Panel: Forum Hadith

Zeitplan

Raum: F 1, 1. OG, Fürstenberghaus
Tag Zeit    
Do 09:00-09:30 Schöller

Die weiße Landkarte der Hadith-Überlieferung

Do 09:30-10:00 Seven Die Suche nach einer alternativen Hadithmethodologie in den Forschungen der Ankaraner Schule
Do 10:00-10:30 Boulouh-Bartschat Kutub al-arbaʿīn fī l-ǧihād – Sammlungen von vierzig Hadithen und ihre Aussage über den Dschihad

Panelleiterin:

Swantje Boulouh-Bartschat

Beschreibung des Panels:

Seitdem Max Horten bereits 1924 programmatisch festgestellt hat, man erfasse den Islam nur unvollständig, wenn man ihn auf den Koran reduziere, hat man diese Aussage oft bejaht, sie aber zu selten zum Ausgangspunkt islamwissenschaftlicher Hadith-Forschung gemacht. Die neue Partnerschaft zwischen Islamwissenschaft und Islamischer Theologie kann nun im Bereich der prophetischen Überlieferung einen Neuanfang bringen und neue Perspektiven eröffnen.

Sektion:

Islamwissenschaft

Abstracts der Vorträge:

Boulouh-Bartschat, Swantje: Kutub al-arbaʿīn fī l-ǧihād – Sammlungen von vierzig Hadithen und ihre Aussage über den Dschihad

Sammlungen von vierzig oder davon geringfügig abweichender Anzahl an Hadithen sind ein im frühen 3./9. Jahrhundert aufkommendes und seit spätestens dem 7./13. Jh. sehr beliebtes Phänomen. Insbesondere seit der Anerkennung der sechs kanonischen Hadithsammlungen (al-kutub as-sitta) konzentrierten sich muslimische Gelehrte zunehmend auf das Erstellen von Vierzigersammlungen, um in einem übersichtlichen und leicht erlernbaren Umfang auch der Allgemeinheit der muslimischen Gemeinde Überlieferungen des Propheten nahezubringen. Bei dem Versuch einzigartige Werke zu schaffen, wurden die verschiedensten Thematiken behandelt – von Monotheismus, Gebet und Pilgerfahrt, also den wichtigsten Grundlagen des Islams, bis hin zu ausgefallenen Ideen, bei denen beispielsweise vierzig Überlieferungen von vierzig Gelehrten aus vierzig Orten via vierzig verschiedener Überliefererketten zusammengestellt wurden.

Ein sehr beliebtes Themenfeld stellt der Dschihad dar, der im 6./12. Jh. zum ersten Mal und seitdem bis in die heutige Zeit jedes Jahrhundert aufs Neue in einer Vierzigersammlung behandelt wird. Da diese Art der Sammlungen allgemein (vor allem in der arabischsprachigen Welt) dem Lerneffekt der muslimischen Gemeinde dienen soll, wird in Augenschein genommen, was sie uns eigentlich vom Phänomen Dschihad vermittelt. Beeinflusst von Ereignissen in der jeweiligen Entstehungszeit der Dschihadsammlungen – seien es sunnitisch-schiitische Konflikte des 6./12. Jh. wie im Beispiel von Ibn ʿAsākirs Arbaʿūn fī l-ḥaṯṯ ʿalā l-ǧihād oder Auseinandersetzungen heutiger Zeit wie im Falle von Muḥammad Luqmān as-Salafīs Arbaʿūn ḥadīṯan fī faḍl al-ǧihād wa-l-muǧāhidīn – könnte das Bild vom Dschihad, das durch die Hadithauswahl gezeichnet wird, durchaus unterschiedlich ausfallen. Dies soll anhand beispielhaft ausgewählter Sammlungen vorgestellt werden.

