Panel: Neueste Forschungen und Aspekte der Lackkunst Asiens und der islamischen Welt

Zeitplan

Raum: F 40, UG, Fürstenberghaus
Tag Zeit    
Mi 09:00-09:30  Prüch Die Lackkästen der Han-Zeit (206 v. – 220 n. Chr.) aus der Grabung von Ust’-Al’ma – Eine Spurensuche
Mi 09:30-10:00 Frick Bemerkungen zum Xiushi lu (Abhandlung über die Lackziertechniken)
Mi 10:00-10:30 Jung Zur Symbolwelt der koreanischen Lackkunst mit Perlmutteinlagen
Mi 10:30-11:00 Pause
Mi 11:00-11:30 Weigelt Birmanische Lackarbeiten – neue Forschungsergebnisse
Mi 11:30-12:00 Neumann Von innen nach außen gekehrt – Der Wandel in der Gestaltung islamischer Bucheinbände im ausgehenden 15. und im 16. Jahrhundert
Mi 12:00-12:30 Randhahn Vom Kupferstich zum Lackobjekt – Eine Gruppe japanischer Portraitmedaillons nach europäischem Vorbild
Mi 12:30-13:00 Kromp Korea als Inspirationsquelle – Der japanische Lackkünstler Kuroda Tatsuaki (1904–1982)

 

Panelleiterin:

Patricia Frick

Beschreibung des Panels:

Das Panel bietet einen Rahmen für Vorträge zu verschiedenen Themenbereichen der Lackkunst Ost- und Südasiens sowie der islamischen Welt. Die Vorträge spannen einen Bogen von spektakulären Han-zeitlichen Lackfunden auf der Krim über islamische Lackeinbände des 16. Jahrhunderts bis hin zu Kuroda Tatsuaki (1904–1982), einem bedeutenden japanischen Lackkünstler des 20. Jahrhunderts.

Sektion:

Kunst und Archäologie

 

Frick, Patricia: Bemerkungen zum Xiushi lu (Abhandlung über die Lackziertechniken)

Das Xiushi lu ist eine Abhandlung aus der späten Ming-Dynastie (1368–1644), die das chinesische Lackhandwerk mit seinen mannigfaltigen Ziertechniken zum Gegenstand hat. Es handelt sich um die einzige überlieferte chinesische Schrift, die monothematisch dem Sujet Lack gewidmet ist. Verfasst wurde das Xiushi lu von Huang Cheng, ein Vorwort von Yang Ming, der auch den Text erstmalig kommentierte, datiert auf das Jahr 1625. Das Xiushi lu thematisiert neben Werkzeugen und Materialien, die Herstellungsverfahren von Lackarbeiten sowie die vielfältigen Ausprägungen des Endproduktes, die von schlichten Alltagsgegen­ständen bis hin zu kunstvoll verzierten Luxusobjekten reichen.

Seine Existenz heute verdankt das Xiushi lu seiner Rezeption in Japan. Bis in das frühe 20. Jahrhundert existierte keine einzige Kopie des Werkes in China selbst und es scheint spätestens während der Regierungszeiten von Kaiser Qianlong (1736–1795) und Kaiser Jiaqing (1795–1821) der Qing-Dynastie (1644–1911) in China verloren gegangen zu sein. Da es in keiner Ming-zeitlichen Bibliografie Erwähnung gefunden hat, bleibt bis heute ungeklärt, ob es in jenen Jahrhunderten überhaupt jemals in China gedruckt wurde.

Der Vortrag beleuchtet die komplexe Werk- und Tradierungsgeschichte des Xiushi lu und geht auf verschiedene Lesarten des Traktates ein, das nicht nur als Handbuch für Handwerker und Sammler von Lackarbeiten interpretiert wurde, sondern auch einen kosmologisch-metaphysischen Ansatz verfolgt, wie er sich in verschiedenen anderen Texten aus dem Korpus der Ming-zeitlichen Technik­literatur aufzeigen lässt.

Jung, Soon-Chim: Zur Symbolwelt der koreanischen Lackkunst mit Perlmutteinlagen

Eine repräsentative Kunstform Koreas ist die Lackarbeit mit Perlmutteinlagen (najeon chilgi). Obwohl Perlmutt (na) in erster Linie verschiedene Muschelarten bestimmt, umfasst der Begriff najeon auch die Einlagetechnik mit anderen Materialien wie Schildpatt, Elfenbein, Bernstein, Koralle und Fischhaut.

