Panel: Reisetexte im Fokus von Literatur- und Sozialgeschichte

Schedule

Room: JO 1, Johannisstraße 1-4, Building Exzellenzcluster “Religion und Politik”
Day Time    
Mon 16:00-16:30 Klein Der Reisebericht des Murtaḍā b. Muṣṭafā b. Ḥasan al-Kurdī oder wenn ein Beamter auf Reisen geht
Mon 16:30-17:00 Meier Der arme und ungebildete Ṭāhā al-Kurdī: Selbst- oder Fremdinszenierung?
Mon 17:00-17:30 Stephan Eine siyāḥa als Bildungsroman? Überlegungen zur Organisation des Reisetextes von Ḥannā Diyāb (1763/64)

Panel leader:

Johannes Stephan

Panel description:

Texte, in denen das Reisen thematisiert wird, werden immer wieder als Zeugnis eines Wandels in der arabischen Literaturgeschichte und in islamisch geprägten Gesellschaften genannt. Besonders intensiv wird diese Diskussion in Bezug auf “Reiseberichte (riḥla)” aus Bilād aš-Šām in der frühen osmanischen Zeit geführt, also Texte, die zwischen dem 16. und dem 18. Jahrhundert entstanden.

Dieses Panel bringt Einzelstudien zu arabischen Reisetexten und Reisenden aus Aleppo und Damaskus aus dem 17. und 18. Jahrhundert zusammen mit dem Ziel, die Bedeutung des Reisens und des Reisen-Schreibens zu diskutieren. Dabei interessieren sowohl die Erzähler selber, was sie in welcher Weise beschreiben und berichten, die verschiedenen Fassungen der Texte und ihre Schreiber und Kommentatoren wie auch die sozialen Kontexte, in denen diese Texte entstanden sind und weitergegeben wurden: Inwiefern kann in diesen Zusammenhängen von Innovation und Kreativität gesprochen werden? Wer oder was ist als Triebkraft dieser Innovationen zu identifizieren?

Sections:

Arabic Language and Literature, Islamic Studies

Abstracts of the individual presentations:

Klein, Adrian: Der Reisebericht des Murtaḍā b. Muṣṭafā b. Ḥasan al-Kurdī oder wenn ein Beamter auf Reisen geht

Gegenstand des Vortrages ist der Reisebericht Tahḏīb al-aṭwār fī ʿaǧāʾib al amṣār (1713/14) von Murtaḍā b. Muṣṭafā b. Ḥasan al-Kurdī, einem Angehörigen der osmanischen (Militär-)Verwaltung. Dieser Bericht schildert seine erzwungene Flucht von Damaskus nach Kairo auf der Suche nach einer neuen Anstellung, die er schließlich als Steuereintreiber beim Gouverneur von Kairo findet. Im Fokus der Betrachtung soll al-Kurdīs literarische Überformung der „ursprünglichen“ Reisebeschreibung stehen, d.h. die Art und Weise, wie er seiner eigenen Reise mit den Mitteln des Handlungsaufbaus, der Dramatisierung und der Selbstdarstellung fast romanhafte Züge verleiht sowie den Bericht durch philosophische und ethisch-moralische Reflexionen anreichert. Dabei möchte ich seinen Bericht in erster Linie als besondere Form der Statuskundgabe lesen, durch die sich der Verfasser als Angehöriger der administrativen Struktur des Reiches zu erkennen gibt. Welche literarischen Strategien er für seine Selbststilisierung verwendet, soll der Vortrag zeigen, wobei insbesondere sein Zweifel an der Gerechtigkeit der weltlichen Ordnung und seine Auseinandersetzung mit der Schicksalsmetaphysik den thematischen Schwerpunkt ausmachen sollen.

Meier, Astrid: Der arme und ungebildete Ṭāhā al-Kurdī: Selbst- oder Fremdinszenierung?

Die Riḥla von Ṭāhā al-Kurdī (gest. 1800 in Damaskus) ist ein Text, auf den die Forschung bereits mehrfach hingewiesen hat. In meinem Beitrag wird es weniger um die dort thematisierten literaturgeschichtlichen Bezüge gehen denn um die Verortung des Erzählers in seinen wechselnden gesellschaftlichen Umfeldern. Ziel ist es zu diskutieren, ob arabische Reisetexte der frühen Neuzeit nicht viel stärker literarisch gestaltet sind, als die verbreitete Annahme von einem “Pakt der Wahrhaftigkeit” zwischen Erzähler und Publikum glauben macht, und wie solche Selbst- und eventuell sogar Fremdinszenierungen sozialhistorisch fassbar zu machen sind.

Stephan, Johannes: Eine siyāḥa als Bildungsroman? Überlegungen zur Organisation des Reisetextes von Ḥannā Diyāb (1763/64)

Ḥannā Diyābs siyāḥa umfasst Reiseerfahrungen eines jungen Maroniten aus Aleppo, der den französischen Gesandten Paul Lucas im Jahre 1707 auf seiner Rückkehr an den französischen Hof begleitet, eine Zeit lang in Paris bleibt und allein zurückkehrt. Die Hinreise führt über den Libanon, Zypern, Nordafrika und Italien, die Rückkehr nach einer Schiffsreise über das Mittelmeer durch Kleinasien. Der Text versammelt viele Topoi, die aus anderen arabischen Reisetexten bekannt sind: Seesturm, Schiffbruch und Piraten, zerstörte Gebäude und wunderschöne Gärten. Ebenso enthält er Anekdoten, Legenden und Episoden, die vermutlich zum Staunen anregen sollen sowie Frömmigkeit und Tugenden vermitteln. Das Besondere an dem Text liegt in der Kraft des Erzählens, mit der unterschiedliche Textteile – informative, dokumentarische wie unterhaltsame Abschnitte – zu einer zusammenhängenden Reiseerzählung verwoben werden. Die offensichtliche Einschreibung in eine bestimmte, meist als faktual verstandene Textsorte (riḥla, safra oder siyāḥa) und der Authentizitätsanspruch des Erzählers werden mit einer Neigung zur Fiktionalität kombiniert, die sich besonders in der Hervorhebung einzigartiger (Selbst-)Erlebnisse äußert.

In dem Vortrag sollen die verschiedenen Facetten von Diyābs siyāḥa als erste Ergebnisse eines close reading des Textes präsentiert werden. Es wird dabei der Arbeitshypothese des Dissertationsprojekts nachgegangen: Die siyāḥa lässt sich als eine Kompilation verschiedener Textsorten, Themen und Schreibweisen interpretieren und liefert daher einen Zugang zu Wissenshorizonten und Wissensordnungen im Aleppo des 18. Jahrhunderts. Ziel ist es allerdings auch, das Funktionieren und den Zweck dieses Textes als individuelles literarisches Ereignis zu bestimmen. In diesem Sinne soll schließlich diskutiert werden, in welcher Hinsicht diese siyāḥa als Bildungsroman verstanden werden kann.