Panel: Arbeitstreffen „Philosophie in der islamischen Welt“

Zeitplan

Raum: F 43, UG, Fürstenberghaus
Teil A. Projektvorstellungen
Tag Zeit    
Di 09:00-09:30 Muehlethaler / Pourjavady / Schwarb Intellectual History of the Islamicate World
Rudolph Ueberweg – Philosophie in der islamischen Welt
Di 09:30-10:00 Endreß Greek into Arabic: Philosophical Concepts and Linguistic Bridges
Adamson Natural Philosophy in the Islamic World
Di 10:00-10:30 Meroz PESHAT – an Online Thesaurus of Premodern Scientific and Philosophical Hebrew Terminology
Baumbach / Wirmer Digital Averroes Research Environment (DARE)
Pietruschka Das Corpus der arabischen und syrischen Gnomologien (CASG) – Vorstellung der Datenbank
Di 10:30-10:50 A. Kalbarczyk / N. Kalbarczyk Major Issues and Controversies of Arabic Logic and Philosophy of Language
Germann / Najafi / Rivera Grammar-Logic-Rhetoric: Linguistic Disciplines in Arabic Culture, 800–1100
Teil B. Panel I: Interdisziplinäre und interkulturelle Wirkung philosophischen Denkens
Tag Zeit    
Di 16:00-16:30 Seidel

Äpfel und Birnen? Einige methodologische Überlegungen zur philosophischen Komparatistik mit Blick auf den Vergleich von ‚islamischer‘ und ‚westlicher‘ Philosophie

Di 16:30-17:00 Moser Martin Heidegger in der Rezeption der ägyptischen Philosophieprofessorin Ṣifāʾ ʿAbd as-Salām Ǧaʿfar – Ein zeitgenössischer Blick auf die Frage nach dem Verhältnis von Philosophie und Theologie
Di 17:00-17:30 Maróth Anfänge der politischen Philosophie im Islam
 
Mi 09:00-09:30 Kis Theory of Speech Acts: A philosophical problem or a question of linguistics?
Mi 09:30-10:00 Jokisch Organon und uṣūl al-fiqh: ein Strukturvergleich
Mi 10:00-10:30 N. Kalbarczyk Die Rezeption avicennischer Sprachphilosophie in der islamischen Rechtstheorie
 Teil B. Panel II: Die philosophische Tradition nach Ibn Sīnā
Tag Zeit    
Mi 11:00-11:30 Lánczky The Individuation of the Human Soul in Avicenna
Mi 11:30-12:00 Pourjavady The Commentary Tradition on Avicenna’s al-Ishārāt wa-l-tanbīhāt
Mi 12:00-12:30 Lameer A New Look at Ṭūsī’s Awṣāf al-ashrāf
Mi 12:30-13:00 Muehlethaler Was Abū l-Barakāt al-Baghdādī a nominalist?
 
Do 09:00-09:30 Nakanishi Šamsaddīn al-Fanārī (d. 1431) on Existence and Science: Between the Refutation and the Adoption of the Post-Avicennan Philosophy in the Early Ottoman Akbarian School
Do 09:30-10:00 Schaerer Zwischen Tradition und Innovation: ʿUmar b. Sahlān as-Sāwī
Do 10:00-10:30 A. Kalbarczyk Die aristotelischen Kategorien in der philosophischen Tradition nach Ibn Sīnā
Teil B. Panel III: Natural Philosophy in the Islamic World / Naturphilosophie in der islamischen Welt

Die Vorträge nach der Mittagspause finden in Raum Kath Theol II statt.

