Panel: Gegenwärtige Transformationsprozesse im islamischen Denken – Wechselwirkung, Rezeption und Reflexion

Schedule

Room: F 1, 1. OG, Fürstenberghaus
day time    
Fr 13:30-14:00 Hefny Grundfreiheiten in der ägyptischen Verfassung von 2012
Fr 14:00-14:30 Abdallah Der Arabische Frühling: Transformation und Glaubensfreiheit zwischen Universalität und partikularer Kontextualität
Fr 14:30-15:00 Mudhoon Islamisches Reformdenken nach dem arabischen Frühling
Fr 15:00-15:30 Abd-Elsalam Al-Azhar-Dokumente zur ägyptischen Revolution als theologischer Text

Panel leader:

Ahmed M. F. Abd-Elsalam, Assem Hefny

Panel description:

Seit 2010 befindet sich die islamische Welt in einer Stimmung des politischen Umbruchs. Aufstände führten zum Sturz der bisherigen regierenden Elite und öffnete die Tür für neue politische Akteure, Staat und Gesellschaft neu zu gestalten. In den ausgefochtenen Debatten um die Gestaltung neuer Regime spielt das Verhältnis zwischen Religion und Gesellschaft eine zentrale Rolle.
Das Panel diskutiert die Ansätze einer beobachteten Wende im muslimischen Denken aus verschiedenen Perspektiven.

Das Panel gehört zu einer Kolloquiumsreihe mit dem gleichen Titel, die in Kairo, Münster und Tunis vom ZIT-Münster organisiert in den Jahren 2013/14 stattfindet.

Section:

Islamic Studies

Abstracts of the individual presentations:

Abd-Elsalam, Ahmed M. F.: Al-Azhar-Dokumente zur ägyptischen Revolution als theologischer Text

Ägypten ist eine traditionelle Gesellschaft im Umbruch. Als eine traditionelle Gesellschaft stellen Religion und Moral die Grundreferenzen der Handlung der Mehrheit der Bevölkerung dar. Als Umbruchsgesellschaft ist eine gewisse Tendenz der Verweltlichung des Denkens vorausgesetzt. Denn es waren „Brot, Freiheit und Soziale Gerechtigkeit“, wonach die zornigen Demonstranten auf den Straßen und Plätzen von Kairo, Alexandria, Damanhur, Mehalla und Suez sowie in vielen anderen Städten Ägyptens am 28.01.2011 riefen. Keiner verlangte zu diesem Zeitpunkt nach Gottes Staat oder Gottes Gerechtigkeit. Trotzdem fragten die Ägypter – egal ob Muslim oder Christ – laut nach der Al-Azhar und wo sie sich als die größte religiöse Institution der islamischen Orthodoxie weltweit bezüglich der Ereignisse positionierte. Zunächst reagierten Al-Azhar und ihre Gelehrtenführung mit Verzögerung. Allerdings, als sich die Diskussionen um die Verfassungsänderung und die Scharia nach dem Sturz des Mubarak-Regimes zuspitzten, entwickelte sich die selbstinszenierte Rolle der Al-Azhar vom Mediator und Vermittler zwischen den politischen Parteien und Akteuren zunächst zu einem politischen Akteur und zum Schluss zu einem in der letzten Verfassung verankerten staatlichen Organ der Legislative und der religiösen Kontrolle und Autorität.

Während dieses Prozesses und in ihrer selbstdefinierten Funktion als nationaler Vermittler zwischen den Fronten, erstellte Al-Azhar mit der Hilfe eines Arbeitskreises – einer Gruppe von religiösen Gelehrten und säkularen Intellektuellen und Aktivisten – eine Reihe von Dokumenten und Erklärungen, die die Grundrechte der Ägypter und die künftige Identität des Landes manifestieren sollten.

In diesem Beitrag werden die Fragen gestellt: Können wir die Al-Azhar-Dokumente als religiöse Schriften betrachten und wenn ja wie können wir sie als theologische Texte lesen und interpretieren.

