Panel: Entanglements, Transfer und transnationale Geschichte: Europa und die Türkei, 16. Jhd.-20. Jhd

Schedule

Room: F 40, UG, Fürstenberghaus
day time    
Fr 11:00-11:30 Graf Transimperialer Adel: Der Brüder Scipione und Carlo Cigala, ca. 1590–1630
Fr 11:30-12:00 Helmedach Bekenntniswechsel im Raum des „Triplex Confinium“ zwischen Osmanischem, habsburgischen und venezianischem Imperium im 17. und 18. Jahrhundert
Fr 12:00-12:30 Fuhrmann Wie das Bier in den Orient kam. Osmanische Bierproduktion und -akzeptanz im Spannungsfeld zwischen dem Globalen und Lokalen (1830-1920)
Fr 12:30-13:30 lunch break  
Fr 13:30-14:00 Tulaşoğlu Akteure der Modernisierung: Ein britischer Konsul im osmanischen Saloniki der Früh-Tanzimat Zeit
Fr 14:00-14:30 Yercil The plans for Anatolian colonization: “Furor orientalists” vs. the Deutsche Bank, 1890-1914
Fr 14:30-15:00 Ihrig Hitler’s „leuchtender Stern in der Dunkelheit“ – Die Nazis und die Neue Türkei, 1919-1945

Panel leader:

Stefan Ihrig

Panel description:

Unser Panel wird eine Reihe von Schlaglichtern auf die Verflechtungs- und Transfergeschichte zwischen Europa und dem Osmanischen Reich/der Türkei vom 16. Jahrhundert bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts werfen und dabei neueste Forschungen zur transnationalen und zur Verflechtungsgeschichte präsentieren. Unsere Beiträge – von frühneuzeitlichen Renegaten bis hin zu den Nazis und der Türkei – zeigen dabei neue Dimensionen europäischer und osmanischer Geschichte auf und stellen damit eine Reihe von althergebrachten Grundannahmen über „Europa“ und die „Türkei“ in den verschiedenen Epochen in Frage.

Sections: 

interdisciplinary (Ottoman Studies; Turkology and Central Asia Studies)

Abstracts of the individual presentations:

Fuhrmann, Malte: Wie das Bier in den Orient kam. Osmanische Bierproduktion und -akzeptanz im Spannungsfeld zwischen dem Globalen und Lokalen (1830-1920)

Die Geschichte der osmanischen Bierproduktion und vor allem der Rezeption dieses neuartigen Produkts ist der Gegenstand mehrerer populärwissenschaftlicher Abhandlungen gewesen. Dieser Beitrag wird das Produkt stärker im Kontext wirtschafts- und kulturhistorischer Prozesse verorten und dabei die interkulturellen Aspekte besonders betonen. Anders als die bisherige Forschung den Eindruck erweckt, ist es nicht möglich, den ersten Bierproduzenten oder die erste Bierkneipe auf osmanischem Boden zu identifizieren. Vielmehr erfolgte die seit den 1830ern einsetzende Produktion auf dezentrale, deregulierte und chaotische Weise. Deutsche, österreichische und französische EinwanderInnen wie auch ortsansässige GriechInnen produzierten das Getränk in kleinen Mengen frei von staatlichen Lizenzen aber angesichts einer deutlichen Ablehnung in ihrem unmittelbaren Umfeld, das sich jedoch zunächst zu keinem zusammenhängenden Weltbild verdichtete. Diese Ablehnung ebbte in den Jahrzehnten nach dem Krimkrieg ab, während Bier zu einem prestigeträchtigen Konsumprodukt avancierte und es ab den 1890ern schließlich zur industriellen Massenproduktion in Istanbul und Saloniki kam. Zur Jahrhundertwende hingegen entwickelte sich das Getränk zum Sinnbild der osmanischen gesellschaftlichen Spaltung: Während Bierliebhaber es als sexy, kosmopolitisch und progressiv feierten, formierte sich eine Opposition, die es als bitteres, antinationales und asoziales Getränk stigmatisierten. Die Konjunktur der Produktakzeptanz auf dem osmanischen Markt spiegelt gewissermaßen die gesellschaftliche Akzeptanz des Europäisierungsprozesses wider.

