Abstracts Law

Schedule

Room: Kath Theol IV, Hochparterre, Johannisstraße 8-10
day time    
Tue 11:30-12:00 Sacarcelik Ethics Compliance in Islamic Financial Institutions: Practice and Law
Tue 12:00-12:30 Uluc Challenges to Writing A Democratic Constitution: The Turkish Case
Room: F 6, EG, Fürstenberghaus
day time    
Wed 09:00-09:30 Tellenbach Zum Gesetzlichkeitsprinzip im iranischen Verfassungsrecht und Strafrecht
Wed 09:30-10:00 Schneider Translational Turn? Zur Diskussion der Frauenrechtskonvention (CEDAW) in der Islamischen Republik Iran
Wed 10:00-10:30 Müller W. Mittelalterliche Rechtswissenschaft – Lateinisch und Arabisch
Wed 10:30-11:00 break
Wed 11:00-11:30 Müller C. Die Kasuistik im fiqh als Grundlage der Rechtsanwendung: Ein Paradigmenwechsel
Wed 11:30-12:00 Lohlker Richterhandbücher – in ihrer säkularen Perspektive betrachtet
Wed 12:00-12:30 Daga Portillo Einige Gerichtsfälle aus al-Ahkam al-Kubra von Ibn Sahl al-Qurtubi über Ahl al-Dimma in al-Andalus.
 
Thu 09:30-10:30 Peters Pre-colonial modernity: The nineteenth century legal reforms in Egypt
Thu 10:30-11:00 break
Thu 11:00-12:00 Johansen Zur Interpretation des islamischen Rechts durch Ägyptens Supreme Constitutional Court
 
Thu 16:00-16:30 Panel: Islamisches Recht zwischen Islamwissenschaft und islamischer Theologie
Thu 16:30-17:00
Thu 17:00-17:30
Thu 17:30-18:00

Chairs:

Norbert Oberauer (Di 11:30-12:30; Mi 09:00-10:30; Do 09:30-12:00)

Irene Schneider (Mi 11:00-12:30 Uhr)

 

Relevant interdisciplinary panels:

Legal pluralism in Muslim context

Muslime und Eigentum: Handlungsweisen und -wirkungen im Zusammenhang mit Eigentum und Vermögen: Religiöse Grundlagen und soziale Bedeutung für Muslime in Mehrheits- und Minderheitskontexten

 

Abstracts of the individual presentations:

Daga Portillo, Rocio: Einige Gerichtsfälle aus al-Ahkam al-Kubra von Ibn Sahl al-Qurtubi über Ahl al-Dimma in al-Andalus

Abû-l-Aṣbag ´Isà b. Sahl b. ´Abd Allāh al-Asadî al-Qurṭubî (1022-1093) dokumentiert in al-Akam al-Kubrà  einige Gerichtsfälle aus dem 11 Jh. in denen er selbst teilgenommen hat, so wie andere Fälle aus Akam Ibn Ziyād, aus dem 10Jh- Kadi des Emir ´Abd Allāh (888-912) und erster Kadi des Emir Abd al-Rahman III in Cordoba, 9./10.Jh.-. So wohl Ibn Sahls Werk als Leben dokumentieren die Geschichte al-Andalus in einer schlüssigen Zeit.

