Panel: DAVO-Werkstattgespräche zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses

Zeitplan

Raum: F2, 1.0G, Fürstenberghaus
Tag Zeit    
Fr 09:30-10:00 Becher-Ҫelik Alt werden in einer Gesellschaft im Wandel am Beispiel der Türkei
Fr 10:00-10:30 Haimerl Die Rolle des ägyptischen Verfassungsgerichts in Ägyptens Transformation
Fr 10:30-11:00 Pause  
Fr 11:00-11:30 Rindermann Gesellschaftspolitische Bedeutung schiitisch-theologischer Hochschulen im Iran und im Libanon
Fr 11:30-12:00 Schellenberg Zwischen globalem Erinnerungsdiskurs und regionaler Perspektive
Fr 12:00-12:30 Zemmin Moderne in islamischer Tradition. Die Relationierung von Religion und Gesellschaft als normative Ordnungen in der Zeitschrift al-Manār, 1898-1939

Leitung des Panels

Nadine Scharfenort

Beschreibung des Panels

Im Rahmen von speziellen Panels werden Master- und Promotionsvorhaben, die sich in der Konzeptions- oder Durchführungsphase befinden, präsentiert. Ziel ist es, im Rahmen der DAVO-Nachwuchsförderung jungen Mitgliedern Anregungen für ihre laufenden Arbeiten zu vermitteln und ihnen zugleich eine Gelegenheit einzuräumen, sich vor einem Fachpublikum mit ihren Ideenskizzen zu erproben, ohne bereits dem Verteidigungsdruck einer abgeschlossenen Forschungsarbeit ausgesetzt zu sein.

Sektion

Politik, Wirtschaft und Gesellschaft

Abstracts der Einzelvorträge

Becher-Ҫelik, Silvana: Alt werden in einer Gesellschaft im Wandel am Beispiel der Türkei

Dieser Vortrag, der sich auf ein laufendes Dissertationsprojekt zwischen Konzeptions- und Durchführungsphase stützt, nimmt die Lebensphase des Alters im Islam, insbesondere im türkisch-muslimischen Kontext in den Blick. Regionaler Schwerpunkt ist die Republik Türkei, institutioneller Kontext stationäre Altenhilfeeinrichtungen.

Entgegen der verbreiteten Annahme, dass die Pflege alter Menschen Aufgabe der Familie sei, leben auch in der Türkei immer mehr Menschen in Seniorenheimen.

Mittels teilnehmender Beobachtung und qualitativer  Interviews soll herausgearbeitet werden, wer auf welche Weise und warum in der Türkei im Seniorenheim  lebt. Vorgeschaltet ist die Frage nach dem Lebensverlauf der Menschen vor der Zeit im Seniorenheim, welche Vorstellungen sie vom Alter hatten und ob sich diese Vorstellungen mit dem Leben im Seniorenheim decken. Daran knüpft die Frage an, welche Bedürfnisse diese Menschen selbst haben und wie seitens des Pflegepersonals  und der Familie damit umgegangen wird, welche Mechanismen und Verhaltensformen greifen. Dabei soll Schwerpunkt sein, wie religiöse Belange und Praktiken in den Heimalltag hineinwirken bzw. in diesem eine Rolle spielen. Es lässt sich möglicherweise aufzeigen, welche Lebensformen religiösen Ursprungs und welche kulturell bedingt sind. Im Zuge dessen lässt sich unter Umständen auch belegen, inwieweit eine säkulare Grundhaltung einen Gegenentwurf zum religionsbasierten Altersbild schafft und inwiefern der gesellschaftliche Wandel auf die jeweilige Grundhaltung einwirkt.

Damit ist zum einen ein Beitrag zur Erweiterung des Forschungsstandes im noch nicht so erschlossenen Bereich stationärer Betreuung und Pflege in der Türkei, zum anderen ein Erkenntnistransfer zur Ausformung des Feldes der Kultursensiblen Altenhilfe im Hinblick auf Menschen muslimischen Glaubens in Deutschland angestrebt.

