Panel: Zugänge zu religiöser Bildung am Beispiel von vier bedeutenden muslimischen Gelehrten (EDRIS-Panel)

Zeitplan

Raum: F 42, UG, Fürstenberghaus
Tag Zeit    
Di 16:00-16:30 Ott

Religiöses Wissen in regionalem Format. Eine Geschichte Balchs aus vormongolischer Zeit

Di 16:30-17:00 Janos The religious concept of Tawḥīd According to the great scholar Fakhr al-Dīn al-Rāzī (d. 1210) Some Theological and Epistemological Considerations
Di 17:00-17:30 Scheiner Religiöses Wissen in der islamischen Mystik: Abū Ṭālib al-Makkīs (g. 386/998) Qūt al-Qulūb
Di 17:30-18:00 Farsani

Approaching a “religious” historiographical work by Textual Criticism: The Case of the Futūḥ al-Shām ascribed to al-Wāqidī (d. 207/822)

Panelleiter:

Jens Scheiner

Chair:

Sebastian Günther

Beschreibung des Panels:

Dieses Panel beleuchtet individuelle Zugänge zu religiöser Bildung anhand der vier bedeutenden muslimischen Gelehrten Abū Bakr al-Wāʿiẓ al-Balḫī (fl. 7./13. Jh.), Faḫr ad-Dīn ar-Rāzī (g. 606/1210), Abū Ṭālib al-Makkī (g. 386/998) und al-Wāqidī (d. 207/822).

Dabei werden Fragen und Ergebnisse aufgenommen, die zur Zeit am Courant Forschungszentrum „Bildung und Religion (EDRIS)“ an der Universität Göttingen, erforscht werden.

Sektion:

Islamwissenschaft

Abstracts der Vorträge:

Ott, Undine: Religiöses Wissen in regionalem Format. Eine Geschichte Balchs aus vormongolischer Zeit

Abū Bakr al-Wāʿiẓ al-Balḫī ist gemeinhin nicht als bedeutender muslimischer Gelehrter bekannt. Er verfasste ein biographisches Lexikon der Stadt Balch (heute im Norden Afghanistans, in der Nachbarschaft zu Mazar-i Scharif, gelegen), das er 610/1214 fertigstellte. Diese Faḍā’il-i Balḫ sind jedoch das einzige historiographische Werk aus der vormongolischen Zeit Balchs, das sich bis heute erhalten hat, und daher kommt dem Gelehrten al-Wāʿiẓ al-Balḫī, der dem Balcher Establishment der Zeit angehörte, für die Geschichte des islamischen Ostens unmittelbar vor den mongolischen Eroberungen große Bedeutung zu – auch wenn er keinen eigenen Eintrag in der Encyclopaedia of Islam hat.

Der Vortrag versteht sich als ein Beitrag zur ulemalogy und zu der Frage, wie die zahlreich erhaltenen biographischen Lexika und Lokalgeschichten der islamischen Welt historisch nutzbar gemacht werden können. Er beschäftigt sich mit al-Wāʿiẓ al-Balḫīs Auswahlkriterien für die Anlage seines Werkes: Aufgrund welcher Eigenschaften und Qualitäten fanden Gelehrte Eingang in das auf siebzig biographische Einträge beschränkte Lexikon? Neben Prophetengefährten, Kämpfern gegen die „Ungläubigen“, qāḍīs und einigen Aliden scheinen es in erster Linie die Schüler Abū Ḥanīfas, des Eponyms der hanafitischen Rechtsschule, und deren Schüler sowie Balcher Mystiker und Asketen (die nie als Sufis bezeichnet werden) gewesen zu sein, die von al-Wāʿiẓ al-Balḫī und seinen peers im 12. und zu Beginn des 13. Jahrhunderts als religiöse Autoritäten und verehrungswürdige Vorbilder angesehen wurden und im Wissensbestand über die ʿulamāʾ früherer Generationen den größten Raum einnahmen. Dabei lässt sich die in der gesamten islamischen Welt in abbasidischer Zeit vollziehende Regionalisierung der Horizonte, Identitäten und Doktrinen islamischer – hier: hanafitischer – Gelehrter auch an den Faḍā’il-i Balḫ ablesen: Nicht nur die Existenz des Werkes, das – wie zahlreiche biographische Lexika, und Lokalgeschichten ohnehin – mit Balch den Fokus auf eine einzelne Stadt oder Region legt, veranschaulicht diese Entwicklung, auch ein Blick auf die vom Autor herangezogenen Werke und vor allem die Kartierung der von ihm besuchten Heiligenschreine lassen diese Entwicklung deutlich erkennen.

