Panel: Nationale Narrationen und politische Legitimationsformen in Afghanistan

Schedule

Room: F 3, EG, Fürstenberghaus
day time    
Thu 18:00-18:30 Poya Nationale Narrationen und Legitimation von Gewalt: Die Erfindung der afghanischen Nation zu Beginn des 20. Jahrhunderts
Thu 18:30-19:00 Buchholz

Einheit und Loyalität: Zur Redekultur der Loya Jirga in Zeiten der Krise

Thu 19:00-19:30 Farouq

Frieden oder Gerechtigkeit: Die Frage nach nationaler Aussöhnung

Panel leader:

Abbas Poya

Panel description:

Ziel des Panels ist es, einen Überblick zum aktuellen Stand der Forschung über die politische Geschichte Afghanistans vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis heute zu geben. Dabei werden insbesondere Formen und Praktiken politischer Legitimation und Repräsentation anhand historischer Beispiele diskutiert.

Sections:

Interdisziplinary (Iranian Studies; Islamic Studies)

Abstracts of the individual presentations:

Buchholz, Benjamin: Einheit und Loyalität: Zur Redekultur der Loya Jirga in Zeiten der Krise

Die Loya Jirga wurde in den 1920er Jahren in das politische System Afghanistans integriert und bis in die jüngste Vergangenheit komplementär zu den parlamentarischen Organen zur Verabschiedung von Beschlüssen von nationaler Tragweite einberufen. Obwohl die Loya Jirga 1964 mit dem Ziel in die Verfassung aufgenommen wurde, Form und Funktion dieser außerordentlichen Versammlung zu reglementieren und sie als festen Bestandteil des afghanischen Verfassungssystems zu institutionalisieren, ist sie in der politischen Praxis bis heute ein alternatives und okkasionelles Instrument politischer Repräsentation geblieben. Als solches ist die Loya Jirga neben ihrer variablen Ausgestaltung durch eine mythische Überhöhung ihrer Traditionalität gekennzeichnet.

 Der Vortrag befasst sich mit Formen symbolischer Politik in Afghanistan und fragt nach den Strategien afghanischer Regierungen angesichts schwerer gesellschaftspolitischer Krisen, Repräsentanten verschiedener gesellschaftlicher Gruppen zur Einheit aufzurufen und so Loyalität gegenüber der afghanischen Nation einzufordern. Nachvollzogen werden soll dies am Beispiel der Redekultur und dem symbolisch aufgeladenen Versammlungsgeschehen ausgewählter Loya Jirgas. Besonderes Augenmerk wird dabei auf drei Phasen der jüngeren afghanischen Geschichte gerichtet: die 1920er, 1980er und 2000er Jahre. Diese eignen sich gerade deshalb für die Untersuchung von Redestrategien afghanischer Politiker in Zeiten der Krise, da sie sich gleichermaßen durch einen „von Oben“ eingeleiteten Modernisierungsschub, eine dadurch provozierte Krisensituation und – in Reaktion darauf – durch eine geradezu inflationäre Nutzung und Idealisierung der Loya Jirga als Kriseninstrument auszeichnen.

Farouq, Nabiela: Frieden oder Gerechtigkeit: Die Frage nach nationaler Aussöhnung

Kann Erinnerung einer Wiederholung des Schlimmen vorbeugen? Die US-amerikanisch geführte Koalition Operation Enduring Freedom schaffte es 2001 nach nicht mal zwei Monaten mit Hilfe der afghanischen Nordallianz das Taliban Regime zu stürzen. Der Petersberger Prozess, welcher die Machtübergabe an eine demokratisch legitimierte Regierung nach dem Sturz der Taliban regelte, hatte sich zudem die Förderung von dauerhaften Frieden, Stabilität und Achtung der Menschenrechte zum Ziel gemacht. Doch wie könnte die Konsolidierung eines – wie auch immer – fragilen Friedens in Afghanistan aussehen?

Der Vortrag befasst sich mit den Voraussetzungen eines gerechten Friedens in Afghanistan und den potentiellen Hindernissen auf dem Weg dahin. Dabei soll es vor allem um die (nicht-) stattfindende Aufarbeitung von Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und anderen geächteten Menschenrechtsverletzungen seit 1978 gehen. Neben einer Darlegung der bisherigen politischen Bemühungen, wird herausgestellt, welche wissenschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Ansätze zur Gestaltung eines Aussöhnungsprozesses ausgearbeitet sind. Neben dem staatlichen Rechtssystem soll das Potential des informellen Rechtssystems der Jirgas untersucht werden. Abschließend soll das Konzept der Transitional Justice erläutert werden, das als Antwort auf systematische und weitreichende Verletzungen der Menschenrechte verstanden werden kann.

Poya, Abbas: Nationale Narrationen und Legitimation von Gewalt: Die Erfindung der afghanischen Nation zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Die Idee der Nation in Afghanistan ist Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden. Die politische Elite des Landes versuchte mit aller Gewalt auf einem Gebiet, das seit Jahrhunderten von verschiedenen Völkern mit heterogenen Sprachen und religiösen Prägungen besiedelt gewesen ist, einen Nationalstaat zu mythologisieren, der sich durch eine einheitliche Sprache (Paschtu), eine einheitliche Religion (sunnitisch-hanafitischen Islam) und vor allem durch die politische Dominanz einer Ethnie (Paschtunen) auszeichnen sollte.

Mit Bezug auf die Theorien von Ernest Gellner und Benedict Anderson zu Nation und Nationalismus und ausgehend von den aktuellen gesellschaftspolitischen Prozessen in Afghanistan befasst sich der Vortrag mit der Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte des Nationalismus in Afghanistan. Die zentrale These des Vortrags lautet: unter welcher politischen Agenda auch immer konnte sich die Idee einer einheitlichen Nation, auch im Sinne einer imaginären Gemeinschaft, bisher nicht in Afghanistan durchsetzen. Und das lag nicht zuletzt darin, dass Nationalismus – auch in Afghanistan – auf historisch und epistemisch falschen bzw. erfundenen Annahmen beruht.