Angeregt durch eingelegte Verzierungen auf Bronzespiegeln der Tang-Dynastie (618–907), die zu jener Zeit durch diplomatische Beziehung bekannt wurden, entwickelten sich auf der koreanischen Halbinsel gegen Ende des Vereinigten Silla-Reiches (668–935) die Einlegearbeiten in verschiedene Materialien wie Metall und Keramik. In der nachfolgenden Goryeo-Dynastie (918–1392) hat die Technik Eingang in die Lackkunst gefunden, die zunächst ausschließlich für einen buddhistischen Kontext erschaffen wurde. Das Motivrepertoire beschränkte sich dabei auf Chrysanthemen- und Päoniendekore sowie verschiedene geometrische Muster und sollte erst in der folgenden Joseon-Zeit (1392–1910) maßgebliche Erweiterung erfahren.

Im Allgemeinen zeigt die Dekorwelt der koreanischen Lackarbeiten eine weitgehende Übereinstimmung mit der Kunst anderer ostasiatischer Länder und umfasst ebenso florale Motive, die Tierwelt, Landschaftsmotive, buddhistische und daoistische Glückssymbole, geometrische Muster sowie Schriftzeichen. Dennoch können einige Dekormotive beziehungsweise Darstellungsweisen als typisch Koreanisch hervorgehoben werden. So können beispielsweise die »Zehn Symbole der Langlebigkeit«, die Sonne, Wasser, Stein, Wolke, Bambus, Kiefer, das Kraut der Unsterblichkeit, Schildkröte, Kranich und Reh umfassen, und Langlebigkeit sowie Unveränderlichkeit symbolisieren, als eine spezifisch koreanische Dekoreinheit bezeichnet werden, wenngleich die einzelnen Elemente aus der Symbolwelt Chinas übernommen worden sind. Weder in China noch in Japan wurden sie jemals als Dekoreinheit thematisiert.

Der Vortrag zeigt typische Dekormotive der koreanischen Lackkunst auf und versucht sie von der Dekor- und Symbolwelt Chinas und Japans abzugrenzen.

Kromp, Beatrice: Korea als Inspirationsquelle – Der japanische Lackkünstler Kuroda Tatsuaki (1904–1982)

Im Fokus dieses Vortrages stehen die Arbeiten des japanischen Lackkünstler Kuroda Tatsuaki (1904–1982). Sein Werk ist vielfach von der Lackkunst und dem Möbeldesign der Goryeo- (918–1391) und Joseon-Dynastie (1392–1910) inspiriert. In der Gegenüberstellung seiner Arbeiten mit koreanischen Objekten kann die Anlehnung an den spezifisch koreanischen Dekor und Formensprache aufgezeigt werden. Auch in der Verarbeitung von Perlmutt lassen sich in Kurodas Werk Parallelen zum koreanischen Lackhandwerk festmachen.

Kuroda Tatsuaki bewegte sich im Umfeld des Kunsttheoretikers Yanagi Muneyoshi (1889–1961) und befasste sich mit der von ihm u. a. aus dem Studium der koreanischen Volkskunst entwickelten Theorien der Mingei. Neue Konzepte für den Umgang mit Kunsthandwerk wurden entwickelt – unterdessen stand Korea von 1910 bis 1945 unter der Okkupation Japans. Ein scheinbar auf den ersten Blick den politischen Bestrebungen entgegengesetzter Kulturtransfer setzte ein.

Kurodas eigene Studien zur koreanischen Kunst während einer Reise Anfang der 1940er Jahre sowie der in Nara im Shōsō-in befindlichen Objekte, die teils seit 1874 der Öffentlichkeit präsentiert wurden, konzentrierten sich auf Technik, Design und Material. Seine Objekte spiegeln die individuelle Auffassung des Gesehenen wieder, das Eingang in all seine drei Werkgruppen gefunden hat: Objekte mit Rotlack, bei denen die intensive Farbe den aufwendig geschnitzten Korpus veredelt; bei Arbeiten mit Perlmutteinlagen, die die bekannten Dekore koreanischer Arbeiten auf moderne Weise aufgreifen sowie bei den Möbeln, die Kuroda mit fuki-urushi (Klarlackpolitur) behandelte, um den naturgegebenen Charakter des Holzes hervorzuheben.

