Panel: Digital Humanities: Neue Methoden der Textanalyse in der Arabistik und Islamwissenschaft

Schedule

Room: F 42, UG, Fürstenberghaus
Day Room    
Thu 13:30-14:00 Marx Die Kartierung des Korantextes mit digitalen Methoden
Thu 14:00-14:30 Jocham Digitalisierung von Qurʾānhandschriften: Transliteration und XML von Ḥiǧāzī-Codices
Thu 14:30-15:00 Thomann Authorship Attribution on Arabic Texts: The Case of a Commentary on the Almagest Attributed to al-Fārābī
Thu 15:00-15:30 Müller Das Projekt “Islamic Law Materialized”: ein neuer Blick auf arabische Rechtsurkunden
Thu 15:30-16:00 break  
Thu 16:00-16:30 Kaplony Sprachniveau und Alltagsrealität in den Dokumenten vom Rotmeer-Hafen al-Quṣayr al-Qadīm (13. Jh.)
Thu 16:30-17:00 Czygan Ottoman Divan Poetry Through the Magnifying Glass of the Literature Description Language Program
Thu 17:00-17:30 Arn Der Nahe Osten als ideologischer Kampfplatz – arabische Talkshows über den Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten
Thu 17:30-18:30 discussion  

Panel leaders:

Eva Orthmann, Johannes Thomann und Andreas Kaplony

Panel description:

Die Entwicklung digitaler Technologien hat die Geisteswissenschaften vor neue Aufgaben gestellt und und ihnen den Einsatz neuer Forschungsmethoden ermöglicht. In der fachübergreifenden Disziplin der Digital Humanities werden die relevanten Methoden entwickelt und evaluiert. Zur Zeit werden an zahlreichen Universitäten Zentren für Digital Humanities eingerichtet, in denen diese Tätigkeiten gebündelt werden sollen. Arabistik und Islamwissenschaft stehen bei dieser dynamischen Entwicklung weitgehend in einer Anfangsphase. Zahlreiche vielversprechende Projekte sind in den letzten Jahren ins Leben gerufen worden, und gleichzeitig ist eine Diskussion über den wissenschaftlichen Ertrag solcher Projekte im Gange.
Im vorliegenden Panel sollen Beispiele für den Einsatz computergestützter Methoden bei der Textanalyse in der Arabistik und Islamwissenschaft vorgestellt werden. Dies soll nicht aus der Perspektive der Projektentwicklung, sondern aus der Perspektive der Anwendung in der konkreten Forschungsarbeit geschehen. Dabei soll der wissenschaftliche Mehrwert, der sich aus den neuen Analysemöglichkeiten und den digital bereitgestellten Resourcen ergibt, evaluiert werden.
Als Ergänzung zum vorliegenden Panel findet eine Poster-Session statt, in der laufende Projekte der Digital Humanities in den Bereichen Arabistik, Iranistik, Islamwissenschaft und Turkologie präsentiert werden.

Sections:

interdisciplinary

Abstracts of the individual presentations:

Marx, Michael: Die Kartierung des Korantextes mit digitalen Methoden

Die Konzeption des Forschungsvorhabens Corpus Coranicum der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften wird kurz vorgestellt, wobei der Schwerpunkt auf den digitalen Techniken liegt. Inzwischen ist eine Publikationsseite (corpuscoranicum.de) als Betaversion online, die bei aus den verschiedenen Datenbanken zu Textgeschichte, Texte aus der Umwelt des Korans und Kommentar eine Präsentationsseite generiert. Neben dem Stand der Dinge werden aktuelle “Baustellen” wie die digitale Verknüpfung von Text und Bild, außerdem weitere Planungen des digitalphilologischen Unternehmens skizziert.