Die Biographie Ibn Sahls stellt  ein gutes  Zeugnis über die Geschichte seiner Zeit dar. Er verlässt al-Andalus  in Richtung al-Magreb, als er die Gefahr der Reconquista erkennt. Das 11. Jh. bedeutet “the turning point” im Gleichgewicht zwischen christlichem Norden und islamischem Süden. Toledo wird 1085 endgültig in die Hände der Christen übergehen. In Nord Afrika wird er in Kontakt mit den Almoraviden treten. Jahre später, wieder in al-Andalus, Ibn Sahl als Kadi von Granada unter dem Taifa König Abd Allah, ruft daraufhin die Almoraviden aus Nordafrika zwecks Unterstützung zu Hilfe, um die Einheit und den Widerstand al-Andalus zu sichern.        
Sein Werk, Al-Ahkam al-Kubra, ist eine Art  Archiv des Gerichtshofs von Córdoba in der Zeit vom 9. bis zum 11.Jh. Wir werden hier die Jurisprudenz an Hand ausgewählter Texte über Ahl al-Dimma in al-Ahkam al-Kubra von Ibn Sahl analysieren. Wir betrachten die Fälle, indem wir die verschiedenen Meinungen der Rechtsgelehrten vergleichen mit der herrschenden Meinung innerhalb ihrer eigenen Rechtsschule und der Meinung  Rechtsgelehrter anderer Rechtsschulen. Ziel ist, die zu Grunde liegende  ratio des Urteils und der juristischen Aussagen besser zu verstehen. Die Rechtsfälle sollen datiert werden und in dem geschichtlichen Kontext, in dem sie entstanden sind, studiert und dargelegt werden.
Die Themen der behandelten Gerichtsfälle sind: Konversion eines Minderjähriges und spätere Apostasie sowie eine  Beleidigung Muhammads. Wir untersuchen, welche soziale und geschichtliche Bedeutung und Implikationen die Themen haben, was sie bezeugen über eine bestimmte Sozialordnung und ihre Bedingungen. Weiter geht es um  die juristische Praxis in al-Andalus. Die juristischen Kategorien und die zu Grunde liegende ratio der Fatwas und Gerichtsurteile werden analysiert. Die Frage, wie diese juristischen Kategorien heute zu übersetzen wären, ist, nachdem die Rechtsfälle in ihrem  geschichtlichen Kontext und in dem Kontext der Geschichte des Islamischen Rechts  untersucht wurden, weiteres Thema.

Johansen, Baber: Zur Interpretation des islamischen Rechts durch Ägyptens Supreme Constitutional Court

Ägyptens Verfassungsgericht hat seit seiner Gruendung in einer Reihe von Grundsatzurteilen nicht nur den Rahmen der Anwendung des islamischen Rechts durch die ägyptischen Gerichte und den ägyptischen Staat festgelegt, sondern auch die Methoden, durch die verbindliche Bestimmungen der shari’a von umstrittenen und kontingenten Normen getrennt werden können.
Der Anknüpfungspunkt im staatlichen Recht ist der Artikel 2 der Verfassung von 1971/1980, der auf “die Prinzipien der sharīʿa” verwies und damit dem Grichtshof die Aufgabe stellte, das islamische Recht so zu reinterpretieren, dass es in ein staatliches Recht integriert werden konnte, dass sich die Modernisierung und Liberalisierung von Recht und Staat zur offiziellen Aufgabe gesetzt hatte.

Das Verfassungsgericht hat diese Aufgabe waehrend der ersten 20 Jahre seiner Existenz so wahrgenommen, dass es demokratische Prinzipien und individuelle Rechte als vereinbar mit den Grundsätzen des islamischen Rechts interpretierte, selbst wenn sie den im fiqh entwickelten Normen im einzelnen widersprachen. Fuer das aus solcher Interpretation resultierende Rechtsverstaendnis hat das Gericht lange Zeit die Unterstuetzung der Gruppen gefunden, die die Menschenrechte als vorrangiges politisches Ziel sahen.

In der Rechtsgeschichte des fiqh hat das Gericht seinen Anknuepfungspunkt vor allem in den “Zielsetzungen des islamischen Rechts” (maqāṣid al-sharīʿa) und in seinen “Prinzipien” (mabādiʾ) gefunden. Die Neufassung der ägyptischen Verfassung scheint im Artikel 219 den Spielraum fuer solche Interpretationen einzuschränken. Es ist im gegebenen Moment nicht moeglich, vorauszusagen, wie weit diese Einschränkungen gehen werden. Ich nehme aber an, dass bis zum September 2013 die Diskussionen zwischen Gericht, Gesetzgeber und Regierung Einblicke in die unterschiedlichen Perspektiven der Rechtspolitik dieser Institutionen eroeffnen werden. Diese Diskussionen werden die Schlussfolgerungen meines Vortrags bestimmen.

Lohlker, Rüdiger: Richterhandbücher – in ihrer säkularen Perspektive betrachtet

Das islamische Recht wird üblicherweise in die Kategorie religiöses Recht eingeordnet und damit als defizitär begriffen. Am Beispiel mālikitischer Richterhandbücher wird diese Einteilung und das Verständnis von Säkularität reflektiert.

Müller, Christian: Die Kasuistik im fiqh als Grundlage der Rechtsanwendung: Ein Paradigmenwechsel.

