Abstracts Japanese Studies

Schedule

Room: Kath Theol IV, Hochparterre, Johannisstraße 8-10
day time    
Thu 09:00-10:00

Tôru

Rezeption universalhistorischen Denkens im modernen Japan
Thu 10:00-10:30 Adebahr Aktuelle Entwicklungen in der ostasiatischen Sicherheitsarchitektur und ihre Bedeutung für die japanische Außenpolitik
Thu 10:30-11:00 break
Thu 11:00-11:30 Keusch Afrikawissenschaften in Japan – Eine asiatische Sicht auf Afrika?
Thu 11:30-12:00 Kühne Yoshimoto Bananas und Kirino Natsuos fiktionale Darstellungen Okinawas – Zwischen kolonialem Tropenexotismus, „Japan Bashing“ und Sozialkritik?
Thu 12:00-12:30 Beyer Das Haus von London: Colonial Melancholy in Reiseaufzeichnungen japanischer Hausfrauen um 1940
Thu 12:30-13:30 Lunch break
Thu 13:30-14:00 Schlüter Gottheit in Plüsch: Der Boddhisattva Jizo in Kunst, Kult und Kommerz
Thu 14:00-14:30 Nakamura Vier Druckplatten (hangi) von Utagawa Toyokuni Ⅲ: Eine Neuentdeckung nach 160 Jahren
Thu 14:30-15:00 Voytishek «Genji-culture» in the traditional Japanese arts in terms of the elite intellectual entertainments
Thu 15:00-15:30 Grajdian Jenseits Literatur : Musikalische Strukturen in den Romanen von Murakami Haruki - Cancelled
Thu 15:00-15:30 Barešová Contemporary Developments in Japanese Personal Name Selection

Chair:

Judith Árokay

 

Relevant interdisciplinairy panels:

‘Diglossic’ situations and their transformation in the modern era: East Asia and beyond

East Asian Islam in the 19th/20th Centuries and its Discovery as a Political Factor

Geschichtsschreibung zwischen Wissenschaft und Ideologie

 

Abstracts of the individual presentations:

Adebahr, David: Aktuelle Entwicklungen in der ostasiatischen Sicherheitsarchitektur und ihre Bedeutung für die japanische Außenpolitik

Vor dem Hintergrund der kontinuierlichen Erweiterung seiner sicherheitspolitischen Kapazitäten, dem erhöhten Integrationsgrad innerhalb der bilateralen Allianz mit den USA und den anhaltenden politischen Spannungen in Ostasien, kommt der Untersuchung der japanischen Außenpolitik, vor dem Hintergrund einer sich verändernden ostasiatischen Sicherheitsarchitektur, neue Bedeutung zu.

Die Intensivierung eigener sicherheitspolitischer Anstrengungen innerhalb der bilateralen Allianz mit den USA, vor allem seit dem 11. September 2001, stellt eine wichtige Zäsur in der japanischen Außenpolitik dar. Allerdings sollten diese Entwicklungen nicht isoliert betrachtet, sondern vor dem Hintergrund einer Neuausrichtung der außenpolitischen Strategie Japans eingeordnet werden, die sich bereits in den 1990er Jahren durch neue politische Parameter ankündigte und durch gesetzliche Richtlinien implementiert wurde.

Angefangen mit der Ausweitung der Befugnisse der japanischen Selbstverteidigungs-streitkräfte bei Einsätzen in UN-Peace-Keeping-Missionen, über eine grundlegende Modernisierung der Luftwaffe und Marine bis hin zu einer immanenten Umstrukturierung zu einer flexiblen Eingreiftruppe, zeigt sich am Beispiel der SDF ein außenpolitischer Paradigmenwechsel.

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen erscheint eine Neubewertung der sicherheitspolitischen Strategie Japans sinnvoll, wobei der Frage nachgegangen werden soll, in wieweit diese Entwicklungen einer, in den 1990er Jahren aufkommenden, möglichen Schwächung der bilateralen Allianz vor dem Hintergrund einer veränderten globalen Bedrohungslage entgegen wirken sollten. Oder ob diese Maßnahmen lediglich der Vergewisserung des US-amerikanischen nuklearen Abschreckungspotentials gegenüber einem militärisch erstarkenden Nordkorea oder tatsächlich genuin japanischen Sicherheitsinteressen geschuldet sind.

Neben diesen Überlegungen soll auch gefragt werden, welchen Instrumenten sich die Japanologie bei der Beantwortung dieser Fragen bedienen sollte, um sich in diesem, vornehmlich von den (anglo-amerikanischen) Politikwissenschaften dominierten, Forschungsdiskurs zu behaupten und neue, kulturspezifische Erkenntnisse anschlussfähig zu machen.