Schöller, Marco: Die weiße Landkarte der Hadith-Überlieferung

Nach Abnicken der Binsenweisheit, dass die prophetische Überlieferung den wesentlichen Ausgangspunkt zum Verständnis der islamischen Religion und Religiosität bildet, rückt sofort und irritierend der Missstand in den Blick, dass die islamwissenschaftliche Forschung in diesem Bereich nach vielen Jahrzehnten noch immer in den Kinderschuhen steckt. Zahlreiche Facetten der Hadith-Überlieferung sind niemals systematisch untersucht worden, und selbst die Grundlagenforschung weist noch viele Lücken auf. Diese Lücken sind tatsächlich so ausgeprägt und schwerwiegend, dass viele Einzelfragen noch immer nicht oder nur mit großem Aufwand zu behandeln sind. Im schlimmsten Fall bleiben auch die erreichten Ergebnisse in einem luftleeren Raum, weil sie mangels Kenntnis des weiteren Kontexts nur unzureichend in einen weiteren Rahmen eingeordnet werden können.

Der Vortrag soll deshalb einen knappen, aber doch ausreichend weitgespannten und informativen Überblick über das geben, was im Feld der Hadith-Überlieferung von islamwissenschaftlicher Seite bereits getan worden ist, vor allem aber was noch zu tun bleibt. In diesem Zusammenhang werden philologische, gattungsgeschichtliche und diskursmethodische, aber auch sozial- und mentalitätsgeschichtliche Aspekte zur Sprache kommen, die dazu dienen können, die künftige Erforschung der Hadith-Überlieferung und -Wissenschaft einerseits zu intensivieren, andererseits auf neue Wege zu lenken. Besondere Berücksichtigung soll dabei auch das Abstecken neuer Forschungsfragen und Arbeitsbereiche haben, die angesichts der neu entstehenden Islamischen Theologie in Deutschland von zunehmender Relevanz sind. Inwieweit hierbei eine Kooperation zwischen Islamwissenschaftlern und Islamischen Theologen möglich und weiterführend ist, soll abschließend beantwortet werden.

Seven, Şuayip: Die Suche nach einer alternativen Hadithmethodologie in den Forschungen der Ankaraner Schule

Die inhaltliche Bandbreite der Hadithforschungen der Ankaraner Gelehrten ist sehr groß. Es gibt traditionstreue Forschungen, die vordergründig das Ziel haben, die Themen der klassischen Hadithwerke für die türkischen Leser verständlich wiederzugeben. Das Ausmaß der Forschungen, die sich mit der althergebrachten Hadithmethodologie kritisch auseinandersetzen, nimmt darunter eine nicht zu übersehende Größe ein. Gegenstand des Vortages werden ausschließlich die Forschungen sein, die der Frage gelten, ob die moderne Hadithwissenschaft immer noch nach dem Muster der klassischen Hadithwissenschaft zu tragen ist. Nur um ein Bespiel für den kritischen Standpunkt zu dieser Frage innerhalb der Ankaraner Schule zu nennen, vertrat und vertritt die klassische Hadithmethodologie (uṣūl al-ḥadīṯ) nach Prof. Dr. Kırbaşoğlu nur die Linie der ahl al-ḥadīṯ bzw. aš-Šāfiʿīs und Ibn aṣ-Ṣalāḥs; die Ansichten der rationalistischen Ausrichtungen, sprich muʿtazila und ahl ar-raʾy, und die der Ẓāhirīya werden damit gänzlich ignoriert. Hinzu kommen die Entwicklungen in der Wissenschaft und Änderungen im Gesellschaftsleben. Kırbaşoğlu fordert aus diesen Gründen eine alternative Hadithmethodologie, die der islamischen Tradition in ihrer Vielfalt gerecht wird, mit ihr kritisch umgeht und die Kompatibilität mit der aktuellen Lebenswirklichkeit der Muslime in den Mittelpunkt stellt.

Im Vortrag wird zusammenfassend dargestellt, in welchen Punkten die Ankaraner Gelehrten die klassische Hadithmethodologie kritisieren und was sie mit der alternativen Hadithmethodologie meinen. Der Begriff Methodologie findet bei den Ankaraner Gelehrten häufig Erwähnung, und zwar fast immer im praktisch-alltäglichen Sinne, kaum als Problem der Geiteswissenschaft bei der Wahrheitsfindung. Desweiteren spielen sich die Forschungen der betreffenden Gelehrten im Rahmen der islamisch-theologischen Vetretbarkeit ab und werden dementsprechend im Vortrag wahrgenommen und beurteilt.