Panel: Die Arabischen Revolten und der geopolitische Wandel in der WANA-Region

Zeitplan

Raum: F2, 1.0G, Fürstenberghaus
Tag Zeit    
Mo 13:30-14:00 Al-Hamarneh Geopolitik als saudische Überlebensstrategie im „arabischen Frühling“
Mo 14:00-14:30 Fathollah-Nejad Geopolitische Auswirkungen der Arabischen Revolten und die Islamische Republik Iran: Jenseits offizieller westlicher und iranischer Lesarten - Abgesagt
Mo 14:30-15:00 Kindelberger Bahrains Revolution zwischen Iran und Saudi-Arabien: Die Perle des Golfs als Arena für die Auseinandersetzung zwischen den schiitischen und sunnitischen Machtzentren
Mo 15:00-15.30 Ruf Die djihadistische Internationale: Eine Variante privaten militärischen Unternehmertums?

Panelleitung

Ali Fathollah-Nejad, Ala Al-Hamarneh

Beschreibung des Panels

Die Arabischen Revolten haben grundsätzlich die geopolitische Lage in der Region WANA (West-Asien und Nord-Afrika) verändert: das sog. arabische nationale Sicherheitssystem ist zusammengebrochen, die politische Rolle Ägyptens und Syriens ist zugunsten von Saudi-Arabien und Katar – Kernakteure innerhalb des Golfkooperationsrats (GCC, Gulf Cooperation Council) – minimalisiert, die Türkei und Iran werden zu politischen Kernspielern in der arabischen Welt, der sunnitische „Islamismus“ als intra-regionale Bewegung und Ideologie dominiert den politischen Diskurs und die Rolle der USA, EU und NATO wird neu definiert. In diesem Panel soll der geopolitische Wandel in der WANA-Region theoretisch und empirisch (durch Fallstudien) erläutert und analysiert werden.

Sektion

Politik, Wirtschaft und Gesellschaft

Abstracts der Einzelvorträge

Al-Harmarneh, Ala: Geopolitik als saudische Überlebensstrategie im „arabischen Frühling“

Saudi-Arabien, wie viele andere Staaten weltweit, wurde durch die erfolgreichen Aufstände in Tunesien und Ägypten überrascht. Die Annahme, dass ein revolutionärer Dominoeffekt in der Region die GCC-Staaten erreichen könnte, zwang das saudische Regime mit der Hilfe von globalen Verbündeten der Saudi-/GCC-Monarchien schnell zu handeln. Die Proteste und revolutionären Bewegungen in der arabischen Halbinsel forderten ein umfassendes Umdenken der geopolitischen Situation und der Umsetzung der verschiedenen Instrumente, um die politische Stabilität des Regimes in Saudi-Arabien zu gewährleisten sowie seine Rolle und Interessen in der Region zu schützen.

Die neue saudische Strategie basiert auf dem Primat der Vorbeugung bzw. Minimalisierung radikaler, „unerwünschter“ Veränderungen in den politischen, wirtschaftlichen und sozialen Systemen der GCC-Länder, in der Außenpolitik und in den wirtschaftlichen Strukturen der arabischen Länder. Die saudische Strategie baut auf sechs Säulen auf:

  1. Ökonomische Zusammenarbeit und mögliche finanzielle Unterstützung im Sinne einer Minimalisierung der Veränderungen mit den neuen post-revolutionären Regierungen neue zu verhandeln.
  2. Marsch durch die bestehenden regionalen Institutionen, namentlich der GCC und die Arabische Liga; Einladung Jordaniens und Marokkos in den GCC einzutreten, GCC-interner Konsolidierungskurs und  Ergreifung der Initiative in der Arabischen Liga.
  3. Umsetzung verschiedener Taktiken zur Eindämmung radikaler, revolutionärer Veränderungen in der Region: militärische Intervention in Bahrain, GCC-Initiative in Jemen, aktive Unterstützung des Regimewechsels in Libyen, Subventionierung des „politischen Islam“ usw.
  4. Neuverhandlung der Beziehungen und die Strategien der Reaktion mit den USA wieder herzustellen die strategische Allianz zwischen den beiden Ländern und neu zu definieren die neuen Ziele in der Region.
  5. Unter Hinweis auf die religiösen Unterschiede (Sunniten vs. Schiiten) immer wieder die Versicherung und Betonung der religiösen und politischen Autorität Saudi-Arabiens im „anti-schiitischen“ Kontext.
  6. Last but not least, die weitestmögliche Koordination und Manipulation des Informationsflusses in der Region (Satellitenfernsehen, Zeitungen, Social Media etc.).

Das Papier zielt darauf ab, Konzepte und Instrumente der neuen Strategie und ihre geopolitischen Wurzeln und Auswirkungen zu analysieren und zu erläutern.

