Abstracts Judaistik

Zeitplan

Raum: F 234, 2. OG, Fürstenberghaus
Tag Zeit    
Di 11:00-11:30 Lehnardt Einführung des Sektionsleiters
Di 11:30-12:30 Kiperwasser Midrashic/Aggadic Traditions between East and West
Di 12:30-13:30 Mittagspause
Di 13:30-14:00 Grundmann Die innerjüdische Rezeption Ḥiwi al-Balkhis
Di 14:00-14:30 Plietzsch Stammvater der Menschheit oder ambivalenter Flutheld? Die Gestalt des Noah in der rabbinischen und frühen christlichen Bibelauslegung
Di 14:30-15:00 Rebiger Midrasch in der jüdischen Magie der Spätantike und des Mittelalters
Di 15:00-15:30 Lehmhaus Der späte Midrasch als unbekanntes Terrain? – ein neuer Blick auf literarische Strategien und Entwicklungen in jüdischen Traditionen der gaonäischen Zeit
Di 15:30-16:00 Pause
Di 16:00-16:30 Kramp Der Aufstand Korachs im Jalkut Shimoni und MHG
Di 16:30-17:00 Marx The Exegesis of Habakkuk in Yalkut Shimeoni – Abgesagt
Di 16:30-17:00 Schippers Jewish literature as a Link between Arabic and Romance Poetry and Narrative: The case of Immanuel of Rome and his Mahbarot (Cantos)

Titel der Sektion: “Midrasch – Zwischen Orient und Okzident” 

 

Abstracts der Einzelvorträge:

Grundmann, Regina: Die innerjüdische Rezeption Ḥiwi al-Balkhis

Die von Ḥiwi al-Balkhi im 9.Jhd. formulierte rationalistische Traditionskritik, die aus 200 Fragen und Einwänden bestand, hat sowohl rabbinische als auch karäische Gelehrte zu Widerlegungen herausgefordert. Ḥiwis Hauptgegner Saadja Gaon hat zu diesem Ziel eigens eine polemische Schrift verfasst. Auch andere Gelehrte haben, u.a. in Bibelkommentaren, versucht, eine oder mehrere von Ḥiwis Fragen zu beantworten bzw. zu entkräften.
Der Vortrag fokussiert auf das Nachwirken von Ḥiwis Traditionskritik in der jüdischen Tradition über die Jahrhunderte hinweg und erörtert die Bedeutung der Traditionskritik Ḥiwis für die jüdische Religions- und Geistesgeschichte.

Kiperwasser, Reuven: Midrashic/Aggadic Traditons between East and West

One well known characteristic of rabbinic literature is the transformation that its literary traditions undergo when migrating from the various Palestinian rabbinic milieus to the academies of Babylonia. This phenomenon is very complicated and different explanations for it have been offered by scholars. In this paper I will try to show typical features in the shaping of aggadic traditions in Babylonia.  First of all, I will present a typical case of an aggadic tradition from the Land of Israel and the changes it had undergone in the Babylonian redaction. Sometimes this edited tradition looses its original quality, but sometimes it gains certain litererary qualities. The second example I bring is of an Aggadic tradition that is dubiously assigned by the Babylonians to the sages of the Land of Israel, but its content is evidently heavily influenced by the local culture. The third group is composed of aggadic traditions genuinely composed in Babylonia by Babylonians. When handling Palestinian traditions, I will explain how and into what they metamorphosed in the Babylonian Talmud. When handling genuine Babylonian material I will try to show its specificity. Analyzing the rich plot in the Babylonian version of the tradition, I propose to uncover in it remnants of an Iranian myth and common topoi of storytelling from the ancient Orient. In this study I propose to go through some of the texts with which I am already engaged in a long-standing dialogue, in a way that does not go beyond what is prescribed by the philological method, namely studying the texts and trying to understand the past in which they were created and existed.  I seek to reconstruct the way texts shape cultural patterns of various religious communities; how these communities interact with one another; and how cultures broadly conceived interact across the religious divide. This study emerges from older paradigms of Jewish experience, and stretches toward a language that would permit writing about the interplay between dominant cultural authorities and Jewish sub-cultures in a more fluid, transactional, context.