Tag Zeit    
Do 11:00-11:30 Adamson Natural Philosophy in the Islamic World
Do 11:30-12:00 Bennett Philosophy of Nature among the Muʿtazilites
Do 12:00-12:30 Hansberger Ps.-Proclus’s Questions on Natural Things
Do 12:30-13:30 Mittagspause
Do 13:30-14:00 Wirmer Raum Kath Theol II: Potenz und Möglichkeit: Arabische Wurzeln einer ‚subtilen Unterscheidung‘ - Abgesagt
Do 14:00-14:30 Biesterfeldt Raum Kath Theol II: Ein spätantiker Kommentar zu den hippokratischen Aphorismen in arabischer Übersetzung
Do 14:30-15:00 Wakelnig Raum Kath Theol II: Philosophische Kompilationen und ihre Leser

Panelleiter:

Teil A, B.I, B.II: Lukas Muehlethaler, Alexander Kalbarczyk, Nora Kalbarczyk, Heidrun Eichner
Teil B.III: Peter Adamson, Rotraud Hansberger, David Bennett

Beschreibung des Panels:

In den letzten Jahren wurden sowohl an mehreren orientwissenschaftlichen als auch an philosophischen Instituten interdisziplinär ausgerichtete Forschungsstellen zur Philosophie in der islamischen Welt ausgebaut. Damit spiegelt sich ein internationaler Trend auch im deutschsprachigen Raum wider. Vor diesem Hintergrund soll das Arbeitstreffen zur Philosophie in der islamischen Welt sowohl der besseren internen Vernetzung dienen als auch allen interessierten Teilnehmer/innen der auf dem DOT vertretenen Fachrichtungen die Gelegenheit bieten, sich einen Eindruck von den regen Forschungsaktivitäten auf dem Gebiet der arabisch-islamischen Philosophie zu verschaffen.
Es sind zwei Teile vorgesehen: (A) In einem ersten Durchgang wird Wissenschaftler/innen mit Forschungsvorhaben zu den verschiedenen Traditionen der arabisch-islamischen Philosophie die Möglichkeit gegeben, im Rahmen einer moderierten Vorstellungsrunde ihre Institution bzw. ihr Rahmenprojekt allgemein zu präsentieren. (B) Der zweite Teil stellt sodann – innerhalb drei thematisch untergliederter Panels – ein Forum für Einzelvorträge dar: (B.I) „Interdisziplinäre und interkulturelle Wirkung philosophischen Denkens“; (B.II) „Die philosophische Tradition nach Ibn Sīnā“; (B.III) „Naturphilosophie in der islamischen Welt“ (unter der Leitung von Peter Adamson, Rotraud Hansberger und David Bennett).

Beschreibung des Panels B.III:

This panel will include papers on a range of topics in “natural philosophy,” which refers in the first instance to Aristotelian physics but also to allied disciplines such as cosmology, medicine, and psychology. In addition to a general presentation on the notion of natural philosophy in the Islamic world, more detailed papers will examine topics in the Arabic reception of Greek natural philosophy, and in theories of nature found in kalām authors.

Sektion:

Islamwissenschaft

Abstracts der Vorträge

Seidel, Roman: Äpfel und Birnen? Einige methodologische Überlegungen zur philosophischen Komparatistik mit Blick auf den Vergleich von ‚islamischer‘ und ‚westlicher‘ Philosophie

Das Vergleichen gehört zur selbstverständlichen Praxis von Philosophinnen und Philosophiehistorikern. Doch gerade diese vermeintliche Selbstverständlichkeit kaschiert oft die Tatsache, dass jeder Vergleich an „Voraus-Setzungen“ geknüpft ist, die, wenn sie nicht bewusst – oder aber voreingenommen – gesetzt sind, mitunter zu Missverständnissen und Begriffsverwirrungen führen können. Was bedeutet das konkret für einen Vergleich zwischen „islamischen“ und „westlichen“ Philosophen? Was genau wird dabei verglichen und in welcher Hinsicht? Wann ist es sinnvoll, von „islamisch-arabischer“ und „westlicher“ Philosophie bei solchen Vergleichen zu sprechen? Was für Probleme können beim Vergleich von Traditionen, Überlieferungen oder einzelner Termini auftreten? Ist der Vergleich nur Methode oder auch Gegenstand komparatistischer Untersuchungen? Diese und ähnliche Fragen sollen anhand einiger Beispiele der Kant-Rezeption in Iran diskutiert werden.

