Panel: Arbeitswelten und Arbeitsverhältnisse im kaiserlichen China

Schedule

Room: Kath Theol I, Hochparterre, Johannisstraße 8-10
day time    
Thu 13:30-14:00 Nagel-Angermann

Arbeitswelten und Arbeitsverhältnisse in China während der Zeit der Teilung zwischen Han und Tang – Norden versus Süden

Thu 14:00-14:30 Moll-Murata Freie und gebundene Arbeitsverhältnisse in der chinesischen Landwirtschaft, 1000-1800
Thu 14:30-15:00 Chen Bergleute im südwestlichen China, ca. 1600-1800: Fallstudien zum Zink- und Kupfer-Bergbau
Thu 15:00-15:30 Theobald Unbezahltes Praktikum – Amtsanwärter als billige Arbeitskräfte im spätkaiserlichen China

Panel leader:

Christine Moll-Murata, Monique Nagel-Angermann

Section:

Sinology

Abstracts of the individual presentations:

Chen, Hailan: Bergleute im südwestlichen China, ca. 1600-1800: Fallstudien zum Zink- und Kupfer-Bergbau

Vom Staat in der Regel als verarmte Bevölkerung oder sogar als Banditen betrachtet, waren die Bergarbeiter im qing-zeitlichen China eine Sondergruppe, die vor allem soziale Unruhen verursachen konnten. Dieser Beitrag untersucht das Leben und die Arbeit der Bergleute im südwestlichen China, speziell im spätkaiserlichen China in den abgelegenen Provinzen Guizhou und Yunnan, die stark vom Zink- und Kupferabbau geprägt waren. Zink und Kupfer aus dem südwestlichen China, und somit die dortige Bergbau-Industrie, waren besonders wichtig für den Staat, da sie die notwendigen Rohstoffe für die staatlichen Münzstätten und somit für die gesamte Geldversorgung lieferten.

Vor dem Bergbau-Boom wohnten vor allem ethnische Minderheiten in Guizhou und Yunnan, Anfang des 18. Jahrhunderts änderte sich dies durch die Zuwanderung der Han-Chinesen, die als Bergarbeiter tätig wurden.

Die folgenden Fragen werden behandelt: Wie war die Einstellung des Staats den Bergleuten gegenüber? Woher kamen die Bergleute? Was haben sie vorher gemacht? Wieso wollten sie Bergleute werden? Welche besonderen Fähigkeiten benötigten sie? Wie lang arbeiteten sie im Jahr und am Tag? Wie viel verdienten sie? Wie viele Bergleute arbeiteten zu der Zeit insgesamt dort? Gab es Konflikte mit den Leuten vor Ort (der Lokalregierung, ethnischen Minderheiten)?

Als Quelle meiner Forschung werden Regionalbeschreibungen und Archivdokumente, z.B. tiben 題本(Routineeingaben) und zouzhe 奏摺 (Throneingaben) analysiert. Insbesondere die Primär-Quellen Huke 戶科und Xingke tiben 刑科題本 (Routineeingaben des Finanz- und des Justizministeriums) bieten die Möglichkeiten, die bisher unbekannte Arbeitswelt der Bergleute zu entdecken. So liefern detaillierte Prozessdokumente z. B. sehr wichtige Informationen zu den Bergleuten, wie zu ihrem Alter, zu ihrem Lohn, zu ihrem Familiestand, usw. Man muss weiterhin kritisch und vorsichtig mit den Archivdokumenten arbeiten, sie bieten jedoch interessante und reichhaltige Einblicke in die Arbeitswelt der Bergarbeiter.

Moll-Murata, Christine: Freie und gebundene Arbeitsverhältnisse in der chinesischen Landwirtschaft, 1000-1800

Landeigentum und Arbeitsverhältnisse in der Landwirtschaft konstituieren grundlegende Faktoren in jedem vormodernen Wirtschaftsgefüge. Sie waren weltweit in unterschiedlicher Weise konfiguriert und unterlagen im Lauf des zweiten Jahrtausends starkem Wandel. Im klassischen ökonomischen Denken Chinas, das vom Ideal einer selbständig wirtschaftenden Bevölkerung ausging, die als freie Bauern dem Staat zu Naturalabgaben oder Steuerzahlungen in Geld und Arbeitsdiensten verpflichtet waren, spielten abhängige Arbeitsverhältnissein in der Landwirtschaft keine Rolle. Die Realität einer Wirtschaft, in der sich in der Songdynastie und seit der späten Mingzeit zwei große Wellen den Kommerzialisierung vollzogen, war eine andere: Beide Tendenzen hatten spezifische Folgen für die Arbeitsverhältnisse auf dem Land. Während in der Songzeit Pacht von Staats- oder Privatland überwiegt und die Lohnarbeit keine wesentliche Rolle spielt, ist für die späte Mingzeit eine Art von Pachtverhältnis festzustellen, das der Leibeigenschaft gleichkommt, sich in der Qingzeit wieder auflöst und zum Teil von Lohnarbeit abgelöst wird; textlich gesichert ist dies ab dem 18. Jahrhundert. Die vorliegende Studie untersucht diese Prozesse, die sich in der staatlichen und halbstaatlichen Historiographie sowie in den Rechtsnormen niederschlagen, insbesondere im Licht der landwirtschaftlichen Schriften Nongshu der Song- bis Qingdynastie. Sie schließt mit einem vergleichenden Blick auf Europa, wo sich mit frühen Beispielen von landwirtschaftlicher Lohnarbeit vor allem im Nordwesten, gleichzeitig aber auch verschiedenen Formen unfreier Arbeit sowohl nördlich als auch südlich der Alpen, und einer zweiten Welle von Leibeigenschaft im Osten (Russland) ein ungleichmäßiger Befund zeigt. In der wirtschaftshistorischen Forschung des 19. und 20. Jahrhundert gab die frühere oder spätere Bauernbefreiung Anlass zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen für die Bezüge untereinander, aber auch zum „Orient“, repräsentiert durch China.

