Abstracts Historical Anthropology and Material Culture

Schedule

Room: F 104, 1. OG, Fürstenberghaus
day time    
Tue 09:30-10:30 Walker Islamic Archeology – Theoretical Approaches, Methodological Challenges, Innovative Perspectives
Tue 10:30-11:00 break
Tue 11:00-11:30 El Bulbeisi Zum Verhältnis von Trauma und Identität: Subjektkonstruktionen von Palästinensern in der westlichen Diaspora
Tue 11:30-12:00 Hoffmann-Ruf Al Mansura am Rhein: Die Briefe des Bonner Orientalisten Johann Gustav Gildemeister (1812-1890) als Quelle zur Fachgeschichte
Tue 12:00-14:00 lunch break
Tue 14:00-14:30 Yamanaka ‘Aja’ib as discourse on cultural relativism? A comparative study of Persian, Arabic, European and Chinese marvel literature
Tue 14:30-15:00 Brinkmann Ein vernachlässigtes Getränk – Bier in den ersten Jahrhunderten islamischer Herrschaft
Tue 15:00-15:30 Zabrana Verlassene Nubische Dörfer in Oberägypten – Materielle Kultur in Sozialanthropologischen Feldstudien
Tue 15:30-16:00 break
Tue 16:00-16:30 Maizou / Müller Oya – Dekoration und non-verbale Kommunikation in der türkischen Volkskunst
Tue 16:30-17:00 Christensen Syncretism and Expertise: Approaches to Architecture in the German Construction of the Ottoman Rail Network, 1868-1919

Relevant interdisciplinary panels:

Ästhetik und Oralität

Geschichtsschreibung zwischen Wissenschaft und Ideologie

Ideology and practice between Mongol and Chinese traditions: new perspectives on the Yuan Dynasty

Körper, Sexualität und Medizin in islamisch geprägten Kulturen

Privat-öffentlich-virtuell-imaginär: Soziale Ordnungen des Raums im Wandel - cancelled

Sex and Gender in Medieval Europe and the Middle East: Contributions to a Transcultural History of Concepts

 

Abstracts of the individual presentations:

Brinkmann, Stefanie: Ein vernachlässigtes Getränk – Bier in den ersten Jahrhunderten islamischer Herrschaft

Obwohl man gemeinhin schneegekühlten Wein mit gehobenen Weinzeremonien verbindet, erwähnt aḏ-Ḏahabī (gest. 748/1348) in seinem Geschichtswerk ein schneegekühltes Bier, das neben Obst und Gerichten gereicht wird. Doch fehlen zum Bier vergleichbare eigenständige adab-Abhandlungen wie jene zum Wein oder eine (mengenmäßig) vergleichbare symbolgeladene dichterische Repräsentation; und da die Bierherstellung an Getreideanbau und/oder den Backprozess gebunden war, sind detaillierte Anweisungen, wie wir sie zum Weinanbau haben, obsolet.

Vor allem in den vergangenen drei Jahrzehnten ist das Interesse an Ess- und Trinkkultur in der Islamwissenschaft gewachsen, wobei die Esskultur das dominierende Forschungsfeld darstellt. Landwirtschaft, Kochkultur, Konsum und Handel werden dabei auf der Grundlage einer Vielzahl von Quellen und methodischen Zugängen untersucht. Im Kontext der Getränkekulturen ist es in erster Linie die Weinkultur, die eine gewisse Aufmerksamkeit erfahren hat. Das Bier hingegen galt im Vergleich zum eher elitären und symbolgeladenen Wein als minderwertig. Anders als in der Altorientalistik und der Ägyptologie wurde Bier, obgleich auch unter islamischer Herrschaft im Alltag konsumiert, von der islamwissenschaftlichen Forschung vernachlässigt.

Der Vortrag setzt sich daher zum Ziel, anhand verschiedenster Quellen und unter Berücksichtigung der landwirtschaftlichen und kulinarischen Entwicklung einen Einblick in Zutaten, Herstellung und Konsum in den ersten Jahrhunderten der islamischen Geschichte zu versuchen und einige ausgewählte literarische Repräsentationen vorzustellen. Ausgangspunkt sind die kanonischen sunnitischen und schiitischen Ḥadīṯwerke und die darin belegten Bierbezeichnungen als Quelle zur materiellen Kultur.

Christensen, Peter: Syncretism and Expertise: Approaches to Architecture in the German Construction of the Ottoman Rail Network, 1868-1919

Based upon research conducted for my dissertation, this paper will describe the various contingent and ideological conditions surrounding the construction of various works of architecture built for or in tandem with the German construction of the Ottoman rail network, namely the Baghdad and Hejaz Railways. This includes myriad train stations, consulates, housing and working buildings at archaeological dig sites, worker villages and barracks, hospitals, banks, memorials, cemeteries, warehouses and other industrial facilities. In addition to presenting unpublished archival sources illuminating the building process, this paper will illuminate how the German economic and political interest at the foundation of the development of rail in the Ottoman Empire did or did not dovetail
with pre-existing domestic forms of orientalist knowledge, particularly in architecture. In certain cases, the “synthesis” of oriental or Islamicate forms in new architecture mapped as many of the intellectual and creative goals of their German designers as they did the projective wishes and self-indexical ideas of their Ottoman clients and subnational interlocutors. Particular attention will be paid to the tactical agency of non-architect workers who made several design decisions in situ – from Italian and Armenian masons to Turkish carpenters and Australian prisoners of war. This paper will present a wide range of visual materials – both found in archives in Germany, Austria, England and Turkey as well as in site work – in tandem with written records from an array of political, cultural and economic institutions.