Kramp, Nicola: Der Aufstand Korachs im Jalkut Shimoni und MHG

Die beiden Midrasch-Sammelwerke Jalkut Shimoni und Midrasch ha-Gadol bieten jeweils Kommentare zur Tora (JS zu allen biblischen Schriften), in denen sie aus palästinischen und babylonischen Midraschim zitieren. Sie gelten daher als Vertreter der Kompilationsliteratur (Stemberger, Einleitung, S. 389 u. S. 392). Der Entstehungsort des MHG wird im Jemen vermutet (Stemberger, S. 392), JS ordnet die editio princeps einem Schimon ha-Darschan aus Frankfurt/M zu. Der Frage, inwiefern JS und MHG eine westliche und östliche Midraschtradition widerspiegeln, soll in dem Vortrag Der Aufstand Korachs im Jalkut Shimoni und MHG nachgegangen werden. Dazu sollen die Darstellung von Korachs Charakter, die Beweggründe für seinen Aufstand, die Rolle seiner Frau und seine Bestrafung in Jalkut und MHG miteinander verglichen und ein Augenmerk darauf gerichtet werden, wie stark sich die Auslegung in den Werken diesbezüglich unterscheidet. Dabei wird die Bewertung des Aufstandes Korachs und der Person Korachs im Mittelpunkt stehen. Da die Figur Korachs mit der Frage des legitimen Priestertums verknüpft wird, wird außerdem die Darstellung des Priesteramtes in diesem Zusammenhang reflektiert. Ebenso wird es um die Rolle der Frau Korachs als Anstifterin zum Aufstand und somit – vergleichbar mit Eva – als Anstifterin zur Sünde gehen. Hier ist zu fragen, ob bei etwaigen Unterschieden zwischen westlicher und östlicher Tradition beide in einem negativen Frauenbild übereinstimmen. Schließlich soll exemplarisch dargestellt werden, wie JS und MHG eine biblische „Undeutlichkeit“ auflösen und ob sie dabei übereinstimmen oder jeweils eigene Lösungen finden.

Lehmhaus, Lennart: Der späte Midrasch als unbekanntes Terrain? – ein neuer Blick auf literarische Strategien und Entwicklungen in jüdischen Traditionen der gaonäischen Zeit

Lange wurden die sogenannten “späten Midraschim” von der frühen Forschung bis weit ins 20. Jahrhundert eher als Nachhall eines einst florierenden rabbinischen Genres wahrgenommen. Das Interesse der meisten Werke wurde als überwiegend anthologisch beschrieben und der Umgang mit älteren Traditionen als eklektisch gekennzeichnet. Insbesondere wurde immer wieder auf die „Narrativität“ als dominierendes Merkmal hingewiesen. Auch wenn viele diese Beobachtungen für verschiedene Texte zutreffen, so tendieren diese Stichworte doch zu einer Pauschalisierung. Allerdings entgehen dieser Perspektive so viele, oft eher subtile Entwicklungen. Eine genauere Analyse einzelner Texte kann dagegen komplexe, literarische Strategien der Rezeption, Adaption und Innovation näher bestimmen.

Der Vortrag soll auf solche Entwicklungen mit dem Blick auf die Traditionen von Pirke de-Rabbi Eliezer (PRE), Seder Eliyahu Rabba (SER) und Zuta (SEZ) eingehen. Diese facettenreiche Texte, die gekonnt unterschiedliche literarische Genres, Hermeneutiken und sprachliche Elemente kombinieren, lassen sich grob in die gaonäische Zeit des frühen Islams einordnen. Es werden religiöse und ethische Ideen mit Diskursen zur rabbinischen oder jüdischen Identität verschränkt, die den pluralistischen Kontexts des Frühislams mit seinen diversen kulturellen Symbiosen widerspiegeln.