Haimerl, Maria: Die Rolle des ägyptischen Verfassungsgerichts in Ägyptens Transformation

Das ägyptische Verfassungsgericht ist ein wichtiger Akteur im gegenwärtigen Prozess Ägyptens zwischen „Transformation und Restauration“ (Harders 2013). Seine Bedeutung rührt daher, dass die zukünftige politische Ordnung des Staates zwischen den politischen AkteurInnen mittels Recht ausgehandelt wird. „The Egyptian revolution is (…) a very legal one” (Abu-Odeh 2012: 1). Als höchstes ägyptisches Gericht entscheidet es über wichtige Aspekte des politischen Prozesses: So hat es u.a. im Juni 2012 die Verfassungswidrigkeit des Wahlgesetzes und damit die Auflösung des gewählten Parlaments bestimmt. Zudem sorgte es mit seiner umstrittenen Entscheidung zum Lustrationsgesetz dafür, dass Ahmed Shafik, Mubaraks letzter Regierungschef, an der Präsidentschaftswahl teilnehmen konnte. In meiner Masterarbeit setze ich mich mit der Frage auseinander, welche Rolle das Verfassungsgericht gegenwärtig in Ägypten spielt.

Die bisherige Forschung zur Rolle von Verfassungsgerichten in Transformationsprozessen fokussiert sich v.a. auf Verfassungsgerichte in Mittel- und Osteuropa, welche im Verlauf der Systemumbrüche neu eingerichtet wurden. Diesen Verfassungsgerichten wird häufig die Funktion einer „Demokratie-Versicherung“ zugeschrieben. In vielen Fällen haben diese Gerichte „wertvolle Lotsendienste auf dem Weg der Demokratisierung leisten können“.

Im Unterschied zu den neu eingerichteten Verfassungsgerichten in Mittel- und Osteuropa existiert das ägyptische Verfassungsgericht bereits seit 1979 und hat im Zuge der Umbrüche zunächst seine bisherige Form beibehalten. Gegründet unter einem autoritären Regime hat sich das Gericht zunehmend zu einem unabhängigen Akteur entwickelt. Insbesondere mit seinen Entscheidungen in den 1990er Jahren hat das Gericht die Meinungsfreiheit und Menschenrechte in Ägypten gestärkt und die Exekutive herausgefordert. In Reaktion auf diesen richterlichen Aktivismus hat das Regime ab 1998 das Gericht durch die Besetzung mit regimetreuen RichterInnen zunehmend in seiner Unabhängigkeit beschränkt.

Entscheiden die RichterInnen, die unter Mubarak eingesetzt wurden nur im Sinne der alten Machthaber? Oder kann das Verfassungsgericht eine „Lotsenfunktion“ einnehmen, wie es einige Kommentatoren – u.a. aufgrund des richterlichen Aktivismus in den 1990er Jahren – erhoffen?

Bei der Frage nach der „Rolle“ des Gerichts sollen drei Dimensionen unterschieden werden: Welches Selbstverständnis zeigt das Gericht, welche Rolle wird ihm in der Öffentlichkeit zugeschrieben und wie ist seine Performanz? Um Aussagen über das Selbstverständnis und die Performanz treffen zu können, werde ich vor allem die Urteile vom Juni 2012 analysieren, da Urteile die primären Kommunikationskanäle von Verfassungsgerichten sind. Wie begründen die RichterInnen ihre Entscheidung, auf welchen Verfassungsrahmen berufen sie sich? Um die Rollenzuschreibungen in der Öffentlichkeit zu analysieren, bietet sich ergänzend eine Analyse ausgewählter ägyptischer Zeitungen an.

Rindermann, Sheryn: Gesellschaftspolitische Bedeutung schiitisch-theologischer Hochschulen im Iran und im Libanon

In meinem Promotionsprojekt gehe ich davon aus, dass sich die religiös-akademische Institution ḥauza ʿilmīya (schiitisch-theologische Hochschule/Wissenschaftszentrum) im Verlauf der Geschichte stets im Spannungsfeld der Interaktion von Staat und Gesellschaft positioniert hat. Die Institution ḥauza hat sich dabei, so wird argumentiert, als politisch wirksam gezeigt – sei es in völliger Unabhängigkeit von oder in faktischer Verflechtung mit staatlichen Strukturen.

Im Rahmen meiner angestrebten Dissertation wird das System der schiitisch-theologischen Hochschulen in den Kontext zweier Länder mit jeweils unterschiedlichen staatlichen Ordnungssystemen gestellt. Die möglichen Gemeinsamkeiten und Unterschiede in Rolle und Funktion des (Bildungs-)Systems ḥauza ʿilmīya innerhalb des Verhältnisses von Staatsgewalt und Gesellschaft werden vergleichend analysiert. Es könnte hierbei sowohl um das Potenzial der ḥauza zur gesellschaftspolitischen Mobilisierung als auch um eine mögliche Nutzbarmachung zur Legitimierung staatlicher Autorität gehen. Die theologischen Zentren von Qum (Iran) und Beirut (Libanon) sind die Ansatzpunkte der qualitativen empirischen Erhebungen.