Graf, Tobias P.: Transimperialer Adel: Die Brüder Scipione und Carlo Cigala, ca. 1590–1630

Im Jahre 1598 ernannte Sultan Mehmed III. einen gewissen Carlo Cigala aus Messina zum Herzog von Naxos. Doch Sizilien war natürlich weder Teil des Osmanischen Reiches, noch handelte es sich bei Cigala um einen Untertan des Sultans. Wie kam Mehmed III. dazu, einen „Ausländer” mit der Regierung einer Provinz seines Reiches zu betrauen? Zweifelsohne hatte Carlo diese Ehre seinem älteren Bruder Scipione zu verdanken, der Osmanisten besser als Ciğalazade Yusuf Sinan Paşa bekannt ist. Ciğalazade war 1561 in osmanische Gefangenschaft geraten und zum Islam übergetreten. In der Folge absolvierte er eine beeindruckende Karriere im osmanischen Staatsdienst, deren Höhepunkte die Ämter des Admirals der Flotte sowie des Großwesirs waren.

In diesem Vortrag werde ich zeigen, dass sich die Cigalas im späten 16. und in der ersten Hälfte des 17. Jhs. als transimperialer Adel verstanden, ein Begriff der sich von Natalie Rothmans Kategorie des „trans-imperial subject“ ableitet. Dieses Selbstverständnis äußert sich beispielsweise in Ciğalazade’s nisbe, die wörtlich „Sohn des Cigala“ bedeutet und die somit nicht nur die andauernde Bedeutung seiner Herkunft für seine Selbstdarstellung belegt, sondern auch Ausdruck einer kosmopolitischen Identität ist. Darüber hinaus zeigt die Tatsache, dass Carlo Cigala seinen älteren Bruder als eine Quelle der Patronage betrachtete, wie irreführend die in christlich-europäischen Texten über das Osmanische Reich allgegenwärtige Rhetorik des Gegensatzes, und insbesondere die Verdammung sogenannter „Renegaten” als Verräter des Christentums und der Christenheit ist. Hinter dieser verbergen sich unzählige friedliche Alltagskontakte und Austauschbeziehungen zwischen Osmanen und Nichtosmanen, aus deren Gesamtschau sich eine gemeinsame europäisch-osmanische Welt konstituiert. Die Geschichte der Brüder Scipione und Carlo wirft dabei ein neues Licht auf eben jene Interaktionen und belegt, wie sehr, entgegen aller religiösen und politischen Gegensätze, das Osmanische Reich Teil Europas war.

Helmedach, Andreas: Bekenntniswechsel im Raum des „Triplex Confinium“ zwischen Osmanischem, habsburgischen und venezianischem Imperium im 17. und 18. Jahrhundert

In der südosteuropäischen Geschichtsschreibung zur Neuzeit unterliegt das Problem des Bekenntniswechsels vom Christentum zum Islam, aber auch vom Islam zum Christentum nach wie vor einer starken Tabuisierung, weil es geeignet ist, die Grundlagen des ethnisch-religiösen Selbstverständnisses der modernen südosteuropäischen Nationen in Frage zu stellen. Bekenntniswechsel werden daher, wenn sie überhaupt behandelt werden, ausschließlich als Zwangsbekehrungen perzipiert und Arbeiten der modernen internationalen Osmanistik, die ein differenzierteres Bild zeigen, selbst wenn sie von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern südosteuropäischer Herkunft stammen (wie etwa diejenigen von Tijana Krstić oder Anton Minkov) weitgehend ignoriert.