Barešová, Ivona: Contemporary Developments in Japanese Personal Name Selection

Personal names constitute an integral part of personal identity. The Japanese way of naming a baby is, from the European point of view, quite unique. Japanese names are not selected from a limited depository but are, in fact, created using the 2997 kanji (Chinese characters) currently permitted for use in names, thus giving great space for self-expression. Although the selection of a particular name depends on personal preferences, education and other individual factors, Japanese personal names also reflect the period in which they were given, revealing the social attitudes and values of that time, including the hopes and aspirations of the parents for their child.

Contemporary Japanese names bear witness to the growing emphasis on individualism and uniqueness, a revolutionary trend encouraged by maternity magazines and books on name selection. The most important selection criteria include both the phonetic and graphic form of the name, its semantic meaning, the number of strokes in the characters, and the image evoked. Parents usually start with their strongest preference and shape the name using these other criteria. In the past thirty years, under the influence of marketing and advertising strategies, the main emphasis has been shifted from semantic meaning to sound and image.

This paper describes the rather difficult process of creating the perfect name, and analyzes the newly evident characteristic features of personal names today, such as great variety of structure and sound patterns, unusual and often unanticipated reading, blending typical male and female features, blurring of gender, and prevalent images.

Data analyzed includes a new survey examining motivation for selecting particular name and annual lists of the most popular names. Discussed phenomena are accompanied by examples from the corpus.

Beyer, Sandra: Das Haus von London: Colonial Melancholy in Reiseaufzeichnungen japanischer Hausfrauen um 1940

Reiseschwermut ryoshû und Reisegefühle ryojô sind Topoi der japanischen Reiseliteratur nicht erst seit der ‘Begegnung mit dem Westen’. Gefühle bei dem Anblick von Orten, die bereits andere (männliche) Reisende beschrieben haben und die in der vergangenen Schönheit nicht mehr zu betrachten sind, ist bei Erzählungen nachreisender Frauen formal und inhaltlich vorherrschend. Als „Reise-Begleiterinnen“ erzählen sie sich nicht als Abenteurerinnen, die „unberührte“ Landstriche entdecken, erobern und einer Nachwelt autoritativ überliefern. Sie folgen den Männern, warten und verbringen die Zeit mit den Schönheiten der Welt und dem Schreiben.

Anhand veröffentlichter Aufzeichnungen der Schriftstellerin Nogami Yaeko und der wartenden Hausfrau Tomono Tokuko um 1940 gehe ich der Frage nach der Tradition des Topos des (nicht-physischen) Leidens auf Reisen in Bezug auf die Erzählung von Geschlecht nach. Dieses schwermütige Gefühl ist dabei eines des Verlustes, der nicht betrauert werden kann (Freud, Butler et.al.). Im Kontext der Auseinandersetzungen zweier Imperien ist es in den Texten die Sehnsucht (Melancholie und Nostalgie) nach einer kolonialen Vergangenheit, die nicht die eigene zu sein scheint. Reiseleiden ist dabei eine literarische Strategie, sich als unwissende und unpolitische Mit-Reisende mit bürgerlicher Bildung zu erzählen.

Keusch, Nicole: Afrikawissenschaften in Japan. Eine asiatische Sicht auf Afrika?

Trotz der großen Entfernung und dem insgesamt geringen Kontakt zwischen Japan und Afrika ist die akademische Gemeinschaft, die sich mit dem Kontinent befasst, groß und vielfältig. Seit der Modernisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als sich die modernen akademischen Institutionen zu entwickeln begannen, sind japanische wissenschaftliche Konzepte oft stark von der europäischen Gedanken und Ansätzen beeinflusst. Mit diesen konnte Japan die eigene Umformung zu einer führenden Nation in der globalen Gemeinschaft erreichen.

So ist die japanische Perspektive ein interessantes Beispiel für Forschung innerhalb des Systems der Wissensproduktion, das durch die westliche Sicht dominiert wird. Auf den ersten Blick gibt es nicht viele Anzeichen von Widerspruch gegen das europäische Modell. Nichtsdestotrotz nähert sich Japan dem afrikanischen Kontinent aus einer anderen Position: Ohne koloniales Erbe und aus einer ehemals marginalisierten Position ist es wahrscheinlich, dass die Forscher andere Akzente setzen und Schlussfolgerungen ziehen, und ein anderes Interesse im Umgang mit dem Kontinent hegen.

In dieser Hinsicht, ist die „nicht-europäische“ Sicht ein wichtiges Merkmal der japanischen Untersuchungen zu Afrika. Die Forschung in Japan ist sowohl durch eine Mischung von westlichen Ansichten und Ideen beeinflusst wie auch durch den Versuch bestimmt, neue Forschungskonzepte und -ansätze zu entwickeln. Solche unterschiedlichen Blickwinkel in einen globalen akademischen Ansatz zu Afrika zu integrieren und die direkten Verbindungen zwischen afrikanischen und nicht-westlichen Regionen zu beobachten, ist eine der großen Herausforderungen heute. Ob Japan dabei eine „asiatische Sicht“ vertritt, bleibt zu zeigen.