Im Rahmen der Analyse wird/werden:

- auf die unterschiedlichen Staatsformen – Islamische Republik im Iran bzw. parlamentarische Demokratie auf Grundlage konfessioneller Parität im Libanon – detailliert eingegangen;

- der Formationsprozess der jeweiligen Staatsformen in seiner Wirkung auf die ḥauzāt und vice versa historisch betrachtet;

- Funktionsweisen des (Bildungs-)Systems ḥauza ʿilmīya im Hinblick auf die (Re-)Produktion religiös-politischer Eliten und im Hinblick auf systemlegitimierende/-delegitimierende Funktionen erörtert;

- die traditionelle Unabhängigkeit des ḥauza-Systems gegenüber staatlichen Strukturen in seiner historischen Dimension beleuchtet;

- Interrelationen und Interaktionen zwischen den ḥauza-Zentren Qum und Beirut eruiert.

Kontext/Begründung der Erhebungsorte Qum und Beirut

Die Ḥauza von Qum empfiehlt sich als Erhebungsort aufgrund ihrer Relevanz als Deutungsmacht schiitischer Lehre. Darüber hinaus wird sie heute als Ausbildungsstätte der religiös-politischen Elite des Iran erkennbar: Durch die zweimonatige Feldforschung in Qum im Rahmen meiner Masterarbeit konnte ich u.a. die Etablierung eines parallel zum traditionellen Zweig der theologischen Lehre existierenden, akademisch-universitätsähnlichen Studienzweiges für traditionelle ḥauza-Studenten feststellen. Etabliert wurden dabei neue Fächer (wie Soziologie) und neue Bildungsaufträge, die auf die Ausbildung von aus der ḥauza stammenden, für gesellschaftspolitische Führungspositionen qualifizierten Akteure abzielen.

Trotz einer jahrhundertealten Tradition der schiitischen Gelehrsamkeit im Gebiet des heutigen Libanons kann erst seit den 1970er Jahren von einer Etablierung libanesischer ḥauzāt mit permanenten Strukturen gesprochen werden. Folgende Aspekte begründen meine Entscheidung für den Erhebungsort Beirut: 1. Traditionsreichtum und Tragweite der Beziehung zwischen Iran und den Schiiten Libanons; 2. Differenzierbarkeit der Beiruter ḥauzāt nach ihrer Nähe zu politischen Parteien (anders als die schiitischen Zentren der Bekaa-Ebene/Südlibanons, die ausschließlich als Ḥizbuʾllāh-nah einzuordnen sind); 3. Chancen zum Aufbau notwendiger Kontakte für die empirische Forschung.

Schellenberg, Frank: Zwischen globalem Erinnerungsdiskurs und regionaler Perspektive

Der deutsche Nationalsozialismus in den Debatten arabischer Intellektueller seit dem Ende des  Kalten Kriegs Die Entstehung des demokratischen Liberalismus sowie des Menschenrechtsgedankens war eng mit konkreten historischen Repressions- und Unrechtserfahrungen verknüpft. Während sich die frühen Vordenker_innen in erster Linie gegen willkürliche und absolutistische Herrschaftspraktiken und die Grausamkeiten der Konfessionskriege richteten, war für die Formulierung und beinahe weltweite Ratifizierung der Allgemeine Erklärung der Menschenrechte im Jahre 1948 die Erfahrung des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs von entscheidender Bedeutung. Ebenso ist die heutige Ausformung des demokratischen Liberalismus in hohem Maße von der Abgrenzung von der nationalsozialistischen Ideologie und Praxis geprägt.