Jocham, Tobias J.: Digitalisierung von Qurʾānhandschriften: Transliteration und XML von Ḥiǧāzī-Codices

Die Digitalisierung von Handschriften beinhaltet Techniken, die über eine bloße online-Katalogisierung oder digitale Photographie hinausgehen sollten. Neben paläographischen Daten zu den verschiedenen Händen und den Schriftstilen ermöglicht die elektronische Texterfassung, da sie die Differenz zur Orthographie des Kairiner Druck stets markiert, eine sichere Analyse über die Orthographie eines Manuskriptes und den Abgleich mit anderen Handschriften. Grundvoraussetzungen für erfolgreiche Digitalisierungen stellen deshalb auch die Anwendung von zukunftssicheren Techniken wie XML (eXtensible Markup Language) einerseits und weithin gültigen Standards wie der Systematik der TEI (Text Encoding Initiative)
andererseits dar.

Thomann, Johannes: Authorship Attribution on Arabic Texts: The Case of a Commentary on the Almagest Attributed to al-Fārābī

Authorship Attribution (AA) is a growing research field within the disciplines of Digital Humanities. AA is based on statistics of textual elements as character n-grams, words or words n-grams in texts. A great number of methods have been developed and evaluated for texts in different languages. However, only two studies of AA on Arabic texts have been published. Kareem Shaker and David Corne (2010) worked on modern prose texts and achieved a score of 83%–94% successful identification of the author with word chunks of 2000 words. Siham Ouamour and Halim Sayoud (2012) used small word chunks (550 words on
average) of travel accounts from the 9th to the 19th centurry and achieved a score of up to 80%.
In the present paper the case of a comprehensive Commentary on the Almagest without any explicit statment of authorship in the manuscripts will be presented, and first test results with methods of AA will be discussed. A training set of authentic works of al-Fārābī and other authors of philosophical and astronomical works are being used. In vocabulary, the commentary on the Almagest follows closely the base text, the translation of Ḥunayn Ibn Isḥāq, and makes an identification of the author difficult. However, there are two short passages in the commentary which are philosophical digressions of the commentator and seem to be close to his personal style of writing. These passages deserve particular examination with methods which work well with small word chunks.

Müller, Christian: Das Projekt “Islamic Law Materialized”: ein neuer Blick auf arabische Rechtsurkunden

Das ERC-finanzierte Forschungsprojekt ILM (Islamic Law Materialized) untersucht arabische Originalurkunden des 8. bis 16. Jahrhunderts in ihrem Verhältnis zum Islamischen Juristenrecht (/fiqh/). Die eigens konzipierte Datenbank CALD (*C*omparing *A*rabic *L*egal *D*ocuments) ermöglicht die Erfassung von Metadaten, arabischen Urkundentexten und Abbildungen und ist mit umfangreichen Suchfunktionen ausgestattet. Nach vier Jahren Projektarbeit beinhaltet sie einen neuartigen Textkorpus mit – gegenwärtig – Angaben zu über 1600 Beurkundungen auf 1227 Rechtsurkunden, Texten hunderter edierter und unedierter Stücke, über 3800 Abbildungen, sowie zahlreiche Urkundenfragmente und administrative Dokumente.
Technische Besonderheiten von CALD sind die arabischen Textsequenzen sowie eine ausgefeilte Urkundentypologie, welche die Grundlage der computergestützten Textanalyse bilden. Darüber hinaus erleichtert die Funktion „Autovervollständigung“ (autocomplete) sowohl die Entzifferung als auch die Eingabe der unpunktierten, kursiv geschriebenen Urkundentexte. Entscheidend für die Textanalyse ist die Möglichkeit, verschiedene Bedingungen (etwa Urkundentypen, Textstellen, Zeitfenster etc.) ein- bzw. auszuschließen.
Der Vortrag stellt verschiedene Aspekte des Urkundenvergleichs und bisherige Ergebnisse des Projekts vor.

Kaplony, Andreas: Sprachniveau und Alltagsrealität in den Dokumenten vom Rotmeer-Hafen al-Quṣayr al-Qadīm (13. Jh.)

