Panel: Körper, Sexualität und Medizin in islamisch geprägten Kulturen

Schedule

Room: F 43, UG, Fürstenberghaus
day time    
Mo 13:30-14:00 Kurz Auch die Lust hat ihren Zweck: Ethik und Medizin in indo-persischen erotologischen Werken
Mo 14:00-14:30 Rosenbaum Ehe, Sexualität und Macht – Deutungshoheit über Ehenormen in indo-islamischen Ratgebern
Mo 14:30-15:00 Gökpinar Devot oder machtvoll? – Das Spiel mit Körper und Stimme der Sängersklavinnen im arabisch-islamischen Mittelalter
Mo 15:00-15:30 Reichmuth Wege der Melancholie: psychosomatische Konzeptionen in der graecoislamischen Medizin in Südasien
Mo 15:30-16:00 break
Mo 16:00-16:30 Preckel Zwischen Ritual, Reinheitsvorschrift und Krankheitsprävention: die Beschneidung von Jungen (ḫitān)
Mo 16:30-17:00 Johannknecht „Der rothe Fluss der Frauen“: Die Darstellung und Behandlung von Menstruationsbeschwerden in ausgewählten Werken der graeco-islamischen Medizin

Panel leader:

Stefan Reichmuth, Susanne Kurz, Claudia Preckel

Panel description:

Das geplante Panel beleuchtet aus unterschiedlichen Perspektiven Körpererfahrungen, -kulturen, -diskurse und -techniken in islamisch geprägten Kulturen der Vergangenheit und Gegenwart. Vorträge zu Konzepten von Gesundheit und Krankheit, Jugend und Alter, Schönheit, Reinheit und anderen körperbezogenen Themen sind herzlich willkommen.
Vorgesehen sind zwei inhaltliche Schwerpunkte, die sich vielfältig überlappen:
Geschlechtlichkeit und graeco-islamische Medizin. Unter anderem lassen sich dazu folgende Fragen behandeln: Als wie verschieden wurden und werden Frauen und Männer in den verschiedenen Diskursen betrachtet? In welchem Maße bestimmt das Geschlecht die Auffassungen vom Körper? Wie wurden sexuelle Attraktion und Interaktion zwischen Körpern durch wissenschaftliche Deutungen rationalisiert? Und auf welche Weise wurden und werden Körper künstlich verändert, um sie bestehenden Geschlechternormen und -idealen anzupassen? Welche Körperbilder und -auffassungen wurden und werden kultiviert? Wie entwickelte sich das Verständnis psychosomatischer Zusammenhänge? Wie verändern sich Krankheitsbilder und Medikationen?

Dieses Panel versteht sich als unabhängige Fortsetzung des gleichnamigen Panels auf dem Marburger Orientalistentag 2010. In den auf die islamischen Länder bezogenen Orientwissenschaften liegen zwar schon einzelne Untersuchungen zu Körperauffassungen vor, doch ist das Potential, das dieses Paradigma bietet, hier noch keineswegs ausgeschöpft. Daher möchten wir die Diskussion weiterführen und begrüßen neue Ansätze.

Sections:

interdisziplinary (Islamic Studies, Indology and South Asia Studies)

Abstracts of the individual presentations:

Gökpinar, Yasemin: Devot oder machtvoll? – Das Spiel mit Körper und Stimme der Sängersklavinnen im arabisch-islamischen Mittelalter

Die Stellung der Frau im Islam ist schon längst ein Politikum geworden. Von der Kopftuchdebatte in der Türkei, in Deutschland und Frankreich über das Schulverbot der Taliban für afghanische Mädchen bis zur Vergewaltigung junger Frauen im Zuge der Arabellion reichen die Negativbeispiele. Um so erstaunlicher erscheint uns da das mittelalterliche Konzept der qaina bzw. ǧāriya, „Sängersklavin“, das auch in islamischen Zeiten beibehalten und unter den ʿAbbāsiden sogar zur Blüte gebracht wurde.

Zahlreiche Widersprüche vereinen sich in der Figur der Sängersklavin des arabisch-islamischen Mittelalters. Sie war hochgebildet in Literatur, Geschichte und Musik, bewegte sich in den höchsten Kreisen der Fürstentümer und Kalifenhöfe, unterhielt oft eigene Dichterzirkel und wurde reich belohnt. Aber sie war eine Sklavin, konnte nicht frei über ihre Zeit, ihren Körper verfügen. Sie war der Willkür ihres Herrn ausgesetzt. Und auch die Institution der professionellen Sängersklavin an sich bewegte sich zwischen den Ansprüchen eines frommen Islams einerseits und ausgelassenen Festen voller Wein und Gesang andererseits.

Gestützt auf Ergebnisse noch laufender Forschung soll das Bild der Sängersklavin präzisiert werden. Welches Schönheitsideal wird evoziert? Wie werden der schöne Körper, die schöne Stimme eingesetzt, um Macht zu erlangen? Wie äußert sich diese (relative) Macht? Wo liegen ihre Grenzen? Wo ihr Ziel?