Anders als im Westen spielte der Nationalsozialismus als Gegenstand eines Erinnerungsdiskurses, aus welchem sich relevante Ableitungen für eine menschenwürdige Gegenwart ziehen lassen, in der  arabischen Welt jedoch lange Zeit eine höchstens marginale Rolle. Zwar waren das Erstarken des Faschismus in Europa und die nationalsozialistische Machtergreifung in Deutschland keineswegs unbeachtet geblieben und hatten unter arabischen Intellektuellen vielfältige Reaktionen und zum Teil heftige Kontroversen ausgelöst. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verschwand jedoch das Interesse am Nationalsozialismus als historischem Regime und Ideologie in der arabischen Welt weitgehend. Vieles spricht dafür, dass der Nationalsozialismus in der Erinnerungskultur der arabischen Länder größtenteils als Element fremder Geschichte wahrgenommen werden, das zwar über die Gründung Israels indirekt weitreichende Auswirkungen auf die arabische Welt hatten, dessen politische und moralische Implikationen jedoch beinahe ausschließlich die westliche Kultur angingen.

Erst in den letzten beiden Jahrzehnten scheint das Thema langsam wieder auf stärkeres Interesse zu stoßen. Unter den jüngeren Beispielen arabischer Auseinandersetzung mit dem Thema finden sich weiterhin verfälschende, relativierende und revisionistische Darstellungen; gleichzeitig mehren sich jedoch auch Beiträge, welche auf mehr oder weniger seriöser Recherche und Analyse fußen und zur Agitation in politischen und weltanschaulichen Debatten eingesetzt werden.

Aus diesem Grund sollen in der Arbeit Bezugnahmen auf den Nationalsozialismus in den Debatten  arabischer Intellektueller aus diesem Zeitraum in den Blick genommen werden. Dabei sollen der ideengeschichtliche Kontext und die Motive der Bezugnahmen unter Einbeziehung sowohl der Direktiven des globalen Erinnerungsdiskurses als auch der Perspektive und der Diskursbedingungen der Region herausgearbeitet werden. Im Fokus soll einerseits die Frage stehen, wie aus den Bezugnahmen auf den Nationalsozialismus ex negativo politische Werte entwickelt werden und unter welchen Bedingungen diese als opportune Mittel politischer Überzeugungsarbeit erscheinen. Hieraus sollen Einsichten in das zeitgenössische Denken und die Entwicklung des Liberalismus in der arabischen Welt gewonnen werden.

Andererseits soll herausgearbeitet werden, in welcher Weise die universalistischen Elemente und die Elemente kollektiven Gedächtnissen innerhalb des Diskurses arabischen Intellektuellen die Anknüpfung an den globalen Diskurs erleichtern oder erschweren.

Thee, Heike: Die bildungspolitischen Reformen in Tunesien und Ägypten während der Transformationsphase

Der arabische Frühling und die Umstürze der autoritären Regime in Tunesien und Ägypten wurden besonders in ihren Anfängen von den unter 30jährigen Aktivisten dieser Länder getragen. Lange wurde dieser Teil der tunesischen und ägyptischen Bevölkerung marginalisiert, obwohl diese Altersgruppe einen Großteil der Bevölkerung darstellt: in Ägypten liegt das Durchschnittsalter laut der „Central Agency for Public Mobilisation and Statistics“ bei 25 und in Tunesien bei 30 Jahren. Hinzu kommt eine sehr hohe Arbeitslosenquote in diesen beiden Ländern, von denen in Ägypten 90%1 und in Tunesien 72,1%2 auf die unter 30jährigen fällt, und dass die Wahrscheinlichkeit keine Arbeit zu finden bei einem höheren Bildungsabschluss um ein vielfaches höher ist; in Ägypten haben im Jahre 2011 26,8% der arbeitslosen Männer im Alter zwischen 19 und 29 Jahren und 55,1% der arbeitslosen Frauen dieser Altersgruppe erfolgreich ein Studium abgeschlossen.3 Demgegenüber steht besonders in Ägypten das Problem des weit verbreiteten Analphabetismus, dessen Quote in Ägypten nach inoffiziellen Schätzungen 40% erreicht und außerdem geschlechterspezifisch stark variiert.

Angesichts dieser miserablen Bildungssituation, welche einen Nährboden für die große Protestbereitschaft legte, werden seit Beginn der Transformationsphase grundlegende Reformen in diesem Bereich von Bildungsakteuren, Lehrern, Schülern und Studenten gefordert. Auch haben diverse Parteien dieses Thema in ihre Wahlkampagnen mit aufgenommen. Dies gilt auch für die nun in die Regierung gewählten islamistischen Parteien- En-Nahda in Tunesien und die Freiheits- und Gerechtigkeitspartei in Ägypten, die eine islamische Renaissance (Nahda) in diesem Bereich angekündigt haben. Mehrere Demonstrationen verschiedener Bildungsakteure erhöhen zusätzlich den Druck, baldig nachhaltige Bildungsreformen durchzuführen.