Moser, Kata: Martin Heidegger in der Rezeption der ägyptischen Philosophieprofessorin Ṣifāʾ ʿAbd as-Salām Ǧaʿfar – Ein zeitgenössischer Blick auf die Frage nach dem Verhältnis von Philosophie und Theologie

Ṣifāʾ ʿAbd as-Salām Ǧaʿfar, zurzeit Professorin für zeitgenössische Philosophie an der Universität Alexandria, setzt sich in mehreren Monographien und Artikeln mit Martin Heidegger auseinander. Im Zentrum dieser Auseinandersetzung stehen Fragen nach der Eigentlichkeit, der Kunst und der Sprache. In einem Artikel hebt sie innerhalb dieses
großen Themenkomplexes auf Heideggers Begriff der Wahrheit (Aletheia) ab und vergleicht diesen mit der Plotinschen Konzeption der „Schau“ (ruʾya). Ǧaʿfar sieht die Vergleichbarkeit der Heideggerschen Frage nach der Wahrheit und der Plotinschen Frage nach der Schau darin, dass sie eine Ausgestaltung der Frage nach dem Ursprung seien, den Plotin als „das Eine“ (al-wāḥid) und Heidegger als „Wahrheit des Seins” (ḥaqīqat al-wuǧūd) fassten. Ǧaʿfars Herausarbeitung der Gemeinsamkeiten und Unterschiede geht einher mit der Herausarbeitung der jeweiligen metaphysischen Standpunkte. Im Anschluss daran kann die Frage gestellt werden, wie sich diese philosophischen Metaphysikentwürfe zur Theologie verhalten: Sieht sich die Philosophie als mit der Theologie konkurrierende Welterklärung, steht sie neben ihr oder ergänzt sie diese lediglich? Wie sich diese Frage für Heidegger beantworten lässt, untersucht Ǧaʿfar in einem weiteren Artikel anhand expliziter Stellungnahmen Heideggers hierzu.

Das Referat geht einerseits der Frage nach, wie Ǧaʿfar in ihrer Heideggerrezeption das Verhältnis von Philosophie und Theologie im Allgemeinen und bei Heidegger im Besonderen skizziert. Andererseits werden Überlegungen angestellt, wie Ǧaʿfars Auseinandersetzung mit Heidegger in der philosophischen Landschaft Ägyptens eingeordnet werden kann.

Maróth, Miklós: Anfänge der politischen Philosophie im Islam

Es ist bekannt, dass die politische Philosophie in der philosophischen Tradition des Islams von Plato bestimmt wurde, während die religiös eingestellten Denker (wie z. B. al-Māwardī) aus den traditionellen Quellen des Islams (Koran, Hadith, usw.) schöpften.

Der neulich publizierte Text des angeblichen Briefwechsels zwischen Aristoteles und Alexandros scheint aber darauf hinzuweisen, dass man in diesem Gebiet auch mit einer weiteren Quellengruppe rechnen muss. Diese Quellen wurden von der griechischen Rhetorik inspiriert. Sie erscheinen oft als pseudo-aristotelische Traktate, oder sie wurden durch die Kanäle der Kirche weitergeleitet, und – an die Lehre des Islams angepasst – erscheinen sie als eine eigenartige islamische politische Theorie.

Kis, Anna Flóra: Theory of Speech Acts: A philosophical problem or a question of linguistics?

Looking at the Syriac and Arabic philosophical tradition one can find an interesting passage in almost every treatise dealing with logico-lingustic questions, in which there is an enumeration of sentence types, or, so to say, grammatical moods. No matter if the authors accepted five or ten kinds of speech; it is obviously not a genuine Oriental approach to language, but a Greek one.