Bei der Beantwortung dieser Fragen wird die Rolle der Textform nicht außer Acht gelassen. Bei meiner Hauptquelle handelt es sich um Musikerbiographien in tarāǧim-Form, jedoch ohne Geburts- oder Sterbedaten. Ob man sie wie Rosenthal als wenig aussagekräftige Anekdoten abwerten muss oder sich nicht doch gewisse Aussagen oder zumindest Tendenzen aus ihnen ableiten lassen, wird zuvor geklärt werden müssen.

Johannknecht, Gesche: „Der rothe Fluss der Frauen“: Die Darstellung und Behandlung von
Menstruationsbeschwerden in ausgewählten Werken der graeco-islamischen
Medizin

Menstruationsbeschwerden unterscheiden sich in weiblicher Wahrnehmung und männlicher Darstellung sehr stark. Dieser Vortrag widmet sich der Frage, wie die zumeist männlichen Autoren der graeco-islamischen Medizin mit diesem Thema umgehen. Dabei ist zunächst von Interesse, wie die Beschwerden eingeordnet und dargestellt werden. Werden sie als Krankheit (oder zumindest krankhafter Zustand) angesehen, die geheilt und behandelt werden kann? Oder gelten sie als als natürliche Begleiterscheinung des weiblichen Zyklus, als Symbol der Fruchtbarkeit und Weiblichkeit, die eine Frau „aushalten“ muss?

Welche Behandlungsempfehlungen gibt es? Unterscheiden sich die Behandlungsmethoden der griechischen Autoren nennenswert von denen der arabisch- und persischsprachigen? Dabei ist vor allem die Frage von Bedeutung, ob vorwiegend pharmazeutisch behandelt wird oder auch andere Umweltfaktoren wie die der asbāb-e sitta-ye żarūriyya in die Linderung der Beschwerden mit einbezogen werden. Dies würde den Schluss nahelegen, dass auch eine psychosomatische Komponente von Menstruationsbeschwerden erkannt wird.

Dieser Vortrag gibt anhand ausgewählter Werke der graeco-islamischen Medizingeschichte einen kurzen Überblick über den Wandel in Darstellung und Therapie der Menstruationsbeschwerden.

Kurz, Susanne: Auch die Lust hat ihren Zweck: Ethik und Medizin in indo-persischen
erotologischen Werken

Lust ist zweckfrei, möchte man meinen. Daß dem nicht so ist, wenn es nach den Autoren erotologischer Abhandlungen im Indien der Moguln geht, zeigt dieser Vortrag. Er präsentiert Ergebnisse noch laufender Forschung über indo-persische erotologische Abhandlungen in der Tradition des Kōkā Shāstra und befaßt sich mit der Zweckbestimmung von Lust und Geschlechtsverkehr vornehmlich in der Żiyāʾ-e Naḫšabī (st. 1250) zugeschriebenen „Übersetzung“ des Kōkā Shāstra ins Persische. Schon der Titel Laẕẕat un-nisāʾ lädt zu Interpretationen ein: „Lust der/an/durch Frauen“. Das Werk liegt in zahlreichen Handschriften vor, und gerade in den jüngeren Handschriften läßt sich meist eine wachsende Nähe zu Inhalten der graeco-islamischen Medizintradition feststellen. Zugleich enthält das Werk von Anfang an Vorstellungen, die dem Bereich der Ethik zuzuordnen sind, insbesondere zur Rolle der Frau in Ehe und Gesellschaft. Diese aus der indischen Tradition des Kōkā Shāstra stammende Eigenart geht zwar in einigen jüngeren Handschriften im Umfang zurück, verschwindet aber nie völlig und wird gelegentlich durch Zitate aus bekannten muslimischen Ethiktraktaten ersetzt. Um diese Kombination von Elementen zweier Wissensfelder zu analysieren, werden medizinische und ethische Werke in persischer Sprache herangezogen, die den Verfassern der verschiedenen Versionen des Werkes bekannt waren. Dabei treten die im mogulzeitlichen Indien herrschenden Vorstellungen über Lust, Geschlechtsverkehr und Geschlechterbeziehungen deutlicher hervor. Lust und Geschlechtsverkehr, soviel wird klar, wurden sowohl in der Medizin als auch in der Ethik und sogar in den verbreiteten Ratgebern zur Erotik unverkennbar weiter reichenden Zwecken untergeordnet. Von zweckfreier Lust kann also keine Rede sein.

Preckel, Claudia: Zwischen Ritual, Reinheitsvorschrift und Krankheitsprävention: die
Beschneidung von Jungen (ḫitān)

Im Sommer 2012 wurde nach einem Gerichtsurteil in deutschen Medien das Thema Beschneidung von Jungen kontrovers diskutiert: Scheinbar unversöhnlich standen sich die Grundrechte der religiösen Glaubensfreiheit und des Kinderschutzes gegenüber.

Die Vertreter der muslimischen und jüdischen Glaubensgemeinschaften ließen in der Diskussion keinen Zweifel daran, dass in den abrahamitischen Religionen eine Beschneidung aus religiösen Gründen zwingend erforderlich ist. Muslimische Quellen des islamischen Rechts oder der Prophetenmedizin (ṭibb-i nabawī) haben diese Notwendigkeit niemals in Frage gestellt.

