Panel: Immer noch auf der Suche nach Europa? Reflexionen über Europa als Ort des Möglichen in Literatur, Ideologie und Reisen

Schedule

Room: Kath Theol V, Hochparterre, Johannisstraße 8-10
day time    
Mo 13:30-14:00 Gräf Europa in den Schriften von Khalid Muhammad Khalid (1920-1996) und Muhammad al-Ghazali (1917-1996) zu Beginn des Kalten Krieges
Mo 14:00-14:30 Graw Continuity and rupture in the memory of migration: A West African trajectory
Mo 14:30-15:00 von Mende Aus der Metropole durchs “langweilige amerikanische Dorf ” ins “kleine Wien” – Osmanische Reisende in Sofia und Bukarest zu Beginn des 20. Jahrhunderts
Mo 15:00-15:30 Schielke Wo liegt Alexandria? Alexandriner Literaten und der Fremde als einer von uns

Panel leader:

Samuli Schielke, Bettina Gräf

Panel description:

Dieses Panel konzentriert sich interdisziplinär auf spezifische Momente in Geschichte und Gegenwart und fragt inwieweit und mit welchen Konsequenzen im Osmanischen Reich, im Nahen Osten und in Afrika Europa als Ort des Möglichen rezipiert wurde bzw. wird. Darüber hinaus wird aber auch nach anderen Referenzpunkten in einer multipolaren Welt gefragt.

Sections:

interdisciplinary (Politics, Economy and Society; Islamic Studies)

Abstracts of the individual presentations:

Gräf, Bettina: Europa in den Schriften von Khalid Muhammad Khalid (1920-1996) und Muhammad al-Ghazali (1917-1996) zu Beginn des Kalten Krieges

Der Vortrag beschäftigt sich mit ideologischer Wissensproduktion im Ägypten der 1940er und 1950er Jahre. Zwei sich gegenüberstehende Positionen zweier Absolventen der Azhar Universität werden miteinander verglichen. Beide Autoren publizierten im 1946 in Kairo gegründeten Verlagshaus und Buchladen Maktabat Wahba. Das erste Buch, das Wahba Hasan Wahba jemals verlegte, hieß Min huna nabda’ (Von hier beginnen wir) von Khalid Muhammad Khalid, der die Idee des Sozialismus unterstützte. Das zweite Buch war die Antwort darauf mit dem Titel Min huna na´lam (Von hier aus wissen wir), veröffentlicht 1950, von Muhammad al-Ghazali, der die Idee des Islam als ganzheitliches System favorisierte.

Europa hat unterschiedliche Konnotationen in den Werken beider Autoren. Khalid Muhammad Khalid bezieht sich auf verschiedene intellektuelle Traditionen und europäische Autoren, um seine Vision einer islamischen sozialistischen Gesellschaft in Ägypten zu entwerfen. Sein Freund al-Ghazali hingegen unterscheidet klar zwischen europäischen und islamischen Ideen. Für ihn bedeutet Europa ausschließlich christliche Missionierung, Kolonisierung und Kulturimperialismus. Seine Zielvorstellung einer islamischen Gesellschaft kommt daher ohne explizite Referenzen zu europäischen Ideen aus.

Mein Interesse ist die Analyse des Begriffes Europa in den Schriften beider Autoren. Ich verfolge ihre divergierende Ansichten, aber auch Gemeinsamkeiten in ihren Texten, wie z.B. die Konzeption von Gesellschaft oder von Staat. Dabei gehe ich davon aus, dass sozialistische, kommunistische und islamische Ideen durch die ökonomischen Bedingungen unter denen die Bücher verlegt wurden sowie durch die Kultur transregionaler ideologischer Auseinandersetzung in dieser Zeit in ähnlicher Weise geprägt wurden.