Abdallah, Mahmoud: Der Arabische Frühling: Transformation und Glaubensfreiheit zwischen Universalität und partikularer Kontextualität

Mit dem Arabischen Frühling sind neue Hoffnungen entstanden und alte ins Leben gerufen worden, vor allem Hoffnungen auf Glaubensfreiheit. Diese Hoffnung gilt interessanterweise sowohl für Muslime als auch für Nicht-Muslime. Denn unter den alten Regimen Ägyptens, Tunesiens und Libyens wurde den Muslimen keine uneingeschränkte Religionsfreiheit gewährt. Obwohl die Quelle der Inspiration für die Frühlingsstaaten, die sich auf den Weg Demokratie machen wollen, nicht das Streben nach Religionsfreiheit war, könnte das nun entstehende Ausmaß Religionsfreiheit als Indikator für die Qualität der Transformation in den arabischen Ländern angesehen werden.

In meinem Vortrag versuche ich, die Entwicklung in Ägypten als Musterbeispiel für die Länder, in denen die Islamisch-orientierten Parteien an die Macht kamen, zu verfolgen. Denn das neue Regime, das behauptet, es wolle den Weg zu Demokratie und sozialer Marktwirtschaft sichern, scheint keinesfalls an der alten fragilen Stabilitätslogik zu rütteln und instrumentalisiert weiterhin die Religion. Unter diesen Umständen erscheint keine Konfliktlösung in Sicht. Von demokratischen Grundsätzen wie Minderheitenschutz, Religion- und Pressefreiheit ist Ägypten meilenweit entfernt. Deswegen plane ich den politischen Diskurs der Regierungspartei nach der Revolution im Rahmen des geplanten Vortrags zu erörtern. Dabei unterziehe ich insbesondere die Begriffe Umma und Gemeinschaft, sowie deren Wechselbeziehung einer genaueren Untersuchung.

Die Themen Demokratie und Glaubensfreiheit stellen für Muslime eine apologetische und eine polemische Situation dar. Apologetisch deshalb, weil sich Muslime gegen Unterstellungen und Vorwürfe verteidigen müssen. Polemisch deshalb, weil sie dabei dazu neigen, Vorwürfen auszuweichen oder sie zurückzugeben, statt die Diskussion auf einer inhaltlich-sachlichen Ebene zu führen. Und gerade dies habe ich vor. Es wird geprüft werden, ob die Regierungspartei Ägyptens mit ihrer jetzigen Politik in eine Sackgasse der Ab- und Ausgrenzung fährt, oder ob sie sich in das säkular-demokratische System einfügt und es schafft, mit einer klugen, kompromissbereiten Politik ihre eigene Gemeinschaft zu retten. Denn das Streben nach kultureller Selbstbestimmung und Authenzität wird nicht mit mehr unterdrückt; es kommt aber darauf an, wie sie beide inhaltlich gefüllt werden.

Hefny, Assem: Grundfreiheiten in der ägyptischen Verfassung von 2012

Formal gesehen garantiert die neue ägyptische Verfassung die Grundfreiheiten. Der Artikel 43 sieht Glaubensfreiheit vor, verpflichtet aber den Staat, die Freiheit der Ausübung von religiösen Zeremonien sowie des Baus von Gebetsstätten nur den Anhängern einer himmlischen Religion zu garantieren. Dies bezieht sich nach muslimischem Verständnis nur auf den Islam, das Christentum und das Judentum. Dazu ist dem Artikel 219, der als Interpretation des Artikels 2 gilt, zu entnehmen, dass Schiiten mit Sunniten rechtlich nicht gleichzustellen sind. Somit ist die Glaubensfreiheit nur auf bestimmte Anhänger einer Buchreligion beschränkt, was ihrem Sinn widerspricht. Ferner wird Meinungsfreiheit in Artikeln 45 und 46 betont, jedoch durch Artikel 44 indirekt eingeschränkt. Der Vortrag setzt sich mit den Artikeln in Bezug auf die Grundfreiheiten auseinander und versucht eine Antwort auf folgende Fragen zu geben:

  • Inwieweit ist die neue ägyptische Verfassung islamistisch?
  • Welche Rolle würden Religionsgelehrte gemäß der neuen Verfassung bei der Gesetzgebung spielen?
  • Könnte die Ausübung der einen oder anderen Grundfreiheit laut der neuen Verfassung strafbar sein?
Mudhoon, Loay: Islamisches Reformdenken nach dem arabischen Frühling

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