Doch was wird tatsächlich in den islamischen Quellen aus den genannten Bereichen über die Beschneidung gesagt? Der Vortrag untersucht die folgenden Fragestellungen: welche Rolle wird der Beschneidung von Jungen und Männern (ḫitān, ḫutna) in Fatwā-Sammlungen bezüglich des Konzepts der Reinheit (ṭahāra) zugewiesen? Was wird in der ḥadīṯ-Literatur in Bezug auf die Beschneidung des Propheten Muhammad geschrieben? Welche Altersgrenzen für die Beschneidung werden genannt? Liegen auch aus nicht-islamischen Quellen Erkenntnisse zur Praxis der Zirkumzision primär in Südasien vor?

Im letzten Teil des Vortrages soll verstärkt auf die graeco-islamische Medizinliteratur Südasiens seit dem 19. Jahrhundert eingegangen werden. Dort soll untersucht werden, welche medizinischen Argumente zur Notwendigkeit der Beschneidung, z.B. für die Prävention der Übertragbarkeit verschiedener Krankheiten, angeführt werden.

Reichmuth, Stefan: Wege der Melancholie: psychosomatische Konzeptionen in der graecoislamischen
Medizin in Südasien

Das Krankheitsbild der Melancholie, die in der älteren medizinischen Lehre von den Körpersäften mit dem übermäßigen Einfluss der schwarzen Galle in Verbindung gebracht wird, prägte für lange Zeit den Zugang zu seelischen Leiden in Medizin und Kultur in Europa wie in der islamischen Welt. In der Schulmedizin wurde es nur sehr langsam von anderen Begriffen für „nervöse“, „depressive“ oder „bipolare“ Störungen ersetzt und schließlich fast verdrängt. Es bleibt dabei im alltäglichen Sprachgebrauch vielfach weiterhin lebendig. Die graeco-islamische Medizin (ṭibb, ḥikmat, Unani Tibb oder Eastern Medicine) in Südasien und in der südasiatischen Diaspora beschreibt und behandelt nach wie vor die „Melancholie“ im Rahmen der Störung des Säftehaushaltes im menschlichen Körper. In der Gegenwart ist jedoch bei ihren Vertretern eine Verschmelzung von psychosomatischen Krankheitsbildern unterschiedlicher Herkunft feststellbar, derer sie sich in Lehre und Praxis wie auch in der Werbung für ihre Pharma-Produkte bedienen. Zugleich wurden seit den fünfziger Jahren in Indien und Pakistan verschiedene Versuche unternommen, die naturwissenschaftlichen Grundlagen der medizinischen Säftelehre neu zu bestimmen und sie z.T. auf eine erweiterte kosmologische, dabei stark religiös und moralisch geprägte Basis zu stellen. Dies betrifft auch die Deutung und Behandlung psychischer Leiden. Der Vortrag präsentiert hierzu Befunde einer aktuellen Feldforschung und diskutiert sie im Kontext des medizinischen Pluralismus in Südasien.

Rosenbaum, Johannes: Ehe, Sexualität und Macht – Deutungshoheit über Ehenormen in indo-islamischen Ratgebern

Ratgeber als Quelle für Sozial- und Emotionengeschichte sind erst in den letzten Jahren wieder verstärkt in den Blick der Forschung gerückt, meist aus der Perspektive der Genderforschung. Gefragt wird dabei nach dem modus operandi der Diskurse über Geschlechterrollen in Familie, Öffentlichkeit und im Bereich der Bildung. Bis in die jüngste Zeit stand in Bezug auf Südasien das 19. und frühe 20. Jahrhundert im Mittelpunkt des Forschungsinteresses. Neuere Entwicklungen in der Ratgeberliteratur blieben bisher weitgehend unberücksichtigt. Daher konzentriert sich der Vortrag auf Argumentationsstrukturen in ausgewählten Urdu-Ratgebern der letzten 60 Jahre. Wie werden Autorität und Geltungshoheit für islamische Ehe- und Sexualitätsnormen im Minderheitenkontext der indischen islamischen Gemeinde vermittelt und gegen alternative Normsysteme verteidigt? Neben den rechtlichen Ausführungen ist von besonderem Interesse ist, wie ethische und emotionale Normen präsentiert und eingeschrieben werden. Erschöpft sich die Argumentation in einer bloßen Auswahl aus dem Fundus von Koran, Hadith und Rechtsschulgelehrsamkeit? Die Ratgeberautoren, zumeist Ulama und Ärzte, nutzen eine große Bandbreite an rhetorischen Mitteln. Dazu zählen unter anderem apologetische Appelle, autobiographische Erzählungen und Bezüge auf die Wissenschaften. In der Aufzählung klingt bereits an, dass sich die Argumentationsstrategien mitunter stark unterscheiden; ebenso die vertretenen Normen. Sollen minutiöse Handlungsanweisungen das Ehe- und Sexualleben ritualisieren und sunnatisieren oder den Lesern ein allgemeiner ethischer Handlungsfaden an die Hand gegeben werden?