Kindelberger, Hala: Bahrains Revolution zwischen Iran und Saudi-Arabien: Die Perle des Golfs als Arena für die Auseinandersetzung zwischen den schiitischen und sunnitischen Machtzentren

Während die internationale Gemeinschaft die arabischen Revolutionen in Tunesien, Ägypten, Jemen und Libyen umjubelte, erfährt die revolutionäre Bewegung in Bahrain kaum Aufmerksamkeit. Dabei beginnen die Demonstrationen in Bahrain nicht nur zeitgleich mit den anderen Revolutionen, sondern gehören zu den ersten. Zweifellos beeinflusste der „arabische Frühling“ die interne Dynamik der bahrainischen Revolution. Der „arabische Frühling“ gab vielen Bahrainis Hoffnung auf demokratische Veränderungen, die sich aber nicht erfüllten. Die Revolution wurde durch den Einmarsch saudischer Panzer im Juli 2011 – zumindest vorerst – niedergeschlagen. Die Interaktionen zwischen den zwei größten religiösen Gruppierungen in Bahrain – den Sunniten und Schiiten – beeinflusst seit Jahrzehnten, wenn nicht gar Jahrhunderten, in starkem Ausmaß die Politik im Lande. Die Netzwerke zwischen der bahrainischen Bevölkerung und den Nachbarstaaten sind traditionell stark. Dabei macht die geographische Nähe zu Saudi-Arabien als Zentrum der Sunniten und zu Iran als Zentrum der Schiiten das Land zum Schauplatz der Auseinandersetzungen beider, die ihre Macht in der Region demonstrieren wollen.

Dabei spielte es eine große Rolle, dass die Königsfamilie Sunniten und die Mehrheit die Bevölkerungen Schiiten sind. Iran und Saudi-Arabien versuchen dementsprechend, ihre Einflüsse auf die internen Angelegenheiten Bahrains auszuüben. Dies zeigt sich z.B. in den Predigten in den sunnitischen Moscheen, die finanzielle Hilfe von Saudi-Arabien erhalten und versuchen, die religiöse und gesellschaftliche Exklusion der schiitischen Bevölkerung zu fördern. Gleiches gilt für die schiitischen Husseiniat, von denen manche Prediger in Iran ausgebildet wurden und die finanzielle Hilfe aus Iran bekommen.

Saudi-Arabien und ihre Unterstützerin, die USA, haben großes Interesse daran, dass die Herrschaft der Al-Khalifa als Partner in der Region erhalten bleibt, nicht zuletzt als Schutz für ihre 1.500-Mann starke militärische Basis und die 5. US-Flotte. Aber es ist vor allem auch von großer Bedeutung, einen Domino-Effekt in der Region des Persischen Golfes zu verhindern.

Für Iran hat Bahrain eine historische Bedeutung als einziger Staat in der Golf-Region mit mehrheitlich schiitischer Bevölkerung und bietet Iran somit ein großes Potential, um Einfluss auf diese Bevölkerung auszuüben.

Die Präsentation wird den Einfluss von regionalen Mächten wie Saudi-Arabien, Katar, Iran auf die arabische Welt und die GCC-Staaten analysieren. Ebenfalls wird auf folgende Fragen eingegangen: Welche Instrumente benutzen beide Länder, um ihre Interessen in Bahrain zu bewahren? Welchen Einfluss üben beide Nachbarstaaten in Bahrain aus, welche Akteure helfen ihnen dabei? Wie benutzen Iran und Saudi-Arabien Bahrain als Arena für die Demonstration ihrer regionalen Macht?

Ruf, Werner: Die djihadistische Internationale: Eine Variante privaten militärischen Unternehmertums?

Seit dem Ende der Bipolarität sprießen sog. private militärische Unternehmen wie Pilze aus dem Boden. Sie zeichnen sich als private Unternehmen vor allem dadurch aus, dass sie nicht an Völkerrecht gebunden sind, ihr Personal sich freiwillig als Söldner verdingt, bedingungslos der jeweiligen Führung gehorcht und – im Falle westlicher Unternehmen – nicht ideologisch motiviert ist. Dennoch kann die Frage gestellt werden, ob nicht jene mujaheddin der 1980er Jahre in Afghanistan, finanziert von Saudi-Arabien und ausgebildet von der CIA – abgesehen von ihrer religiös-ideologischen Motivation – bereits wesentliche Merkmale privater Kriegführung aufwiesen. Die Ausbildungslager in Afghanistan und Pakistan entwickelten sich zu Sammelbecken von Kämpfern aus allen arabischen Ländern, viele dieser „Afghanen“ kehrten anschließend in ihre Länder zurück, um dort, teilweise von den Geheimdiensten ihrer Länder unterwandert, den djihad gegen die eigenen, „gottlosen“ Regierungen voranzutreiben. Seit der „Arabellion“ wird sichtbar, dass „Afghanen“ teilweise den Kern des Umsturzes bildeten (Libyen), verstärkt in zahlreichen Ländern (einschließlich Europa) rekrutiert werden und in großer Zahl in Konflikten wie im Irak, in Syrien oder im Sahel eingesetzt werden. Direkt oder indirekt stehen sie dort im Sold saudi-arabischer und qatarischer Finanziers, die in einer vom Abstieg der USA gekennzeichneten, sich geostrategisch wandelnden Welt neue Macht- und Verhandlungspositionen aufbauen.