Bei den 700 in al-Quṣayr al-Qadīm gefundenen Briefen, Geleitschreiben und Laufzetteln (13. Jh.) handelt sich um eines der wenigen in situ gefundenen arabischen Archive, ja um das einzige, bei denen der Fundkontext der Dokumente minutiös dokumentiert und ausgewertet sind. Dieses Archiv verbindet die überreichen Quellen zur Handelsgeschichte des Niltals mit
den durchaus vorhandenen Quellen zum Handel im Jemen. Sprachlich und inhaltlich steht es den jüdisch-arabischen Geniza-Dokumenten nahe.
Ein genauerer Blick zeigt nun, dass wir in diesen Dokumente drei verschiedene Sprach- und Schriftniveaus finden: selten ein elegantes Arabisch, meist die Gebrauchssprache der Kaufleute, dazu die ungelenken Mitteilungen der Transporteure. Die Untersuchung geht den Unterschieden der drei Niveaus und den dahinterstehenden Alltagsrealitäten nach. Bei der Auswertung des Materials waren die ausgefeilten Suchmöglichkeiten in Volltext, Lemmata und Formen des heute 1’500 Dokumente umfassenden, frei zugänglichen Thesaurus der Arabic Papyrology Database (www.ori.uzh.ch/apd) entscheidend.

Czygan, Christiane:  Ottoman Divan Poetry Through the Magnifying Glass of the Literature Description Language Program

Although divan poetry was rooted in Persian lyrical tradition, in the 16th century Ottomans began to elaborate their own Turkish-Ottoman style. During Sultan Süleyman the Lawgiver’s reign which lasted over fourty years (1520-1566), the production of art was greatly stimulated and with Sultan Süleyman’s generous support, splendid works were created. Court poetry was strongly favoured and the poet Baki (1526-1600) was able to excel, taking Ottoman poetry to new hights. However, like his father and forefathers, Sultan Süleyman the Lawgiver created himself thousands of ghazels under the pseudonym Muhibbi. After his father Selim I he is perceived to have been the most gifted ruler-poet.
As far as we know there are only fragments of the original texts remaining. In this respect digitilization is difficult to undertake. However, the XLDL Literature Description Language is a good tool for the comparison of huge number of stanzas and lines, which is necessary to extrapolate intra-divan correlations as well as inter-divan references. In this paper I would like to shed light on features of stanza recognition within one divan and between two sister manuscripts. Furthermore, I would like to indicate how the different criteria for stanzas and themes help to systemize the different layers of meaning, in respect to the mystical god experience, physical love or devotion to the ruler, which was in this specific case devotion to god himself.

Arn, David: Der Nahe Osten als ideologischer Kampfplatz: arabische Talkshows über den Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten

Die politischen Umwälzungen, die der Nahe Osten und Nordafrika seit dem „Arabischen Frühling“ erleben, haben den historischen Graben zwischen Sunniten und Schiiten nicht wie erhofft zugeschüttet; die Kluft ist vielmehr größer geworden, hat sich geographisch und konzeptuell verschoben. Dies lässt sich deutlich anhand von Talkshows der großen arabischen
Satellitensender wie al-Jazeera und al-‘Arabiyya im sunnitischen Lager und al-‘Alam und al-Mayadeen im schiitischen Lager aufzeigen.
Das präsentierte Forschungsprojekt untersucht die strategische (Neu-)Orientierung der verschiedenen Sender sowohl hinsichtlich ihres Fokus auf konkrete Schauplätze als insbesondere auch bezüglich ihrer gegenseitigen konzeptuellen Beeinflussung. Basierend auf theoretischen Ansätzen der kritischen Diskursanalyse sowie unter Zuhilfenahme weiterer medientheoretischer und qualitativer Ansätze konzentriert sich die Analyse im Speziellen auf die Entstehung und Wandlung zentraler Normen und Begrifflichkeiten im neuen politischen Diskurs. Die Grundlage einer solchen Analyse von elektronischen Medien bilden zwangsweise digitale Hilfsmittel, welche sowohl die Bewältigung der Informationsfülle erlauben als auch das Aufdecken zentraler Konzepte und deren Interrelation stark vereinfachen. Konkret werden die vielen Vorteile einer Nutzung der Datenbank AATS (Archive of Arabic Talkshows) und der Datenauswertungssofware MAXQDA für diesen Analyseprozess vorgestellt.