Nagel-Angermann. Monique: Arbeitswelten und Arbeitsverhältnisse in China während der Zeit der Teilung zwischen Han und Tang – Norden versus Süden

Mit dem Niedergang der Han-Herrschaft setzte in China ein Prozess ein, durch den sich der Norden und der Süden Chinas in vielen Bereichen stark auseinander entwickelten. Dies gilt besonders für die Arbeitsverhältnisse im Bereich der Landwirtschaft und des Militärs, aber auch für das Handwerk und die Verwaltung. Unter Berücksichtigung der unterschiedlichen geographisch-klimatischen Voraussetzungen soll der Einfluss der kurzlebigen steppennomadischen Regime des Nordens im Vergleich zu den ebenfalls nicht sehr stabilen Dynastien des Süden in Bezug auf die Organisation von Arbeit anhand exemplarischer Beispiele dargestellt werden. Eng verbunden mit dem Bereich der Arbeitsverhältnisse ist die Frage nach dem Maß von Freiheit oder totaler Abhängigkeit der Arbeitenden, sowie die Bedeutung von Geld im Wirtschaftsgefüge. Grundsätzlich schließt die exemplarische Betrachtung der einzelnen Arbeitsfelder eine kritische Evaluation bisheriger Forschungen zu diesem Komplex ebenso mit ein wie die Frage nach dem Aussagewert der ihnen zugrunde liegenden Primärquellen. Am Ende der Betrachtung gilt zu fragen, ob und in welcher Weise und aus welchen Gründen spezifische Formen der Arbeitsorganisation in der chinesischen Geschichte eine Fortsetzung fanden oder auch nicht mehr umgesetzt wurden.

Theobald, Ulrich: Unbezahltes Praktikum – Amtsanwärter als billige Arbeitskräfte im spätkaiserlichen China

Wer erfolgreich die „Hölle“ der Staatsexamina im kaiserlichen China durchlaufen hatte, wurde keineswegs sofort Inhaber eines Postens. Die Liste der Anwärter auf Ämter in der Zentral-, Provinz- oder Lokalverwaltung war lang. Während die sinologische Welt sich bislang zur Genüge mit den Examina, ihren Eigenarten und Chancen beschäftigt hat (Franke 1968, Miyazaki 1976, Elman 2000), hat die Praxis der Ämterbesetzung nur wenig Beachtung gefunden (zu den Provinzgouverneuren siehe z. B. Guy 2010).

In diesem Vortrag soll daher eine kurze Übersicht über die verschiedenen Methoden gegeben werden, Vakanzen zu besetzen. Besonderes Augenmerk wird dabei auf den Brauch der Probezeit gerichtet, die in den Regularien für die Ämterbesetzung (Libu quanxuan zeli, 1886) nur unzureichend beschrieben ist. Es war Brauch, Amtsanwärter für bestimmte Aufgaben für eine befristete Zeit „auf Probe“ (shiyong) einzustellen. Sie übernahmen dabei wichtige Aufgaben in der Organisation von staatlichen Großprojekten wie Getreidetransport oder Kriegslogistik. Während dieser Zeit erhielten die Anwärter keinen Beamtensold, hatten jedoch die Aussicht, bei erfolgreichem Einsatz in der zugewiesenen Aufgabe in der Warteschlange höhergestuft oder direkt auf einer besoldeten Stelle eingesetzt zu werden.  

Anhand von Biographien, Regularien und historiographischem Quellenmaterial wird gezeigt werden, wie der spätkaiserliche Staat systematisch auf unbezahlte Amtsanwärter zurückgriff, um aufwändige und außergewöhnliche Aufgaben abzuwickeln. Kritisch gesehen, entspricht diese Methode den Gepflogenheiten des „schlanken“ kaiserlichen Staates, überall zu sparen. Auf der anderen Seite ermöglichte die Probezeit Amtsanwärtern, bitter benötigte Erfahrung in der Praxis zu gewinnen, was beim Studium der Klassiker für die Examensprüfung nicht möglich war.