What is more interesting is the following question: Can we really talk about grammatical moods in this context, regarding the characteristics of Arabic and Syriac? Since in Semitic languages there are no such verbal moods like, e.g. in Ancient Greek, does any linguistic aspect emerge in these texts at all, or is it merely a philosophical problem? Seemingly, neither the Greeks, nor the Syriac and Arab writers connect this system with grammatical moods, so then, what is its importance in grammar? How can we differentiate between sentences, if there is no linguistic difference among them? Is the theory of illocutionary forces applicable to Arabic and Syriac grammatical tradition? In this paper I would like to make an attempt to answer these questions based on some Syriac and Arabic logical writings, but focusing mainly to the works of the great logician al-Fārābī, one of the pioneers who tried to cross the gap between Greek logic and traditional Arabic linguistics.

Jokisch, Benjamin: Organon und uṣūl al-fiqh: ein Strukturvergleich

Dass die Logik des Aristoteles Eingang in die arabische Welt gefunden hat, ist weithin bekannt. Weniger bekannt und nahezu unerforscht ist hingegen, dass sie auch in Kernbereiche der „islamischen Wissenschaften“, wie insbesondere in die islamische Rechtsmethodologie (uṣūl al-fiqh), vorgedrungen ist. Obwohl in den uṣūl-Werken, die eine eigenständige Gattung bilden, kein expliziter Rekurs auf die aristotelische Logik erkennbar ist, lassen sich dennoch zahlreiche, eindeutige Bezüge nachweisen. Ziel der Präsentation ist es, diese Bezüge – zunächst unter strukturellen Gesichtspunkten – herauszustellen und Hypothesen zu Umfang und Funktion des komplexen Transformationsprozesses im Rahmen eines normativen Wissenssystems zu formulieren.

Kalbarczyk, Nora: Die Rezeption avicennischer Sprachphilosophie in der islamischen Rechtstheorie

Die Schriften des Philosophen und Universalgelehrten Ibn Sīnā übten nicht nur einen großen Einfluss auf die folgenden Generationen von Logikern, Naturphilosophen oder Metaphysikern aus, sondern prägten auch die islamischen Disziplinen nachhaltig, wie an der post-avicennischen rechtstheoretischen Literatur exemplarisch gezeigt werden soll. In diesem Genre fand die Auseinandersetzung auf der propädeutischen Ebene der Sprachtheorie und Sprachphilosophie statt. Was machte die avicennischen Theoreme und Klassifikationen so attraktiv, dass sie für die uṣūl al-fiqh produktiv und fruchtbar gemacht werden konnten, um welche Konzepte handelte es sich und welche Funktionen erfüllten sie vor und nach der Transformation? – Zu diesen Fragen will der Vortrag Antworten vorschlagen.

Lánczky, István: The Individuation of the Human Soul in Avicenna

The individuation of the human rational soul is one of the most obscure issues in Avicenna’s philosophy. In the following presentation I would like to investigate the problem in the light of Avicenna’s theory of individuation. In this brief survey I will rely mostly on Avicenna’s later works, as the Remarks and Admonitions, Notes and Discussions. As some scholars have pointed out, the individuation of the rational soul, being an immaterial entity, raises some questions, but it seems to be even more obscure after the separation from the body. Avicenna mentions some features that individuate the rational soul, but the relation of these to the soul is not completely clear. Therefore the relation of these dispositions to the soul will be considered here as well, taking into account what Avicenna writes about the future of the human soul in the afterlife.

Pourjavady, Reza: The Commentary Tradition on Avicenna’s al-Ishārāt wa-l-tanbīhāt

Avicenna’s (d. 428/1037) Kitāb al-Ishārāt wa-l-tanbīhāt became his most influential philosophical text, as far as Islamic intellectual history is concerned. Numerous commentaries and super-commentaries have been written on this work. This commentary tradition seems to have been one of the main routes that were taken in order to understand and develop Avicenna’s philosophy. Together with Robert Wisnovsky and Adam Gacek, I am preparing a study, along with an extensive inventory of these commentaries and glosses. In my talk I will explain various aspects of this project which aims to pave the way for future studies of the Post-Avicennan philosophy.