Neumann, Reingard: Von innen nach außen gekehrt – Der Wandel in der Gestaltung islamischer Bucheinbände im ausgehenden 15. und im 16. Jahrhundert

Die Lackmalerei ist in der islamischen Kunst Westasiens seit dem ausgehenden 15. Jahrhundert zunehmend fassbar. Die ältesten Objekte, bei denen Lack nicht vordergründig als schützender Überzug, sondern zur kunstvollen Flächengestaltung verschiedener bemalter Untergründe zum Einsatz kam, waren Bucheinbände. Dabei orientierte man sich in der Komposition an den traditionellen Ledereinbänden mit geprägtem Dekor.

Anfangs wurde zumeist noch auf Leder gemalt, später kamen dann verstärkt Buchdeckel aus Papiermaché zum Einsatz. Die Malereien bestanden aus vegetabilen Formen und Arabesken, meist in teppichartiger Gliederung geordnet. Auch bei Manuskripten mit Miniaturen, waren bildliche Darstellungen zunächst auf das Innere der Bücher beschränkt.

Das änderte sich jedoch im Verlaufe des 16. Jahrhunderts. Jetzt wird ein Tabu gebrochen, indem figürliche Szenen nicht mehr nur innerhalb der Bücher – vom Einband verdeckt – zu finden sind, sondern nun auch für jeden sofort sichtbar auf den Einbanddeckeln in Erscheinung treten. Die Bilder wurden förmlich von innen nach außen gekehrt und schmücken in enger Anlehnung an die zeitgleiche Miniaturmalerei die Außenseiten der Manuskripte. Mit einem Überblick über die verwendeten Sujets und deren inhaltliche und gestalterische Entwicklung soll dieser Wandel verdeutlicht werden, der auch eine veränderte Sicht auf die Bildkunst und einen neuen Stellenwert der Malerei zum Ausdruck bringt. Möglichen Ursachen dieses grundlegenden Wandels soll nachgespürt und ein Ausblick auf die unterschiedlichen Entwicklungen der figürlichen Lackmalerei auf Bucheinbänden in den Zentren der islamischen Lackkunst gegeben werden.

Prüch, Margarete: Die Lackkästen der Han-Zeit (206 v. – 220 n. Chr.) aus der Grabung von Ust’-Al’ma – Eine Spurensuche

In den 1990er Jahren widmeten sich Wissenschaftler des Archäologischen Instituts der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine ein zweites Mal der Nekropole von Ust’-Al’ma (2. Jh. v. Chr. bis 3. Jh. n. Chr.), Republik Krim. Schon in den Jahren 1968-1984 waren dort 220 Gräber des 2000 m2 großen Areals ausgegraben worden, ein großer Teil davon wurde bis heute geplündert. In der zweiten Kampagne wurden Notgrabungen an über 550 Gräbern durchgeführt. Von besonderem Interesse waren dabei die Prunkbestattungen der Katakomben 603, 612, 616 und 620 aus dem 1. Jh. v. Chr. bis zum Anfang des 2. Jh. n. Chr.

Die Gräber waren allesamt reich bestückt. Schmuck, Filialen, Spiegel, verschiedene Gefäße aus Glas oder Gold, Keramiken, Waffen und Lacke bezeugen die weitverzweigten Beziehungen der damaligen Bewohner der Krim von Griechenland bis nach China.

Der Fund von Fragmenten chinesischer Lackkästchen allerdings glich einer Sensation. Bislang waren die in Ausgrabungen von Huai’an und Khovd in der Inneren Monglei, der Xiongnu-Gräber von Noin Ula, Grabungen entlang der Seidenstraße in Yinpan, Loulan, Niya oder Zhugunluke am Rande der Taklamkanwüste und einem Gräberfeld in Begram im heutigen Afghanistan die westlichsten Funde von chinesischen Lackwaren.

Die Lackfunde von Ust’Al-ma stammen allesamt aus Frauengräbern. Die Funde wurden in Japan restauriert und die ursprüngliche Form von zwei großen Kästen und einer kleinen rechteckigen Dose wieder hergestellt. Herstellungsart, Form und Ornamente der lackierten Kästen und des Döschen sprechen für einen Ursprung aus dem Han-zeitlichen China.

Vergleiche mit Lacken aus den Grabungen der Späten Westlichen Han-Zeit in Ostchina (heutige Provinzen Anhui, Jiangsu und Shandong) erlauben eine nähere chronologische und geographische Einordnung der Kästen.

