kriegsgefangene und tatarisch-baschkirische Wehrmachtslegionäre  im Ersten und Zweiten Weltkrieg

Wie im „Vaterländischen Krieg“ so kämpften auch im Ersten Weltkrieg und im „Großen Vaterländischen Krieg“ Tataren und Baschkiren in den Reihen der russländischen Armee. Seit nunmehr über zwei Jahrzehnten ist auch die Stellung, Genese und Wirkung der tatarischen Wehrmachts- und SS-Einheiten im Kontext von Ideologisierung, Widerstand und Nationalismus Gegenstand der Forschung. Der Vortrag zeigt einerseits Konstanten und Brüche im Selbstverständnis und in der Inkorporationspolitik durch die russisch-sowjetische Zentral-Administration auf und beleuchtet andererseits die retrospektive ideologische Aufladung und Vereinnahmung durch unterschiedliche Akteure in rezenten russländischen Geschichtsdiskursen auf.

Kurshutov, Temur: Zur Geschichte der Krimtatarischen Reiterpulks in der Armee des russländischen Imperiums: Für Volk und Vaterland?

Im Vortrag wird eingegangen auf die Entstehung des krimtatarischen Reiterpulks im Jahre 1784 an, als nach der Annexion der Krim durch Russland auf der Halbinsel nach dem Erlass von Katharina II. fünf Kavallerie-Divisionen gebildet wurden. Die Elite der Krimtataren stand in einem ambivalenten Spannungsverhältnis zwischen dem Erhalt alter Privilegien und der neuen Zentralmacht in Petersburg, die mit der Übernahme ganzer Reiterpulks in die russländische Armee, den Widerstand gegen die Annexion der Krim – erfolgreich? – zu mildern suchte.

Jakubauskas, Adas: Zur Rolle der Lipka-Tataren in der französischen, preußischen und sächsischen Armee der Napoleonzeit

Der Vortrag illustriert die Erfolgsgeschichte muslimischer Lanzenreiter der Lipkatataren von ihren Anfängen im 15. Jahrhundert bis zur Napoleonzeit, in der „Kongresspolen“ nach Jahrzehnten der polnischen Teilung eine erneute polnische Staatlichkeit darstellte. Lipkatataren  fochten schließlich in der Zeit Mitte 18. bis Mitte 20.Jahrhundert in eigenen Einheiten der polnischen und litauischen Armeen, in den Reihen der sächsischen, russländischen und preußischen Armee als auch in der Garde Impériale, der Kaisergarde Napoleons. Selbst der meistporträtierte Lange Kerl des Preußenkönigs war ein Tatare.

Kerimov, Ismail: Literatur und Diplomatie zwischen Krim-Khanat, Preußen und Sachsen einerseits sowie Exil-Krimtataren und dem Deutschen Reich andererseits

Ein wenig erforschtes Gebiet der Literaturgeschichte ist das Wirken von Diplomaten, Militärs und Politikern der Krimtataren als Publizisten in Deutschland, zwischen dem Osmanischen Reich, Rußland/Sowjetrußland und Deutschland oder etwa rezeptiv auf der Krim selbst. Der Vortrag beleuchtet Bedingungen, Ziele und Werke krimtatarischer Autorn aus diesem Segment der Gesellschaft als auch die Wirkung und den Nutzen dieser Publizistik für heutige Forschung und Lehre im Bildungswesen der Krimtataren. Basis sind umfangreiche Archivrecherchen von Österreich bis Russland.

Alpaut, Ramazan: Die unbekannte Front: Muslime als Soldaten der russischen/sowjetischen Armeen. Das Beispiel der Kumüken

Ist von Muslimen in den Reihen der russländischen Armee und in ihrer Nachfolge der „Roten Armee“ die Rede, so heben die Analysen und Berichte meist ab auf Tataren, Baschkiren, Kasachen und Usbeken. Die sogenannten kleinen Völker der Sowjetunion stellten jedoch ebenso – und oft überproportional große – Einheiten für die Kriege ihres jeweiligen Vaterlandes – ob Russisches Zarenreich oder Sowjetunion. Auch ein Blick in die nunmehr frei zugänglichen Kriegsakten zeigt: Auch Kumüken waren unter den in Deutschland begrabenen Sowjetsoldaten als auch unter den zu Tode gekommenen Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen in Deutschland. Inwiefern sich Muslime der russisch dominierten Armeen des 19. Und 20. Jahrhunderts unter „Russen“ bzw. unter „homo sovieticus“ subsummieren ließen, soll ebenfalls diskutiert werden.

Ilyasova, Lenara: Der Vaterländische und der Große Vaterländische Krieg: Der Beitrag von Tataren, Udmurten, Baschkiren aus der Genderperspektive

In dieser Präsentation soll nach der Rolle der Frauen der ethnischen Minderheiten gefragt werden, die in die Kämpfe der Zeit involviert waren. Exemplarisch stehen für diesen Themenkomplex Nadeschda Durowa aus Alabuga (Tatarstan), Margarete Buber-Neumann oder Anna Larina-Bucharina. Nadeschda Durowa nahm als männlicher Offizier verkleidet an zwei Feldzügen der Napoleonzeit teil. Ethnizität und Genderperspektiven im Kontext von Krieg und Gewaltherrschaft stellen in der russländischen Gesellschaft auch zwei Jahrzehnte nach dem Zerfall der Sowjetunion einen mit Tabus belegten Themenkomplex dar, den interdisziplinär zu erforschen großer Anstrengungen bedarf, jedoch ein immens fruchtbares Forschungsfeld offenbart.

Khamsin, Ali: Kampf um Selbsterhalt eines europäischen islamischen Volkes: Die Krimtataren. Historische Verbindungen und aktuelle demokratische Initiativen

Die Annexion des Krim-Khanates durch die Armee Katharina II. stellt einen Paradigmenwechsel in der gesamteuropäischen Geschichte dar, wie Jahrhunderte zuvor die Reconqusita auf der Iberischen Halbinsel: Das am längsten in die Neuzeit hinein existierende islamische Reich Europas wurde nun Teil des Zarenreiches. Welche Brüche, Katastrophen und Konstanten seitdem auch im Segment der Mentalitäts- und Militärgeschichte zu konstatieren sind, ist Gegenstand des Vortrages. Von der Teilnahme an den großen Kriegen des 19. Und 20. Jahrhunderts bis zum Kampf um den Selbsterhalt des krimtatarischen Volkes unter prädemokratischen Bedingungen in einer Ukraine auf dem Weg zurück nach Europa heute.