Lameer, Joep: A New Look at Ṭūsī’s Awṣāf al-ashrāf

It is commonly believed that Naṣīr al-Dīn Ṭūsī (d. 672 H.) wrote his short treatise on mysticism, the Awṣāf al-ashrāf, at the request of the Chancellor of the Exchequer (ṣāḥeb-e dīvān) of the Īl-Khānids, Shams al-Dīn al-Juwaynī (d. 683 H.). This is because in the Introduction to this treatise Ṭūsī makes an explicit statement to this effect. This circumstance led Wilfred Madelung to believe that Ṭūsī wrote the Awṣāf in an effort to unite all Muslims under the common banner of Sufism. In a critical essay on the Awṣāf, Nasrollah Pourjavady rejected Madelung’s thesis, arguing that this work does not point in any way at Ṭūsī’s affinity with Sufism and that he must have written it instead simply because as a polymath he could write on any subject if so requested. Leaving the issue of Ṭūsī’s real motives for writing the Awṣāf aside, I shall focus on some new and compelling evidence that puts Juwaynī’s decisive role as the patron and sponsor behind this treatise very much into question and then propose a reconsideration of its place in a chronology of Ṭūsī’s writings.

Muehlethaler, Lukas: Was Abū l-Barakāt al-Baghdādī a nominalist?

The Jewish philosopher Abū l-Barakāt al-Baghdādī is considered one of the most important and original figures in 12th-century Arabic philosophy. Western scholars have compared his view on the universality of mental forms to views of nominalism in scholastic philosophy. In my talk I will consider whether such a comparison is justified. I will also raise – but probably not answer – the more general question, namely: to what extent concepts and categories developed in (the study of) scholastic philosophy can be applied to the study of Arabic philosophy.

Nakanishi, Yuki: Šamsaddīn al-Fanārī (d. 1431) on Existence and Science: Between the Refutation and the Adoption of the Post-Avicennan Philosophy in the Early Ottoman Akbarian School

Abstract: Arabic-Islamic philosophy, which was first systematised in the most well-organised and sophisticated way by Avicenna (d. 1037), transforms itself, after his death, gradually in the course of its historical development. Provoked mainly by those modifications made to the Avicennan philosophical system by Bahmanyār b. Marzubān (d. 1066) and Faḫraddīn ar-Rāzī (d. 1210), a growing number of philosophers and theologians attempted to present somehow original systems of their own. Šamsaddīn Muḥammad b. Ḥamza al-Fanārī (d. 1431), with whom I shall deal in this presentation, is an early Ottoman polymath who is regarded as the first of those contributing to the reception of the post-Avicennan systems into the Ottoman scholarly milieu, and also counted as one of the most influential figures of the so-called “Akbarian school” in the 14th-15th century.

In his metaphysical masterpiece Miṣbāḥ al-uns, Fanārī, albeit miscellaneously, adopts post-Avicennan discussions on scientific structure. Based probably upon sources then available, he, too, modifies the Avicennan structure of philosophy or science. What is to be noted is the fact that his argument was carried out with a fundamental motive which was closely tied to the controversy over the concept of “existence”. In Fanārī’s era, there had already been raised harsh criticisms by philosophers and theologians of some classical discussions on the waḥdat al-wuğūd, especially of its peculiar conception of “absolute existence” as God. Being an advocate of this polemical idea, Fanārī had to refute all these criticisms. I shall attempt in this presentation firstly to give a brief overview of this controversy itself, and then to explore aspects of this refutation and adoption by Fanārī of the post-Avicennan systems of philosophy.