Janos, Damien: The religious concept of Tawḥīd According to the great scholar Fakhr al-Dīn al-Rāzī (d. 1210) Some Theological and Epistemological Considerations

 Fakhr al-Dīn al-Rāzī’s (d. 1210) is regarded as one of the most important Muslim theologians, and he had a major impact on the development of post-classical Islamic thought. In spite of this, several aspects of his thought remain poorly known to this day, especially specific issues dealing with his theology and metaphysics.

This presentation will focus on some aspects of Fakhr al-Dīn al-Rāzī’s (d. 1210) conception of tawḥīd (devine oneness), especially the epistemological and cognitive issues associated with this concept. After briefly discussing the various meanings Rāzī attributes to tawḥīd, I will examine his views on the knowability of divine oneness and the various ways by which its representation or understanding may be possible for humans.

Rāzī’s theorization of this central issue reflects the variety of intellectual trends that reached him and a determined effort to provide a coherent synthesis of various cognitive methods prevalent during his time, including mystical ideas.

Rāzī’s position on divine oneness poses a problem with regard to his affiliation to the Ash‛arite school and also sheds light on the complexity of his intellectual agenda, especially toward the end of his life.

Scheiner, Jens: Religiöses Wissen in der islamischen Mystik: Abū Ṭālib al-Makkīs (g. 386/998) Qūt al-Qulūb

Der in Bagdad wirkende Asket und Mystiker Abū Ṭālib al-Makkī verfasste mit seinem Werk „Die Nahrung der Herzen“ (Qūt al-Qulūb) ein Manual, welches dem Adepten den Zugang zum mystischen Wissen aufzeigt. Das Ziel dieses Werkes war es, wie Richard Gramlich feststellt, „ein Leben gewissenhaften Strebens nach den Idealen religiöser Innerlichkeit zu führen“.

Was das genau bedeutet, soll in diesem Vortrag auf Grundlage des im Qūt al-Qulūb enthaltenen „Buch des Wissens“ (Kitāb al-ʿIlm) dargelegt werden. So soll gezeigt werden, was al-Makkī unter ʿilm versteht, welche Wege und Methoden es gibt, dieses Wissen zu erlangen und welche Gelehrten Anteil an diesem Wissen haben.

Ein besonderes Augenmerk des Vortrages liegt dabei auf den Menschen, die al-Makkī dafür kritisiert, dass sie nicht redlich handeln und lehren. Zu diesen gehören neben Gelehrten bestimmter Disziplinen auch die sogenannten Geschichtenerzähler (Quṣṣāṣ). Sowohl diese Kritik an den Quṣṣāṣ, als auch die Ideen al-Makkīs zu Wissen und Lehre bilden die Grundlage für al-Ġazālīs Ausführungen in seinem Werk „Die Wiederbelebung der religiösen Wissenschaften“ (Iḥyāʾ ʿUlūm ad-Dīn).

Damit ist diese Untersuchung von al-Makkīs Qūt al-Qulūb grundlegend für die Untersuchung mehrerer nachfolgender Werke, die sich sowohl mit Wissen und dem Wissensbegriff als auch mit der Kritik an den Quṣṣāṣ befassen.

Farsani, Yoones Dehghani: Approaching a “religious” historiographical work by Textual Criticism: The Case of the Futūḥ al-Shām ascribed to al-Wāqidī (d. 207/822)

The book Futūḥ al-Shām, which is commonly ascribed to al-Wāqidī, rarely drew the attention of the scholars of Islamic historiography. This is most probably due to previous research conducted on it, which addressed its religiously colored and legendary conent and denied the authorship of al-Wāqidī. However, the same scholars insist that the Futūḥ al-Shām has been composed on the basis of historical works and does contain a historical core.

In this presentation I am going to introduce my preliminary thoughts on conducting a textual criticism on this work. Firstly, I will try to contextualize Futūḥ al-Shām in al-Wāqidī’s scholarly life as a historian. Secondly, I will discuss the major questions of this research project, such as coherence of and motives included in the text, and finally I will introduce the approaches I am going to take through providing some examples.

This project, the outcome of which will be a PhD-thesis, is going to examine the value of the Futūḥ al-Shām as a historical work for the study of the history of early Islam in general and the Arab-Muslim conquests in particular. It may also help to better understand Muslim historiography of the early Islamic period.