Kühne, Oliver E.: Yoshimoto Bananas und Kirino Natsuos fiktionale Darstellungen Okinawas. Zwischen kolonialem Tropenexotismus, „Japan Bashing“ und Sozialkritik?

Die Hyper-Affirmation Okinawas im multimedialen Okinawa-Boom Japans der 2000er Jahre kann als Ableger und Fortsetzung eines „Heils-Booms“ verstanden werden, in welchem seit den 1980er Jahren speziell das Reisen zu „exotischen“ Zielen als ein Weg zu Erholung, Entspannung und iyashi (mentale und physische Heilung) gepriesen wurde. Seit den 1990er Jahren wurde Okinawas „unjapanische“ Hybrid-kulturlandschaft speziell mit Schlagworten wie „nostalgisch“ (natsukashii), „sanft“ (yasashii) und „heilend“ (iyasareru) beworben und so auch zu einem beliebten Ziel für japanische Gesellschaftsaussteiger transformiert. Dass hinter diesen rein affirmativen Tropenparadiesstereotypen jedoch brisante politische, wirtschaftliche, historische und postkoloniale Problematiken in den Hintergrund gedrängt werden, liegt zweifelsohne auf der Hand. Könnte der Okinawa-Boom also als hegemoniale Ablenkungsstrategie interpretiert werden, zu der unbewusst auch prominente japanische Autoren beitragen?

In diesem Vortrag sollen unter der Folie postkolonialer Repräsentation und gegenwärtiger sozialer Umbrüche in der japanischen Gesellschaft vornehmlich zwei Veröffentlichungen bekannter japanischer Autorinnen analysiert werden, in denen die exotische Tropenbühne Okinawas bespielt wird: YOSHIMOTO Bananas (*1964) Kurzgeschichtensammlung „Nankurunai“ (Es ist, wie es ist), erstmals erschienen 2004, und KIRINO Natsuos (*1951) „Road-Ficiton“-Roman „Metabora“ (Metabola), der erstmals als Serie zwischen 2005 und 2006 publiziert wurde. Beide Publikationen weisen große Unterschiede in der Wahl ihrer Themen auf und sprechen so divergierende Rezipientenkreise an. Wie wird in den Werken Okinawa beschrieben und welche gesellschaftsrelevanten Themen stehen (wenn überhaupt) im Mittelpunkt? Wie wird Okinawa als „anderes Japan“ inszeniert und mit welchen Stereotypen gelabelt?

Die theoretischen Grundlagen bilden Texte postkolonialer Theorie (Gayatri C. SPIVAK, Homi K. BHABHA) und postmoderne Ansätze zu „Fremdheit“ und „Reisen“ (Julia KRISTEVA, Zygmunt BAUMAN).

Nakamura, Sumiko:  Vier Druckplatten (hangi) von Utagawa Toyokuni Ⅲ: Eine Neuentdeckung nach 160 Jahren (新出) 160年を生き延びた三代歌川豊国の版木4枚 (Vortrag in japanischer Sprache)

Nachdem eine Druckplatte für Holzdruck (hangi) ihre Funktion erfüllt hat, wird sie in der Regel als Feueranzünder benutzt. Wenige Druckplatten entgingen diesem Schicksal, und daher blieben sie nur selten erhalten.

Im September 2011 sind unerwarteter Weise vier Druckplatten der späten Edo-Zeit auf dem Markt für Ukiyo-e aufgetaucht. In meinem Referat möchte ich diese Druckplatten von Utagawa Toyokuni III und die dazugehörigen Holzschnitte vorstellen.

 版木は、その役目を果たした後は、通常焚き付けなどにされた。そのため、残ることはほとんどなかった。それが版木の運命であった。だからこそ、その痛ましい運命を乗り越えた版木のみが生き残ることができるのである。

2011年9月、思いがけず江戸末期の版木が4枚、浮世絵市場に現れた。

今回はこの4枚の版木について報告する。

Schlüter, Clemens: Zur Rezeption des Bodhisattva Jizō in der japanischen Kunst der Gegenwart

Der Bodhisattva Jizō ist eine der populärsten Gestalten des buddhistischen Pantheon in Japan. Keine andere Kultfigur wird in der Kunst der japanischen Gegenwart so häufig und vor allem so individuell dargestellt wie er.