Schaerer, Patric: „Zwischen Tradition und Innovation: ʿUmar b. Sahlān as-Sāwī“

Gegenstand der vorzustellenden Arbeit (Dissertations-Projekt) ist der Philosoph und Gelehrte ʿUmar b. Sahlān as-Sāwī. Er zählt zu den bedeutenden Vertretern der Philosophie im Anschluss an Avicenna in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts im östlichen Teil der islamischen Welt. Seine Stellung innerhalb der Avicenna-Rezeption wurde in der bisherigen Forschung unterschiedlich bewertet; einige moderne Autoren sehen ihn als einen eher innovativen und eigenständigen Philosophen, während die anderen ihn ganz in der Tradition Avicennas verorten. Im Zentrum der Arbeit stehen die beiden großen arabischen und persischen Werke Sāwīs zur Logik sowie einige weitere kleinere Schriften. Zum einen soll dabei anhand einzelner Problemfelder unter philosophiegeschichtlichen Gesichtspunkten seine Stellung innerhalb der Avicenna-Rezeption untersucht werden; zum anderen sollen unter systematischen Gesichtspunkten die Relevanz einiger von ihm vorgeschlagenen Positionen sowie die Art und Weise seiner Rezeption Avicennas und die dabei zum Zuge kommenden methodischen Ansätze erörtert werden. Der geplante Beitrag möchte versuchen, anhand einiger ausgewählter Beispiele, diese beiden Gesichtspunkte vorzustellen.

Alexander Kalbarczyk (Bochum, alexander.kalbarczyk@rub.de): „Die aristotelischen Kategorien in der philosophischen Tradition nach Ibn Sīnā“

Im Kitāb al-Maqūlāt des Kitāb aš-Šifāʾ stellt Ibn Sīnā (gest. 428/1037) die besondere propädeutische Relevanz, die der aristotelischen Kategorienschrift seit Porphyrios (gest. ca. 310) im neuplatonischen Philosophiecurriculum zugekommen war, radikal in Frage und unterzieht zugleich die ausgiebige Kommentarliteratur, die dieses Werk seitdem generiert hatte, einer kritischen und ausführlichen Generalrevision: Dabei wird er von der Überzeugung geleitet, dass es zu Beginn des Logikstudiums nicht nur unnütz, sondern sogar schädlich sei, sich mit der ontologisch imprägnierten Lehre zehn höchster Genera ausführlich zu befassen. In seinem späteren – für die nachfolgende philosophische und theologische Tradition besonders prägenden – Werk al-Išārāt wa-t-tanbīhāt verzichtet Ibn Sīnā dann gänzlich darauf, der aristotelischen Kategorienschrift eine eigenständige Abhandlung zu widmen. Obgleich das in den Išārāt vorgezeichnete Logik-Curriculum als dominanter Einflussfaktor für die philosophisch-theologischen Syntheseleistungen der post-avicennischen Periode zu gelten hat, veranschaulicht die in Teilen der nachfolgenden Lehrtradition weiterhin ungebrochene Rezeption des Kategorien-Komplexes, dass sich die im Šifāʾ postulierte und in den Išārāt durchgeführte Aussortierung der Kategorienschrift nicht vollends durchsetzen konnte und somit einige der älteren Kontroversen – ob in aristotelischem oder avicennischem Gewand – nach wie vor auf der intellektuellen Tagesordnung standen. Vor dem Hintergrund der avicennischen Kritik will der Vortrag anhand ausgewählter Beispiele den Einfluss der Rezeption des Kategorien-Komplexes auf philosophische Systematisierungsversuche muslimischer Gelehrter der sogenannten „nachklassischen Periode“ ausloten.

