Panel: Mediatisierung religiöser und ethnischer Identität in Südasien

Schedule

Room: F 5, 2. OG, Fürstenberghaus
Day Time    
Tue 09:00-09:30 Buß Ethnizität und nationale Identität im Spiegel der nepalischen Tagespresse
Tue 09:30-10:00 Frese Neue Medien, neue Identitäten: Telugu im 19. Jahrhundert
Tue 10:00-10:30 Kleinsorge Die Bhagwan-Kontroverse: Mediale Konstruktion von Nonkonformismus in Indien - Cancelled
Tue 10:30-11:00 Break
Tue 11:00-11:30 Zeiler Mediatisierung südasiatischer Identität im globalen Kontext: Neue Medien und Aushandlungen hinduistischer Identität
Tue 11:30-12:00 Brandt Die Aushandlung der Nationalidentität Bangladeschs in den Medien und auf der Straße
Tue 12:00-12:30 Schleiter “Stammes”-Bewusstsein auf VideoCD? Alltagskultur, „vernakulare“ Spielfilme und die mediale Formierung einer “indigenen” Gruppe Südasiens am Beispiel der Santal

Panel leader:

Johanna Buß, Xenia Zeiler

Panel description:

Mediatisierungsprozesse und generell Massenmedien, insbesondere Neue Medien, spielen zunehmend eine einflussreichende Rolle in Herausbildung und Verhandlung von religiöser und ethnischer Identität in Südasien. Im Panel stehen Agenden, Akteure, Strategien und (Wechsel-)Wirkungen dieser Prozesse im Mittelpunkt. Die Beiträge aus verschiedenen Regionen Südasiens sollen darüber hinaus eine vergleichende Perspektive eröffnen.

Sections:

Indology and South Asian Studies

Abstracts of the individual presentations:

Brandt, Carmen: Die Aushandlung der Nationalidentität Bangladeschs in den Medien und auf der Straße

Als am 5. Februar diesen Jahres das erste Urteil gegen sogenannte Kriegsverbrecher von 1971 fiel, rea­gierten Tausende der als oft unpolitisch deklarierten jungen Bevölkerung Bangladeschs mit der spontanen Besetzung einer der wichtigsten Kreuzungen der Hauptstadt Dhaka. Die Organisation dieses spontanen Protests fand mehrheitlich mit Hilfe sozialer Netzwerke und Blogs im Internet statt, die generell wichtige Plattformen für Identitätsverhandlungen im gegenwärtigen Bangladesch sind.

Neben der Kritik an den als zu mild empfundenen Urteilen, verbunden mit der Forderung nach der Todesstrafe, haben sich die Proteste mittlerweile zu einer Bewegung entwickelt, die auf der Straße, in Massenmedien und sozialen Netzwerken versucht, die Nationalidentität Bangladeschs mit Blick auf die säkulare Vergangenheit neu zu definieren. Anhänger und Sympathisanten der verurteilten Kriegsverbrecher reagieren mit friedlichen und gewalttätigen Protesten und Gegenentwürfen, in denen die islamische Identität Bangladeschs betont wird.

In dem Vortrag sollen sowohl die wichtigsten Ereignisse, die Akteure, deren unterschiedliche Strategien und Instrumente als auch die divergierenden Vorstellungen zur Nationalidentität Bangladeschs diskutiert werden. Hierbei werden vor allem Begriffe und Konzepte wie Bengalentum – Islam, Säkularismus – Fundamentalismus, Stadt – ländlicher Raum, nichtorga­nisierte Jugend – etablierte Parteien und Internet – Moschee als Organisationsräume gegenübergestellt.

Buß, Johanna: Ethnizität und nationale Identität im Spiegel der nepalischen Tagespresse

Die Debatte um die Rechte ethnischer Gruppen in Nepal hat sich seit der Wahl zur verfassungsgebenden Versammlung im April 2008 weiter verstärkt. Die rechtzeitige Verabschiedung der Verfassung ist nicht zuletzt an dem Unvermögen der gewählten Repräsentanten gescheitert, angesichts der multiethnischen Zusammensetzung Nepals einen Konsens hinsichtlich Struktur und Kompetenz der neu zu etablierenden Bundesstaaten zu erreichen. Die sich ebenfalls seit 1990 stark entwickelnde Tagespresse trägt ihren Teil dazu bei, die Debatte zu beeinflussen. Den Zeitungen wie auch anderen Massenmedien wird vielfach vorgeworfen, durch die Auswahl ihrer Mitarbeiter alte Herrschaftsstrukturen zu perpetuieren, die sich wiederum in der Wahl der Themen und Form der Berichterstattung auswirkt.

In dem Vortrag werde ich anhand einer Analyse der wichtigsten Tageszeitungen Nepals untersuchen, wie sich die Diskurse über Ethnien, Ethnizität und nationale Identität in den letzten Jahren entwickelt haben und beleuchten, ob und wie sich die ethnische Zugehörigkeit der Journalisten in diesen Diskursen widerspiegelt.

Frese, Heiko: Neue Medien, neue Identitäten: Telugu im 19. Jahrhundert

Im 19. Jahrhundert entsteht in den Telugu-sprachlichen Regionen des indischen Subkontinents durch ein bemerkenswertes Missverständnis eine neue Form des Telugu, die es so zuvor nicht gegeben hatte. In einer Zeit, in der Bücher noch rar und die Möglichkeiten, sich medial auszudrücken, begrenzt sind, wird dieses Telugu vorwiegend in Zeitschriften verwendet, und es ist auf diese Weise Experiment und „diskursiver Motor“ zugleich. Denn das neue Telugu, das eine neue Ära in der Telugu-Literatur einläutet, differenziert Identitäten, religiöser und sozialer Natur. Diese Prozesse sollen in diesem Beitrag skizziert werden.