Ziel dieses Promotionsvorhabens soll es sein, die Prozesse auf regierungs- und zivilgesellschaftlicher Ebene bezüglich der Entwicklungen im Bereich der Bildung aufzuarbeiten und die von den neuen Regierungen umgesetzten Reformen zu evaluieren. Dabei soll analysiert werden, ob die durchgeführten Reformen Spiegel reiner machtpolitischen Interessen sind, oder ob nachhaltige, parteipolitisch unabhängige Reformen der administrativen, organisatorischen und inhaltlichen Strukturen des Bildungssystems vollzogen werden. Diese Mikrostudie untersucht damit eines der Kerngebiete dieser zwei postrevolutionären Staaten, an denen politische Zielsetzungen, sozial-wirtschaftliche Entwicklungen und ideologische Ausrichtungen der neuen Regierungen festgestellt und generelle sozialpolitische Entwicklungstendenzen abgeleitet werden können.

Zemmin, Florian: Moderne in islamischer Tradition. Die Relationierung von Religion und Gesellschaft als normative Ordnungen in der Zeitschrift al-Manār, 1898-1939

Die von 1898 bis 1939 in Kairo erschienene Zeitschrift al-Manār gilt als das Organ des islamischen Reformismus, also jener – auch unter anderen Bezeichnungen firmierenden – Strömung, die versucht habe „Islam und Moderne in Einklang zu bringen“. Bei dieser Beschreibung wird „Moderne“ vielfach assoziativ mit bestimmten (westlichen/europäischen) Normen und Institutionen (Demokratie, freie Wissenschaft, Gleichberechtigung der Frau) gleichgesetzt. Ebenso unterbestimmt bleibt die andere Seite der Gleichung, der „Islam“, oft mit Tradition gleichgesetzt oder verstanden als eine Religion, die nicht nur Religion sei.

Dieses Forschungsprojekt hat eine systematischere Erfassung des in al-Manār abgebildeten Prozesses „islamischer Reform“ sowie dessen Verortung in breiteren kulturgeschichtlichen Entwicklungen der Moderne zum Ziel. Damit gemeint ist die Herausbildung von Religion und Gesellschaft als distinkte normative Ordnungen. Dies scheint auch in der islamischen Welt ab dem Ende des 19. Jahrhunderts der Fall gewesen zu sein. Gemäß dieser Sichtweise wurde von den islamischen Reformern nicht die Religion Islam reformiert und der Moderne angepasst, sondern wurde der Islam vielmehr erst zu einer (modernen) Religion transformiert.

Die Arbeitshypothese des Projekts ist, dass der Diskurs von al-Manār von einem Religionsstandpunkt aus die Gesellschaft beobachtet und die Religion/den Islam zu ihr in Bezug setzt. Im bisherigen Projektverlauf ergaben sich jedoch auch – weiter zu verfolgende – Anzeichen, die eine etwas anders gelagerte Lesart indizieren: So scheint es, dass die Autoren von al-Manār gelegentlich einen Gesellschaftsstanpunkt einnehmen, von dem aus sie die Religion beobachten und Anforderungen an diese formulieren. Dieser Wechsel zwischen Religions- und Gesellschaftsstandpunkt könnte deshalb möglich sein, weil „Islam” sowohl Religion als auch Gesellschaft bezeichnet. Die Autoren von al-Manār wären somit nicht als Religionsvertreter zu verorten, sondern als intellektuelle Repräsentanten der islamischen Zivilisation.

Die Erfassung der Konzepte Religion und Gesellschaft und ihre Relationierung in al-Manār erfolgt ausgehend von den zentralen Begriffen „islām“, „dīn“ (Religion) und „iǧtimāʿ“/“muǧtamaʿ“ (Gesellschaft). Durch eine textsemantische Analyse der Ordnungsfelder, auf welche diese Begriffe verweisen wird die Bestimmung der Gesellschaft aus Perspektive der Religion und ggf. umgekehrt herausgearbeitet. Zur theoretischen Rahmung und als Arbeitshypothesen dienen dabei unter anderem der „immanent frame“ Charles Taylors. Die Hermeneutik erfolgt mittels einer Analogie zu Aussagen europäischer Religions- und Gesellschaftsvertreter des 19. und frühen 20. Jahrhunderts – mit deren Vorstellungen auch die Autoren von al-Manār konfrontiert waren.