Knobel, Franziska: „Ein Schlüssel zu Theologie, Philosophie und Recht? Fakhraddīn ar-Rāzīs Arbeiten zur Logik unter besonderer Berücksichtigung der Topik“

Die Dialektik spielte in der Geschichte der Wissenschaften in der islamischen Welt eine herausragende Rolle, denn sie wurde sowohl in der Philosophie als auch in der Theologie und in der Rechtswissenschaft als Instrument der Argumentation eingesetzt. Das spiegelt sich in prominenter Form in den Werken von Fakhraddīn ar-Rāzī (gest. 1210), dem eine zentrale Rolle in den Aushandlungsprozessen zwischen diesen verschiedenen Disziplinen zukam. Mein Dissertationsprojekt, dessen aktuelle Ergebnisse in meinem Vortrag vorgestellt werden sollen, hat deswegen zum Ziel, Rāzīs Beitrag zur Logik und zur Wissenschaftslehre genauer zu evaluieren. In diesem Sinn werden einerseits die verfügbaren Schriften aus seiner Feder gesichtet (Überprüfung sämtlicher Editionen und Handschriften auf ihre Zuverlässigkeit und auf ihre Zuschreibung an Rāzī); andererseits werden die Hauptlinien seines Verständnisses von Dialektik an einigen wichtigen Beispielen herausgearbeitet.

Wir möchten gerne darauf hinweisen, dass im Rahmen des Panels „The Here and the Hereafter in Islamic Traditions“ (unter der Leitung von Christian Lange, Utrecht) noch ein weiterer Vortrag zur philosophischen Tradition nach Ibn Sīnā gehalten wird: “Transmission of Knowledge in Post-Avicennan Islamic Philosophy” von Eric van Lit (Utrecht).

Adamson, Peter: Natural Philosophy in the Islamic World

This paper draws together themes from research carried out under the aegis of the Leverhulme Trust sponsored project, “Natural Philosophy in the Islamic World.” It will use several specific examples to argue for a broad, yet coherent notion of natural philosophy as we find it in Arabic philosophical literature of the 9th-12th centuries. According to a narrow conception, “natural philosophy” could be identified with Aristotelian physics – the study of nature (phusis) as a principle of motion or change. But Aristotle himself links physics in this narrow sense with a wider range of disciplines, including the study of the heavens, zoology, and even psychology (the study of the soul). Natural philosophy in the Islamic world is further influenced by subsequent developments, especially the medical tradition (as transmitted especially in Arabic versions of Galen) and the theories of nature put forward by kalām authors. Special sciences like optics, astronomy and astrology, alchemy and so on are both justified in terms of the core theories of natural philosophy, and influential on developments within natural philosophy. Specific authors discussed will include Abū Bakr al-Rāzī and Yaḥyā b. ʿAdī.

Bennett, David: Philosophy of Nature among the Muʿtazilites

Here is a presentation of three unique and productive systems of natural philosophy, each of which attracted adherents throughout the 9th Century CE, and each of which, I will argue, exhibited a significant influence on the development of Islamic philosophy. Analysis of these systems demonstrates a sophisticated approach to problems of physics, psychology, and epistemology; indeed, it paves the way for a reappraisal of early Muʿtazilism as philosophically pregnant and deserving of study in itself.

(1) The atomism of Abū l-Hudhayl has received ample attention, and will be considered only briefly here in order to establish its complexity and adaptability. (2) The interpenetration thesis of al-Naẓẓām has received less attention, and its reception has ever been marred by confusion among transmitters and scholars. (3) The part-theory, or ‘bundle theory’ (as Sorabji was to categorize it) of Ḍirār b. ʿAmr has suffered from a similar neglect. Certainly, our source-material (hostile and fragmentary though it may be) provides sufficient evidence for the physical elements of each theory; yet in this approach I will show that each body of doctrines developed systematically, precisely to account for natural philosophy taken as a whole: i.e., including the problem of knowledge/perception. Nested in each system was an explanation of the operation of spirit and the sundry psychological faculties which did not depend upon the philosophical separation of mind (or soul) from body. Thus, it will be shown that these Muʿtazilite contributions are distinct systems of philosophy and not merely fragmentary peculiarities of speculative temperaments.

