Panel: Argumentationsformen in chinesischer Prosa der Kaiserzeit

Schedule

Room: Kath Theol I, Hochparterre, Johannisstraße 8-10
day time    
Wed 10:00-10:30 Emmerich Zur Rhetorik der Remonstrationen des Bai Juyi
Wed 10:30-11:00 break
Wed 11:00-11:30 Huke Warum der Herzog nie König war – Die Argumentationsweise des Su Shi in seinem Essay über den Herzog von Zhou – cancelled
Wed 11:00-11:30 Polfuß

Argumentation und Rhetorik in Briefen der mittleren Tang-Zeit

Wed 11:30-12:00 Storm „Schöne Worte sind nicht wahr“ – Argumentationsformen in den „Entscheidungen“ des Yuan Zhen (779-831)
Wed 12:00-12:30 Wiens Gnade vor Recht – Zu Argumentationen in Amnestien der Tang-Zeit

Panel leader:

Kerstin Storm

Panel description:

Den Verfassern tangzeitlicher Prüfungsaufsätze wurde die Vorgabe gemacht, ihre Texte „schön“ und zugleich „vernünftig“ zu formulieren. Dies hat den Anschein einer, wenngleich unspezifischen, Anforderung an die Argumentationsform eines Genres, innerhalb dessen ein Kandidat den Inhalt seines Schreibens zu begründen, zu rechtfertigen hatte. Den formalen und inhaltlichen Strukturen einzelner Argumente und ganzer Argumentationsketten in diesen und weiteren Textformen widmet sich das Panel „Argumentationsformen in chinesischer Prosa der Kaiserzeit“. Im Zentrum steht eine Auswahl von Texten verschiedener Genres, darunter Briefe, Diskurse und die genannten Prüfungsaufsätze, aus unterschiedlichen Perioden der chinesischen Geschichte. Ihre Untersuchung wird von den Fragen geleitet, welchen Kriterien ein valides Argument genügen muss bzw. welcher Mittel sich ein Verfasser bedient, wenn er Behauptungen etc. zu untermauern, ihnen einen Wahrheitsanspruch zu vermitteln versucht. Ungeachtet der Tatsache, dass die Rhetorik als Disziplin in China traditionell nicht verankert ist, werden dabei auch Mittel der Persuasion in Betracht gezogen. Welche Funktion die Form bei der Konstruktion von Argumenten einnimmt und inwiefern sie mit dem Inhaltlichen korreliert, wird nur einer von zahlreichen Aspekten sein, die Gegenstand der Ausführungen sind. Die gattungsübergreifende und zeitlich ungebundene Auswahl der Texte ermöglicht im direkten Vergleich idealerweise, (Dis-)Kontinuitäten in den Argumentationsformen wie auch hinsichtlich des Gültigkeitsanspruchs der Argumente aufzuzeigen.

Section:

Sinology

Abstracts of the individual presentations:

Polfuß, Jonas: Argumentation und Rhetorik in Briefen der mittleren Tang-Zeit

Tang-zeitliche Briefe als Instrument sozialer Vernetzung hatten vor allem ein Ziel: die Empfänger argumentativ, aber auch emotional zu überzeugen. Die Beamtengelehrten der Zeit verfassten in verschiedenen Lebensphasen literarisch anspruchsvolle und rhetorisch ausgeklügelte Episteln, um sich bei mächtigen Beamten vorzustellen und hilfreiche Beziehungen zu pflegen.

Der Vortrag geht auf repräsentative Argumentationsmuster in den Briefen der Altstil-Meister Han Yu韓愈 (768-824) und Liu Zongyuan柳宗元 (773-819) ein. Wie einheitlich wurden Bewerbungsbriefe und Dankesschreiben verfasst? Welche Erklärungen erachteten Han Yu und Liu Zongyuan als besonders Erfolg versprechend? Lassen sich bei den Altstil-Meistern im Laufe ihrer Gelehrtenleben unterschiedliche Entwicklungen im Schreib- und Argumentationsstil erkennen?

Auf Grundlage der vorgestellten Ergebnisse wird abschließend geklärt, inwiefern die Briefliteratur der Tang-Zeit als historische Quelle sozialer Interaktionen aussagekräftig ist. Kann ein heutiger Leser überhaupt zwischen Rhetorik und Intention trennen? Was erschwert den Zugang und bleibt selbst bei umfassender Recherche rätselhaft?