In diesem Paper soll anhand von Quellenmaterial venezianischer, osmanischer sowie habsburgischer Provenienz, das überwiegend aus den Archiven in Venedig und Zadar (Kroatien) stammt, gezeigt werden, welch weites Feld zwischen freiem Willen und gewaltsamen Zwang beim Bekenntniswechsel entlang der osmanisch-venezianischen und osmanisch-habsburgischen Grenzen im sogenannten „Triplex Confinium“ zwischen Kroatien, Dalmatien, Bosnien und der Herzegowina im 17. und 18. Jahrhundert bestand. Das Spektrum reicht dabei vom wohlkalkulierten Ausnutzen individueller Aufstiegschancen von „trans-imperial subjects“ im Sinne von Natalie Rothman über den Seiten- und Religionswechsel unter dem Druck von Ausnahmesituationen wie etwa Hungersnöten bis hin zum mehr oder minder nacktem Zwang beispielsweise im Rahmen der in den genannten Gebieten in der Frühen Neuzeit auch auf christlicher Seite noch in voller Blüte stehenden Sklaverei mittelmeerischen Typs. Für die langen Kriege zwischen den „adriatischen“ Imperien im 17. Jahrhundert wie etwa den Candiakrieg um Kreta (1645-1669) oder sogenannten „großen Türkenkrieg“ der Österreicher (1683-1699), der für die Venezianer der erste Moreakrieg gewesen ist, kann dabei geradezu von einer Konkurrenz um die Loyalität der ethnisch-religiös vielgestaltigen Bevölkerung der südosteuropäischen Grenzregionen gesprochen werden, deren Ausgang zugleich den Ausgang dieser Kriege mitbestimmte. Die Förderung von Seiten- und Bekenntniswechseln vom Islam zum Christentum, vom Christentum zum Islam oder auch „innerchristlich“ zwischen Katholizismus und Orthodoxie durch materielle Anreize oder militärische Gewalt gehörte hier zum Repertoire imperialer Politik, gegenüber der aber der Eigensinn der autochthonen Bevölkerung niemals unterschätzt werden darf.

Ihrig, Stefan: Hitler’s „leuchtender Stern in der Dunkelheit“ – Die Nazis und die Neue Türkei, 1919-1945

Dieser Vortrag soll einen gänzlich vergessenen Aspekt der deutsch-türkischen Beziehungen im 20. Jahrhundert beleuchten: die Faszination der Nationalsozialisten mit Atatürk und dem Kemalismus. Seit Anfang der Hitler-Bewegung bildete der kemalistische Befreiungskrieg in Anatolien (1919-1923) einen wichtigen Bezugspunkt für die Nazis. Wie hier gezeigt wird, war Atatürk sogar ein noch wichtigerer Bezugspunkt als Mussolini in der Zeit bis zum Hitlerputsch (1923), ja er war sogar das eigentliche Vorbild der Nazis. Diese Vorbildfunktion übersetzte sich dann im Dritten Reich in eine offene Verehrung der „Neuen Türkei“, die dem „Neuen Deutschland“ parallel gesetzt wurde. Besonders Hitler selbst bezog sich positiv auf Atatürk, den er in einem Interview mit der Milliyet 1933 als seinen „leuchtenden Stern“ im Dunkel der 1920er bezeichnete. Hitler gab damit die offizielle Sprachregelung für das Dritte Reich in Bezug auf die Türkei aus. In zahlreichen Texten – von tausenden Zeitungsartikeln bis hin zu den vier deutschsprachigen Atatürk-Biographien der Zwischenkriegszeit – wurde der „türkische Führer“ und die „völkische Aufbauarbeit“ der Türkei gewürdigt, gefeiert und verehrt. Zwar gab es eine Reihe von persönlichen, biographischen Verflechtungen zwischen der Geschichte des NS und der Türkei (z.B. mit von Papen, Ribbentrop, Scheubner-Richter, Höss, etc.), doch es waren vor allem die Medien und die ideologischen Wahrnehmungen und Grundvoraussetzungen, die das nationale/nationalistische Deutschland mit Atatürk und seiner Türkei verknüpften. Hier fand ein Transfer von der Türkei – „Ex Oriente lux“, wie es (auch) in dieser Zeit oft genannt wurde – nach Deutschland statt, einer, der zwar nicht nachhaltig war, aber doch dazu führte, dass die Türkei und die Türken für die gesamte Zwischenkriegszeit zu äußerst populären Medienthemen wurden.