Neuere Studien zu mamlukischen Rechtsurkunden belegen die gerichtliche Anwendung verfahrensrechtlicher Regelungen des fiqh. Demnach kann vormodernes islamisches Juristenrecht nicht mehr global als praxisferne Theorie abgestempelt werden, sondern sollte jenseits der im Recht heutzutage üblichen Kriterien neu auf seinen Praxisbezug untersucht werden. Ein grundlegender Aspekt des islamischen Juristenrecht ist sein, in unzähligen Rechtswerken dokumentierter kasuistischer Charakter, welcher bislang eher als Ausdruck von Praxisferne angesehen wurde. Dagegen weist der Vortrag anhand verschiedener Rechtsbereiche die unmittelbare Bedeutung der Rechtskasuistik für die Rechtsanwendung im Mamlukenreich (1260-1517) nach. Die Beispiele betreffen verfahrensrechtliche, materiellrechtliche und personenbezogene Bestimmungen.

Unter rechtspraktischen Gesichtspunkten erweist sich somit die Rechtskasuistik, vormals interpretiert als theoretisierende Interpretation sakraler Normativität, als eine prinzipiell notwendige anwendungsbezogene Differenzierung sakraler Normen. Dieser Befund zum „Recht der Rechtsschulen“ (fiqh al-maḏāhib) relativiert Sichtweisen, wonach die šarīʿa im heutigen fundamentalistischen Sinne bereits in der Vergangenheit angewendet wurde.

Mueller, Wolfgang P.: Mittelalterliche Rechtswissenschaft – Lateinisch und Arabisch

Islamische und westliche Rechtsgeschichte vor 1517 sind bislang getrennte Wege gegangen.  Dabei haben sie viel miteinander gemeinsam.

Zum einen ist es ihr Ausgangspunkt, der in beiden Faellen in westlichen Forschungsansaetzen des 19. und 20. Jahrhunderts zu suchen ist und von Denkmustern zeugt, die hinsichtlich des islamischen Rechts inzwischen oft als “kolonialisierend” empfunden werden.  Dieselben Denkmuster haben aber auch das Studium des westlichen vormodernen Rechts gepraegt.  In beiden Faellen ist man zum Beispiel von Leitbegriffen ausgegangen, die “religioeses” und “weltliches” Recht voneinander scheiden und von einer kurzen “formativen” Periode, von einer bluehenden “klassischen” und von einer stagnanten “nachklassischen” Jurisprudenz sprechen.

Zum zweiten fussen die islamische und die westliche Rechtsordnung auf mittelalterlichen Gesellschaftsgrundlagen, die einander sehr viel naeher stehen als der sich in der heutigen Forschung widerspiegelnden Moderne.  So wurde nicht nur die arabische Rechtslehre der vorottomanischen Zeit in privaten Schulen, von staedtischen Mittelschichten, und weitgehend unabhaengig von politischer Zwangsgewalt vorangetrieben; vielmehr galt dies ebenso fuer die westliche juristische Praxis bis zum Beginn von Fruehmoderne und Reformationszeit.

Der Vortrag wirft die Frage auf, ob vermeintliche Unterschiede zwischen der christlichen und der islamischen (lateinischer und arabischer) Juristenkultur des Mittelalters nicht staerker auf Vorurteilen der Gegenwart als auf dem historischen Befund beruhen.

Peters, Rudolph: Pre-colonial modernity: The nineteenth century legal reforms in Egypt

It is an almost universally accepted view that the modernization of the Egyptian legal system was set off around 1880, with the creation of the mixed courts in 1876 and the establishment of the national courts in 1883 as the main landmarks,. So far there has been little debate on this issue. The implicit assumption behind this periodization is that modernization could only be achieved through Western intervention. In this paper I want to challenge this standard account. Although the new courts and law codes were of foreign inspiration, they built forth on indigenous institutions. Before the 1876 and 1883 reforms, Egypt had developed already an indigenous legal system that restrained the arbitrariness of the executive, had a well-structured hierarchy of courts and defined jurisdictions, and operated to a large extent independently from the executive, with enacted law codes and a penal system in which corporal punishment and torture during investigation were banned. In this paper I will pursue the reforms in criminal law and land law and will argue that this new legal system, created between 1829 and the 1870s, can be regarded as modern.

Sacarcelik, Osman: Ethics Compliance in Islamic Financial Institutions. Practice and Law

Corporate governance systems are continuously converging and inherently presuppose the predominance of law. Heavy emphasis is put on checks and balances and monitoring systems.

However, differences in corporate governance systems still remain. They often stem from different commercial and legal cultures, the prevailing political and economic conditions and the development of the macroeconomic model. Religious traditions and moral aspects also come into play.