Die Jizō-Sammlung des Japanologen Clemens Schlüter in Werne ist mit mehr als 1.700 Objekten die weltweit größte ihrer Art und war bereits u. a. im Museum für Völkerkunde zu Leipzig zu sehen.

Das Referat des Sammlungsinhabers konzentriert sich im Wesentlichen auf die künstlerische Rezeption des Jizō in Japan, so im Werk des japanischen „Picasso“ SATŌ Katsuhiko aus Nara, aber auch bei dem Altbürgermeister von Kamakura, KOJIMA Torao, dem Holzschnittmeister KOMAZAWA Seito aus Hiroshima oder dem Werk des Malers und Lebenskünstlers FUJIWARA Savoten aus Kyōto.

Über die Gemeinsamkeit des Glaubens hinaus ist es nicht zuletzt die künstlerisch-freie Interpretation der Jizō-Idee als kahlköpfiger Wandermönch, welche die Beschäftigung mit diesem Bodhisattva so einzigartig macht, – ganz anders als bei dem Kanzeon-Bosatsu, wo noch immer an den überlieferten ikonographischen Vorschriften festgehalten wird.

Die ergänzende Exkursion zur Sammlung nach Werne a. d. Lippe ermöglicht einen weiteren Einblick auch auf die kommerzielle Nutzung dieses Bodhisattva.

Tôru, Takenaka: Rezeption universalhistorischen Denkens im modernen Japan

Der Kontakt mit dem Westen Mitte des 19. Jahrhunderts, der zur Landesöffnung nach der jahrhundertelangen Isolation führte, und das dadurch in Gang gesetzte Modernisierungsprojekt gab dem japanischen Weltbild eine tiefgreifende Erschütterung. Angesichts der schier überwältigenden Reichtum und Stärke der europäischen Mächte fielen die überlieferte buddhistische Kosmologie und die chinazentrische Weltordnung in sich zusammen. Bei der Ausarbeitung eines neuen, am Westen orientierten Weltbildes wurden Meiji-Intellektuelle aber mit einem schwierigen Problem konfrontiert, nämlich der Frage, wie man mit den der westlichen Idee der Universalgeschichte immanenten eurozentrischen Implikationen zurechtkam, damit diese nicht mit dem Nationalgefühl japanischerseits in Konflikt geriet. Dafür griff man auf zwei Strategien zurück: Die eine, die vor allem von Fukuzawa Yukichi vertreten wurde, lag darin, den westlichen Universalismus komplett anzunehmen, dabei aber Komponenten einzubauen, die helfen würden, dem japanischen Nationalgefühl gerecht zu werden. Die andere präsentierte u.a. Nakae Chōmin, der das universalhistorische Schema mit konfuzianistischen Konzepten zu erläutern versuchte, um jenes weniger wesensfremd erscheinen zu lassen. Beiden Strategien, die vor allem in den Anfangsjahren der Meiji-Ära große Wirkung erzielten, war indes ein Makel gemeinsam: Gerade weil man sich jeweils auf ein universalistisches Denksystem berief, konnte man den intellektuellen Nativismus nicht ansprechen, der im geistigen Klima des Landes bereits unübersehbar Fuß gefasst hatte. Dieses Potential des Japan-Partikularismus sollte im 20. Jahrhundert zu schweren Konsequenzen führen.

Voytishek, Elena E.: «Genji-culture» in  the traditional Japanese arts in terms of the elite intellectual entertainments

It’s more than a thousand years since the time the famous novel “The Tale of Prince Genji” was written by  Murasaki Sikibu, a lady-in-waiting, at the turn of the X−XI century. Over this time both the novel’s ideas and characters, that held up a mirror to and reflected  the true and correct worldview of  all the epoch; having transformed  in many ways and through heroes they embodied in the literary and artistic works of various genres. All kinds of art, from decorative arts (textiles, glass, tea ware, netsuke, ink-pots, equipment for games etc), where the stories and novel of Genji were reflected, and ending with the art of landscaping have found in this novel the source of inspiration and beauty,  artistic ideas and aesthetic principles. This novel in the history of its existence, not only was the source of the intellectual entertainment, but continues to be functionally existing these  days  in different spheres of culture and art.

Beginning from the Edo period, one can speak of the “culture of Genji”. Due to the development of printing, in XVII−XVIII centuries images of famous works have been repeatedly replicated through books, engravings, literary trumps, a variety of intellectual entertainments and popularized in the traditional arts.

Intellectual entertainments, brought about on the basis of historical and literary, have played an important role in the development of the elite Japanese arts. Either being linked with a piece of literary work, or having a historical precedent, they are closely intertwined with many aspects of spiritual and material life, forming what may be called a skeleton of the nation’s  culture and even the national idea, which  embraces symbols and concepts, those evolved through the centuries and  used both in everyday life and traditional art.