Vor diesen Hintergrund erscheint die Frage nach dem Umgang mit biblischen und rabbinischen Traditionen, exegetischen Methoden und rhetorischen Elementen für die. Wie wird der Bezug auf rabbinische Lehren sowie auf Figuren und Elemente der Tradition realisiert? Welche Anpassungsprozesse lassen sich im Hinblick auf den neuen, thematischen Fokus feststellen? Wie unterscheiden sich diese Texte von anderen Formen des jüdischen Diskurses (Mischna, Talmudim, Midraschim, Targumim etc.)? Die Antworten auf diese Fragen können bei einer genaueren Verortung der Werke helfen und so die Transformationsprozesse jüdischer Literatur und Kultur von der Spätantike ins Mittelalter beleuchten.

Plietzsch, Susanne: Stammvater der Menschheit oder ambivalenter Flutheld? Die Gestalt des Noah in der rabbinischen und frühen christlichen Bibelauslegung

Die biblische Gestalt des Noah eignet sich ganz besonders zur Diskussion kultureller Wechselwirkungen im römischen Palästina der Spätantike. Noah, im biblischen Narrativ Stammvater der Menschheit nach der Flut, wird in der frühen christlichen Bibelauslegung u.a. als Urbild priesterlich-kultischen Handelns und als Typos Christi dargestellt. Die rabbinischen Interpretatoren hingegen beschreiben Noah ambivalent: Einerseits wird ihm universale Bedeutung zuerkannt, andererseits aber wird er gegenüber Abraham und Mose, die für Monotheismus und Tora stehen, zurückgesetzt, wodurch der rabbinische Noah zum Repräsentanten der „b‘nei noach“, der nichtjüdischen Menschheit werden kann. Diese Zurücksetzung des Noah wird insbesondere über die Auslegung der Verse Gen 9,20-25 realisiert, der Episode vom Rausch und der Entblößung des Noah, die mehr oder weniger unterschwellig auch von sexueller Gewalt spricht. Trotz dieser drastischen Äußerungen enthält die rabbinische Noah-Darstellung – vor allem im Midrasch Genesis Rabba – auch die positiven Elemente des Fluthelden. Zusätzlich zu dieser teilweisen Polarisierung mussten sich jüdische wie christliche spätantike Auslegende dessen bewusst sein, dass der Noahstoff im Kontext griechischer und babylonischer mythologischer Inhalte wahrgenommen werden konnte.

Rebiger, Bill: Midrasch in der jüdischen Magie der Spätantike und des Mittelalters

Der Erforschung der jüdischen Magie der Spätantike und des Mittelalters stehen inzwischen ausreichend viele wissenschaftliche Editionen der wesentlichen Werke und handschriftlichen Sammlungen zur Verfügung. Der Vortrag widmet sich der Frage, welche Bedeutung Midrasch als Gattung und als Methode in den bislang edierten Texten der jüdischen Magie hat. Welche Kenntnisse der reichhaltigen Midraschliteratur und ihrer spezifischen Motive lassen sich in diesen magischen Texten nachweisen? Auf welche Weise sind diese Kenntnisse gegebenenfalls in Bezug auf ihre magische Verwendung rekontextualisiert worden? Des weiteren soll untersucht werden, ob die exegetisch-hermeneutische Methode des Midrasch in den magischen Texten adaptiert wurde.

Schippers, Arie: Jewish literature as a Link between Arabic and Romance Poetry and Narrative: The case of Immanuel of Rome and his Mahbarot (Cantos)

Immanuel of Rome (1261-1328), a poet contemporary of the famous Italian poet Dante Alighieri, was an Italian poet as well as a poet in the Hebrew poetic tradition which originated from Muslim Spain and which underwent around the tenth century CE the influence of Arabic prosody.  In the sixth Mahberet  (Canto) he alluded to the different Hebrew poetic schools which he supposed to have existed since then, leading to the production of Spanish, Provençal and Italian Hebrew poetry. His other Cantos contain narratives in rhymed prose with many poems inserted. These poems can be metrically read according to the Arabic and Hebrew metrical system as well as according to the rules of Romance genres as for instance the sonnet. His narratives have links with Romance narrative literature as well as with Hebrew and Arabic Maqama literature. We will especially concentrate upon the introductory passages of Immanuel’s Cantos, in which the narrator often refers to the beginning of an event in the days of his youth which is a motif known in Eastern Arabic Maqamah literature and Hebrew Andalusian rhymed prose narratives.