Islamic banks and financial institutions are subject to a multi-level governance system where religious elements play a considerable role. They do not only have to conform to national laws but additionally to principles of Islamic law and ethics frameworks. Islamic financial institutions have distinctive  structural features that require greater attention to their specific corporate governance.

The presentation will inquire the theoretical relationship between Islamic law and morals arguing that ethical rules and legal norms can sometimes conflict with each other. After discussing the content of codes of conduct applied in the Islamic finance sector and their regulative character, the presentation will analyse the crucial question if and how ethical rules that are voluntary can be implemented within existing corporate governance structures and legally enforced. In this context, legal limits of implementing ethical norms and sanctioning misconduct, particularly in European legal and regulatory settings, will be pointed out. 

Schneider, Irene: Translational Turn? Zur Diskussion der Frauenrechtskonvention  (CEDAW) in der Islamischen Republik Iran

Die komplexe  Frage der universellen Geltung und transkulturellen Begründbarkeit von Menschenrechten wird kontrovers diskutiert. Tatsächlich geht die Frage der Implementierung von Menschenrechtskonventionen über die Form des „travelling concept“ hinaus. Insofern scheint es aus kulturwissenschaftlicher Perspektive sinnvoll zu argumentieren, dass  menschenrechtliche Instrumente, insbesondere die internationalen Konventionen, immer erst durch lokale Akteure in die Verhältnisse hinein „übersetzt“ werden.  In meinem Vortrag möchte ich den mit dem „translational turn“ (D. Bachmann-Medick, 2012) verbundenen methodischen Zugang aufgreifen und  den Blick auf solche Übersetzungsvorgänge richten. Als Beispiel dient mir die Diskussion um die mögliche Ratifizierung der Frauenrechtskonvention (CEDAW 1979) und um die Rechtsstellung der Geschlechter  von  zwei Juristinnen, Farība ⁽Alāsvand  und Shahīndokht Mawlāverdī, in der Islamischen Republik Iran.  Ich gehe der Frage nach, mit  welcher Terminologie  Geschlechterstellung  verhandelt wird. Dabei interessiert besonders das semantische Feld der Begriffe tasāvī /Gleichheit und  tashāboh/Ähnlichkeit, wie es verwendet wird und wie es in Beziehung zum Text der Konvention gesetzt wird. Weiterhin soll untersucht werden, in welcher Form dies verhandelt wird.

Bachmann-Medick argumentiert, dass  islamische Menschenrechtskonzepte bzw. –erklärungen keine Übersetzungen mehr sehen, sondern Revisionen – inwiefern kann dies für den vorliegenden Zusammenhang gesagt werden?

Tellenbach, Silvia: Zum Gesetzlichkeitsprinzip im iranischen Verfassungsrecht und Strafrecht

Sowohl im iranischen Verfassungsrecht wie im Strafrecht gibt es Vorschriften, die das Prinzip keine Strafe ohne Gesetz gewährleisten. Gleichzeitig bestimmt aber Art. 167 der Verfassung, dass der Richter im Falle einer Gesetzeslücke ein Urteil aufgrund authentischer islamischer Rechtsquellen und Rechtsgutachten zu fällen hat. Das Verhältnis dieser beiden widersprüchlich erscheinenden Prinzipien ist streitig. Der Vortrag soll nachzeichnen, wie Lehre, Gesetzgebung und Rechtsprechung mit ihnen umgehen. 

Uluc, Ozlem: Challenges to Writing A Democratic Constitution: The Turkish Case

There are sweeping changes in the Middle East and North Africa, driven by grass root civil movements in search for democratization, the rule of law, and participation in political decision making processes. All in all one can identify these tectonic changes as normalization projects by the people who seek for legitimacy challenging the authoritarian regimes which largely lacked transparency and accountability in the region. In this process, constitution making emerges as a one of the main tasks of the new political actors. This paper tries to put the recent and evolving experince of Turkey in context where there is a process of writing a constitution aiming at eliminating the legacy of military coups. This paper shows that the first three major constitutions (1924, 1961,1982) in the Republican period were written under the influence of military that reflected  only partial views of the societal sectors. Today, Turkey engages in a process of writing a constitution wherein the civilians are the main contributors. This paper will address the challenges and difficulties on writing a constitution in Turkey where different ethnic, religious and political claims are made. It seems that the good will and participation of all political parties represented in the parliament are not sufficient to reach a consensus on critical issues such as citizenship, secularism and religion. The paper argues that a full scale rational debate with a view to democratize politics is required to write a constitution which would reflect claims of different social and political groups.