Schleiter, Markus: “Stammes”-Bewusstsein auf VideoCD? Alltagskultur, „vernakulare“ Spielfilme und die mediale Formierung einer “indigenen” Gruppe Südasiens am Beispiel der Santal

In der vergangenen Dekade haben populäre Low-Budget Spielfilme in der “indigenen” Sprache Santali über das Medium VCD („Video Compact Disc“) eine erhebliche Verbreitung in den indischen Bundesstaaten West-Bengalen, Odisha und Jharkhand gefunden, und gelangen darüber hinaus zu Orten fernab, beispielsweise nach Assam oder Bangladesh. Diese Entwicklungen stehen im Zusammenhang mit der Entfaltung zahlreicher kommerzieller Spielfilm-Zirkulationen auf VCD in „indigenen” Sprachen Südasiens. In Studien zu Veränderungen der Identitätsbildung “indigener” Gruppen infolge der Beliebtheit solcher VCD-Filme wird herausgestellt, dass regionalsprachliche Filme – ähnlich wie populäre Filme der großen Kinoindustrien Südasiens – den Filmbetrachtern hybride Identitätsentwürfe einer “indigenen” Zugehörigkeit und zugleich einer “Modernität” ihrer Gruppen bereitstellen.

Auf der Grundlage von translokalen ethnographischen Feldstudien mit Angehörigen der Santal in einem Dorf in Odisha, in der Metropole Kolkata und in der Konfliktregion Assam werde ich einer einheitlichen Bedeutung hybrider Identitätsentwürfe in diesen Filmen – in welchen “traditionelle” Elemente wie Heiratsgebräuche mit trendigen Visualisierungen verknüpft werden – für die Formierung einer Santal-Identität widersprechen. Bei Beamten von Santal-Herkunft in Kolkata steht beispielsweise die Praxis der negativen Kritik der Filme bei Versammlungen von Santal-Traditionsvereinen oder auch in Alltagsgesprächen im Mittelpunkt der Identitätsbildung. In ländlichen Kontexten in Odisha hingegen ist das Schauen von Santali-Spielfilmen im Rahmen von Video-Nächten in kulturelle Vorstellungen zu dort beliebten Tanzfesten eingebettet. Somit formiert sich, so mein Argument, eine transregionale Zusammengehörigkeit der Santal über eine jeweils unterschiedliche mediale Praxis in den untersuchten settings. Ich werde dann weiter aufzeigen, dass eine solche mediale Identitätsbildung vor allem von der jeweiligen lokalen Alltagskultur (beispielsweise Tanzfeste) geprägt ist und teils auf der Übernahme der Identitätsbildungspraxis anderer Bevölkerungsgruppen einer Region beruhen kann.

Zeiler, Xenia: Mediatisierung südasiatischer Identität im globalen Kontext: Neue Medien und Aushandlungen hinduistischer Identität

Mediatisierungsprozesse und ihre Relevanz auch für südasiatische religiöse Akteure – in Südasien selbst und in der weltweiten südasiatischen Diaspora – intensivieren und entwickeln sich in der Gegenwart kontinuierlich und werden zunehmend als wichtige Forschungsfelder wahrgenommen. Auch Aushandlungen hinduistischer religiöser, kultureller und gesellschaftlicher Identität finden zunehmend in mediatisierten Kontexten statt. Aktuelle Entwicklungen verweisen auf eine verstärkte (häufig bewusste und/oder gesteuerte) Nutzung von modernen Massenmedien als Plattform für Legitimierungen und Propagierungen (selbsternannter) hinduistischer Autoritäten und deren Agenden, unter anderem Propagierungen ‚hinduistischer’ Identität betreffend. Für solche „Agenda-Setzungen“ werden neben dem Internet v.a. in der hinduistischen Diaspora wachsend auch andere Mediengattungen instrumentalisiert.      

Dieser Vortrag thematisiert mediatisierte globale Aushandlungen südasiatischer ‚hinduistischer’ Identität unter Betonung der Rolle hinduistischer Diaspora. Er analysiert die von einer hinduistischen Gruppierung in den USA entfachte, erhitzte Internetdebatte um Repräsentationen der hinduistischen Gottheit Hanumān im weltweit ersten durchgängig auf hinduistischer Mythologie basierenden Computerspiel, „Hanuman: Boy Warrior“ (SONY 2009), und zeigt die impliziten Aushandlungen hinduistischer Identität in dieser Debatte auf. Dabei wird auch die Rolle der Debatte als Identitätsmarker für eine ausgewählte hinduistische Gruppierung und ihre Vormachtsansprüche als globale hinduistische Autorität untersucht. Zuletzt soll die zunehmende Bedeutung von Neuen Medien und insbesondere von digitalen Medien in Südasien und in der südasiatischen Diaspora hervorgehoben werden. Wie das gewählte Beispiel verdeutlichte, beeinflussen sie religiöse, kulturelle und soziale Transformationen in ihrer Gesamtheit und tragen dabei auch zur (Neu)Gestaltung und (De)Konstruktion religiöser Identität bei.