Randhahn, Karolin: Vom Kupferstich zum Lackobjekt – Eine Gruppe japanischer Portraitmedaillons nach europäischem Vorbild

Zum ausgehenden 18. Jahrhundert ist erstmals ein gesteigertes Interesse an japanischen Lackobjekten mit europäischen Motiven bemerkbar. Zu diesen nach Vorlagen gefertigten Exportlackobjekten wird auch eine große Anzahl von Portraitmedaillons gezählt, die berühmte europäische Persönlichkeiten von der Antike bis etwa 1750 abbilden. Hochrangige VOC (Vereenigde Oostindische Compagnie) Mitglieder gelten als potentielle Auftraggeber, die die zur Herstellung der Lackobjekte verwendeten Kupferstiche, als Einzelblätter oder mehrbändige Portraitsammlungen nach Japan importierten. Heute befinden sich diese Medaillons in Privatsammlungen und Museen ganz Europas. Dazu gehören das British Museum, das Rijksmuseum Amsterdam, das Groninger Museum, das Museum für Ostasiatische Kunst in Köln sowie das Museum für Lackkunst, Münster.

Frühe Forschungen betrachteten die Medaillons hauptsächlich unter wirtschaftlichen Aspekten des Lackgeschäftes und gingen davon aus, dass sie als Folge des privaten Handels der VOC zu sehen seien. In den letzten Jahren beschäftigten sich Wissenschaftler außerdem damit, die Medaillons mit ähnlichen Objekten, wie Landschaftsdarstellungen auf viereckigen Lackplaketten in Beziehung zu setzen und so den japanischen Exportlackhandel mit dem Europa des 18. Jahrhunderts näher zu ergründen. Die Identifikation der Kupferstichvorlagen allerdings wurde nach der ersten Veröffentlichung durch Christiaan Jörg vernachlässigt.

Dieser Vortrag beschäftigt sich mit den Herstellungsumständen der Medaillons. Anhand der Beziehung zu den Vorlagenbüchern und des Adaptionsprozesses vom Kupferstich zu den Lackobjekten wird eine mögliche Gruppierung aufgrund der Darstellung und Materialität vorschlagen. In einem zweiten Schritt soll die Motivation der Auftraggeber und die Funktion der Objekte in Europa genauer untersucht werden.

Weigelt, Uta: Birmanische Lackarbeiten – neue Forschungsergebnisse

Im ehemaligen Birma (heute Myanmar) fanden Lackarbeiten im Alltag wie im religiösen Leben Verwendung. Durch den täglichen Einsatz schadhaft geworden, wurden sie oft ausrangiert, entsorgt und durch neue ersetzt. Erst ausländische Besucher, die Gefallen an Form und Farbe der Stücke fanden und sie zu sammeln begannen, retteten sie vor dem Verfall. So finden sich heute zahlreiche birmanische Lackarbeiten – die meisten datieren ins 19. und 20. Jahrhundert – in westlichen Museen und Privatsammlungen. Während manche dieser Stücke bislang nur mit Fragezeichen versehen datiert und einer bestimmten Werkstatt zugeschrieben werden konnten, war bei anderen eine Herkunftsangabe vollkommen unmöglich. Neueste Forschungen erlauben es nun, fehlerhafte geographische Zuordnungen und Datierungen zu korrigieren beziehungsweise manche Stücke erstmals in den Kontext einer bestimmten Werkstatt, Region und Epoche zu setzen. Neben den bereits bekannten großen Lackzentren wie Bagan, Kyaukka und Mandalay konnten weitere Regionen der Lackherstellung wie etwa das ganz im Westen Birmas gelegene Rakhine-Gebiet und die Gadu-Ganan-Region im Sagaing-Distrikt ausgemacht werden. Viele der dort einst ansässigen Betriebe sind zwar längst aufgegeben und ihre einstigen Besitzer verstorben. Durch Gespräche mit Nachkommen der Lackhandwerker und Eigentümern von Lackobjekten war es jedoch möglich, die schon fast in Vergessenheit geratenen Lackmeister, die von ihnen angewandten Techniken, verwendete Werkstoffe und Dekore wieder in Erinnerung zu bringen. Die birmanische Lackkunst zeigt sich so weitaus facettenreicher als bisher angenommen. Viele Lackarbeiten sind in einem neuen Licht zu betrachten.