Graw, Knut: Continuity and rupture in the memory of migration: A West African trajectory

One of the most striking features of West and North African migration to Europe since the late 1980s has been the almost complete anonymity of its protagonists. Another important feature of contemporary migration is that it is often represented as if it had no past. Concentrating on an individual account of migratory experience that dates back before the highly mediatized boat arrivals of West African migrants, this paper attempts to understand some of the dynamics and motivations underlying the recent history of migration between West Africa and Europe. By focusing on an individual narrative of African-European migration the paper attempts to do so from a perspective that allows both to grasp the individual or existential dimension of migration as well as the historical nature of the border regimes governing individual trajectories. As the destination of the migratory trajectories described is Europe, the paper simultaneously offers a first hand commentary to the question whether Europe still represents an important point of destination in the contemporary migratory imagination.

von Mende, Leyla: Aus der Metropole durchs “langweilige amerikanische Dorf ” ins “kleine Wien” – Osmanische Reisende in Sofia und Bukarest zu Beginn des 20. Jahrhunderts

In den ersten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts waren osmanische Reisende in Sofia und Bukarest sowohl mit den Hauptstädten „ehemaliger Untertanen“ als auch neuer Nachbarn und Konkurrenten konfrontiert. In meinem Beitrag werde ich die osmanische Auseinandersetzung mit einem Teil Europas thematisieren, der normalerweise nicht im Mittelpunkt der Beschäftigung mit osmanisch-europäischen Beziehungen steht. Meine Analyse konzentriert sich auf die Frage, wie die spezifische Vergangenheit und Gegenwart die Repräsentationen osmanischer Reisender von diesen beiden südosteuropäischen Städten beeinflussten. 

Mein Ausgangspunkt ist die Annahme, dass die Reisenden den Balkan sowohl als unvollkommenes „Selbst“ als auch unvollkommenes „Anderes“ darstellten. Als Konsequenz der doppelten Position des osmanischen Staates als imperiale Entität und Objekt quasi-kolonialer Bestrebungen wird der Balkan einer osmanischen Selbstwahrnehmung gegenübergestellt, die zwischen einer imperialen und überlegenen Perspektive hinsichtlich der ehemaligen Provinzen und einer rückständigen, unterlegenen Perspektive in Bezug auf westeuropäische Standards von Fortschritt oszilliert. Im ersten Fall wird die Unvollkommenheit als negativ bewertet und ähnelt der Perspektive westeuropäischer Reisender. Westeuropa als ideales Beispiel für Fortschritt wird zu einem zusätzlichen Vergleichspunkt. Der Balkan ist zugleich eine unvollkommene ehemalige Provinz und ein neuer unvollkommener Nachbar. Im zweiten Falle, aus der Perspektive osmanischer Rückständigkeit, wird die Unvollkommenheit zu etwas Positivem. Der Balkan erscheint nicht mehr als ganz „orientalisch“ oder osmanisch, sondern beinahe „europäisch“.

Schielke, Samuli: Wo liegt Alexandria? Alexandriner Literaten und der Fremde als einer von uns.

Ausgehend von einer laufenden ethnografischen Forschung unter Literaten in Alexandria, thematisiert diese Präsentation die komplexe und manchmal paradoxe Art und Weise, wie Literaten in verschiedenen literarischen Kreisen Alexandrias sich mit ihrer Stadt und den damit verbundenen umstrittenen politischen und gesellschaftlichen Idealen auseinandersetzen. Eine wichtige Rolle bei dieser Auseinandersetzung kommt der Figur des Europäers zu – sowohl in Gestalt des einst in Alexandria ansässigen Ausländers als auch als Partner in gegenwärtigen internationalen Zusammenarbeitsprojekten. Für viele Intellektuelle und Literaten ist dieser nahe Fremde einerseits Teil einer Vision von Alexandria als weltoffener Stadt, andererseits aber verkörpert er auch eine problematische und ungleiche Beziehung. Aber warum ist die Figur des Europäers wichtig? Am Beispiel eines Zusammenarbeitsprojekts von einer Gruppe alexandriner Autoren mit einer Kuratorin und einem Ethnologen aus Berlin, entwickelt die Präsentation die These, dass die Zwiespalt der Beziehung mit dem Europäer ihre volle Bedeutung für die Literaten erst im größeren Zusammenhang einer Beschäftigung mit Differenz und Fremdheit als eine alltägliche Frage erlangt. Die Frage über die Beziehung mit dem Europäer als einem nahen Fremden ist verbunden mit einer politischen und gesellschaftlichen Positionierung in der ägyptischen Gesellschaft, einer Frage darüber, was für eine Stadt Alexandria ist, wo ihr wahres Herz in dem urbanen Konglomerat zu verorten ist.