Der sinologische Vortrag dient auch als Einladung an Vertreter anderer Disziplinen, gemeinsam über die Herausforderungen im Umgang mit Briefliteratur zu diskutieren.

Storm, Kerstin: „Schöne Worte sind nicht wahr“ Argumentationsformen in den „Entscheidungen“ des Yuan Zhen (779-831)

Obwohl das Genre „Entscheidungen“ (pan) in der Tang-Zeit ein konstituierender Bestandteil der Auswahlprüfungen für Beamte war und immerhin ein Zwanzigstel der gesamten Tang-Literatur ausmacht, kommt ihm erst in der jüngeren Forschung eine allmählich wachsende Bedeutung zu.

Im Fokus des Vortrags stehen die 18 erhaltenen pan des Politikers und Literaten Yuan Zhen (779-831), in denen fiktive Szenarien, etwa aus den Bereichen Landwirtschaft, Riten und Musik oder Divination, mithilfe „schöner“ Formulierungen und zugleich „vernünfti­ger“ Argumente entschieden werden. Geleitet wird der Vortrag von den Fragen, welche formalen und inhaltlichen Kriterien diesen schlüssigen Argumentationen genügen und welchen Einfluss der artifizielle Stil der pan auf die Argumentation hat.

Richtunggebend hierfür steht Richard Posners Analyse von Urteilsbegründungen (judicial opinions) aus der jüngeren Vergangenheit der USA zur Seite. Darin wird jenen von vergleichsweise kultivierten Richtern verfassten Urteilsbegründun­gen ein bewusst angewandter „niederer Stil“ zugesprochen, der eben durch den Verzicht auf politische Korrektheit, Termini technici und die Lösung von starren Konventionen an Glaubwürdig­keit und Überzeugungskraft gewinne.

Den chinesischen pan hingegen wird eine Literarisierung des Stils nachgesagt, und gerade diejenigen „Entscheidungen“, die zur Übung oder als Muster prüfungsvorberei­tend entstanden, müssen sich die Vorwürfe gefallen lassen, sie fielen ihrem gekünstelten Stil zum Opfer, entbehrten Tiefsinn und orientierten sich nicht an gesetzlichen Vorschriften. Ob und inwieweit Posners Annahme, ein einfacher Stil stärke die Argumentation, auf das Genre pan übertragen werden kann, will dieser Beitrag klären.

Wiens, Eugen: Gnade vor Recht Zu Argumentationen in Amnestien der Tang-Zeit

Als Wu Zetian 武則天 im Jahr 684 die Gefahr einer Usurpation des Thrones sah, ergriff sie zwei Maßnahmen, um dagegen anzugehen. Eine davon war, eine dashe 大 赦-Amnestie zu erlassen. Amnestien, die weitaus mehr als nur eine Strafmilderung oder Strafbefreiung beinhalteten, wie z.B. Wohlfahrt gegenüber Bedürftigen oder aber Belohnung für tugendhaftes Verhalten, haben als Instrument der Herrschaftssicherung eine lange Tradition im kaiserlichen China. Nach Chen Junqiang 陳俊強 liegt die Wirksamkeit dieses Instruments in der Möglichkeit für den Hof, die gesamte Bevölkerung des Reichs zu erreichen, begründet. Dies sieht er darin gegeben, dass für die Zeremonie zur Verkündigung der Amnestien, im Gegensatz zu anderen Zeremonien, bezüglich des Publikums keine Einschränkungen galten.

Ausgangspunkt des Vortrags sind eine Reihe von Amnestieerlassen aus der ersten Hälfte der Tang-Zeit. Darin soll der Frage nachgegangen werden, ob und in welcher Form sich die Funktion der Herrschaftssicherung und Kommunikation mit der Bevölkerung im Inhalt der Texte bestätigen lässt. Gibt es bspw. sprachliche Unterschiede zu anderen Edikten? Welche Auswahl an Themen wird vorgenommen?

Im Weiteren sollen textuelle Kontinuitäten und Diskontinuitäten in diesen Edikten im Fokus stehen. Da es zahlreiche Anlässe zur Gewährung einer Amnestie gab, die in der Bandbreite von Herrschaftsantritt eines Kaisers, Befriedung einer Rebellion bis zur Vollziehung einer Opferzeremonie reichen können, wird darin nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden gesucht. Es soll im Besonderen der Aspekt beleuchtet werden, welchen Einfluss die verschiedenen Anlässe auf die Argumentationen in den Edikten und der Rechtfertigung dieser haben.