Hansberger, Rotraud: Ps.-Proclus’s Questions on Natural Things

At the centre of the paper is a Graeco-Arabic text entitled Masāʾil fī l-ashyāʾ al-ṭabīʿiyya, which is attributed to one Furuqlīs. Rather than representing a work by the Neoplatonic philosopher Proclus, the text belongs to the wider tradition of the Problemata physica, a collection of questions and answers concerning natural phenomena ascribed to Aristotle. While covering all sorts of ‘physical’ topics, there is a special emphasis on physiological and quasi-medical questions, thus illustrating the rather close relationship of (natural) philosophy and medicine. During the early Abbasid period, several such collections were rendered into Syriac and / or Arabic over and above the Ps-Aristotelian Problemata Physica.

Within this tradition, the Ps.-Proclean text is of particular interest because of its close relation to the Syriac Book of Treasures by the 8th-9th century translator, medic and polymath Job of Edessa. This text is again linked to the Kitāb Sirr al-khalīqa wa-ṣanʿat al-ṭabīʿa by Ps.-Apollonius of Tyana (early 9th century?), and it has long been assumed that both texts share a common source in the Problemata physica tradition.

The paper will examine more closely the relation between the Ps.-Proclean Masāʾil and Job’s Book of Treasures, and will investigate whether the Masāʾil can help to elucidate the link between the Book of Treasures and the Kitāb Sirr al-khalīqa.

Biesterfeldt, Hinrich: Ein spätantiker Kommentar zu den hippokratischen Aphorismen in arabischer Übersetzung

Wie seit einiger Zeit bekannt, ist der Kommentar des alexandrinischen Iatrosophisten Palladius zu den Aphorismen des Hippokrates in einer arabischen (fragmentarischen) Übersetzung erhalten. Die Lemmata dieser Version korrespondieren mit der Liste der Aphorismen, die al-Yaʿqūbī in seinem Tārīḫ aufführt. Auch die Übersetzung stimmt mit der Version, die bei al-Yaʿqūbī erhalten ist, überein; sie stammt, wie Manfred Ullmann festgestellt hat, aus der Feder al-Biṭrīqs, 70 Jahre vor der Übersetzung von Ḥunayn b. Isḥāq. Der Vortrag behandelt Umfang und Form der Lemmata, Eigentümlichkeiten des Kommentars sowie das Verhältnis zwischen der syrischen Übersetzung der Aphorismen und al-Biṭrīqs sowie Ḥunayns arabischen Versionen.

Wakelnig, Elvira: Philosophische Kompilationen und ihre Leser

Drei bisher unedierte Kompilationen philosophischen Materials, das Kitāb al-Ḥikma der Istanbuler Handschrift Esad Efendi 1933, das Kitāb Arāʾ al-ḥukamā der Istanbuler Handschrift Aya Sofya 2450 und die titellos und anonym überlieferte Oxforder Handschrift Marsh 539 weisen auffällige Gemeinsamkeiten in Struktur und Quellenauswahl auf. Dies legt die Annahme nahe, dass sie als drei Vertreter eines gemeinsamen Genres zu werten sind, das einem bestimmten Schema folgt und ein klar definiertes Ziel vor Augen hat. Die verwendeten Quellen erlauben einen terminus ad oder post quem am Ende des 10. bzw. am Anfang des 11. n.chr. Jahrhunderts festzulegen. Der Aufbau der Kompilationen und die Schriften, aus denen sie kompiliert wurden, ermöglichen Aufschlüsse über die Leserschaft, an die sich derartige Werke höchstwahrscheinlich gerichtet haben. Neben an Philosophie interessierten Laien und angehenden Studenten der Philosophie scheint es vor allem gerechtfertigt, hierbei an Ärzte zu denken, die nach der damals herrschenden Ansicht zumindest über ein philosophisches Basiswissen verfügen sollten. Die Unterschiede, die die Kompilationen in Struktur als auch in der  Quellenauswahl bei der Behandlung eines bestimmtes Thema aufweisen, geben den einzelnen Texten besonders Profil und werfen die Frage nach der Ursache für diese Abweichungen auf.