Tulaşoğlu, Gülay : Akteure der Modernisierung: Ein britischer Konsul im osmanischen Saloniki der Früh-Tanzimat Zeit

Unter der „Osmanischen Modernisierung“ wird spätestens seit der jüngsten Veröffentlichung Herzogs über die Modernisierung im Irak nicht nur eine Modernisierung als Politik des Zentralstaates verstanden, sondern auch ein breiterer Prozess, an dem eine Vielzahl von Akteuren beteiligt war. Auch Osterhammel konnte aufgrund der Arbeiten Anastassiadous und Hanssens zu Saloniki und Beirut zeigen, dass sich trotz des zentralistischen Charakters der Reformen unter günstigen Umständen eine Reformdynamik im Osmanischen Reich entfalten konnte sobald Reformimpulse aus Istanbul Spielräume dafür geschaffen hatten. Richtet man das Augenmerkt über staatliche Institutionen wie den zentralstaatlichen Verwaltungsapparat und das Militär hinaus auf Bereiche anderer gesellschaftlicher Wandlungen, so begegnet man Fällen, die zeigen, dass die osmanische Modernisierung nicht nur auf Inhalte beschränkt betrachtet werden kann, sondern auch als ein Prozess sozialen Wandels gesehen werden muss, der neue Akteure hervorbrachte.

In meinem Vortrag betrachte ich Modernisierung als einen solchen breiten Prozess, der zwei Elemente gleichzeitig beinhaltet: Erstens Modernisierungsschritte selbst, die den Inhalt der Reformen ausmachen, d.h. was modernisiert wurde und zweitens die Agenten, die bei der Verwirklichung dieser Modernisierungsschritte bzw. Reformen auf osmanischem Boden wirken konnten. Die Ein- und Durchführung der Quarantäne im drittgrößten Hafen des Osmanischen Reiches, Saloniki, noch vor der reichsweiten Implementierung vergleichbarer Maßnahmen in der späten Regierungszeit Mahmuds II. eignet sich hier besonders gut als Fallstudie. Dabei werde ich nicht nur zeigen, wie viel Spielraum zur Eigeninitiative die Provinzverwaltung tatsächlich besaß, sondern auch, welchen Einfluss einzelne Personen, in diesem Fall der britische Konsul Charles Blunt, bei der Verwirklichung von Reformen auf lokaler Ebene besaßen.

Yercil, Mehmet: The plans for Anatolian colonization: “Furor orientalists” vs. the Deutsche Bank, 1890-1914.

This paper will be exploring German colonization attempts in Ottoman Anatolia in the age of new imperialism. Suzanne Marchand (German Orientalism in the Age of Empire, Cambridge, 2009) has recently introduced the concept of “furor orientalism”, as characteristic of young German scholars and intellectuals of this period. Searching for reasons of this “fury”, this paper will broaden the scope of analysis to include not only scholars but also travellers, engineers, journalists, military personnel, teachers, diplomats and the like who published their accounts after visits to Anatolia. It will aim to show that fury was a much broader phenomenon; not just an intergenerational conflict where younger orientalists voiced their vexations against their liberal Doktorväter: it was also addressed against established German big capital with its globalised operations. The Deutsche Bank’s vast Anatolian Railway and Baghdad Railway enterprises unleashed significant interest in officers, members of the professions, and academics who desired a more nationalist Germany living up to its recently manifested potential, diverting its “surplus” population to places where German presence hitherto was negligible. This posed a problem for the Deutsche Bank, which had Ottomanized most of its operations in order not to cause a nationalist reaction in the Ottoman Empire itself. This Ottomanization of the Deutsche Bank however, was a cause of fury back in Germany, which could only be coped with through significant public relations efforts.