El Bulbeisi, Sarah: Zum Verhältnis von Trauma und Identität: Subjektkonstruktionen von Palästinensern in der westlichen Diaspora

Der Vortrag soll Einblick geben in ein laufendes Dissertationsprojekt, das sich mit der Lebenswelt von Palästinensern in der Schweiz auseinandersetzt, und zwar der ersten, nach Westeuropa migrierten wie auch der zweiten, in der Diaspora aufgewachsenen Generation.

Ausgehend von Lebensgeschichten (biographisch-narrativen Interviews) befasst es sich mit den Spannungen zwischen der (Familien-)geschichte der Akteure, die von Erfahrungen der Vertreibung und Enteignung geprägt ist, und der Überformung dieser Erfahrung in der westeuropäischen Repräsentation des „Nahostkonflikts“ sowie dessen zionistischer Darstellung, die lange Zeit den öffentlichen Diskurs in der Schweiz dominierte. Es interessiert dabei das Feld des subjektiven Erlebens, der (tradierten) Erfahrung der Eltern, des Kanons verschiedener kultureller Gedächtnisse und der dominanten Diskursformationen über den Nahostkonflikt. Ich untersuche, wie die Akteure in diesem Kontext gesellschaftliche Wirklichkeit deuten und individuelle Subjektpositionen einnehmen. Damit soll ein Beitrag zur Frage der Selbst-Ermächtigung aus Positionen der kulturellen und politischen Subalternität geleistet werden.

Methodisch versucht das Projekt, Konzepte der Diskurs- sowie der Psychoanalyse zu nutzen und den in der Alltagsgeschichte zentralen Begriff der Erfahrung einerseits durch symbolische Strukturen, das heisst vor allem Diskurse, und andererseits durch den psychoanalytischen Begriff des Unbewussten zu relativieren.

Im Vortrag betrachte ich zentrale Erfahrungen in den Erzählungen der Akteure der ersten Generation wie beispielsweise den Topos der Gewalt. Ausgehend von den narrativen Strukturen und diskursiven Prägungen und der Frage, wie diese Erfahrungen in Beziehung zu Selbstdeutungen und kollektiven Überlieferungen gesetzt werden, sollen individuelle Sinnstiftungen und ihre Funktion bei der Gestaltung des autobiographischen Lebensentwurfs herausgearbeitet werden.

Hoffmann-Ruf, Michaela: Al Mansura am Rhein: Die Briefe des Bonner Orientalisten Johann Gustav Gildemeister (1812-1890) als Quelle zur Fachgeschichte

Im Besitz des Universitätsarchivs Bonn befinden sich über 900 Briefe des Bonner Orientalistik-Professors Johann Gustav Gildemeister (1812-1890). Dieser Bestand umspannt den Zeitraum von 1831 bis 1888, d.h. rund 57 Jahre.

Mit den Gildemeister-Briefen liegen uns Zeugnisse aus einer Zeit vor, in der sich das Fach Orientalistik als „Philologie der Orientalischen Sprachen“ noch in seiner Entstehung befand. Gildemeister ist jener frühen Generation moderner Orientalisten zuzurechnen, die maßgeblich daran beteiligt waren die orientalische Philologie aus ihrer (geistigen und institutionellen) Abhängigkeit von der Theologie zu lösen und auf ihre Etablierung als eigenständige Disziplin hinzuwirken. Durch sein Studium bei Georg Heinrich Ewald (1803-1875) in Göttingen und Georg W.F. Freytag (1788-1861) in Bonn vereinte Gildemeister in seiner Person die Ausbildung in den beiden wichtigsten deutschen Orientalistik-Schulen des frühen 19. Jahrhunderts.

Vor dem Hintergrund des in den letzten Jahrzehnten neu erwachten Interesses an der Geschichte der Orientalistik stellen die Briefe Gildemeisters somit eine bedeutende Quelle dar. Sie enthalten zahlreiche detaillierte Berichte über Gildemeisters Leben als Student, Dozent und Professor in Göttingen, Marburg und Bonn und geben dadurch Aufschluss über die Lebens- und Arbeitsbedingungen eines Orientalisten in jener Zeit. Als Selbstzeugnisse oder „Ego-Dokumente“ erlauben die Briefe darüber hinaus bemerkenswerte Einblicke in die Selbstwahrnehmung und –darstellung eines Bonner bzw. Göttinger Studenten und späteren Universitätsprofessors. Der Beitrag zielt darauf aufzuzeigen, wo die Möglichkeiten und Grenzen der Briefe als Quelle zur Fachgeschichte liegen.

Maizou, Gérard J. / Müller, Kathrin: Oya – Dekoration und non-verbale Kommunikation in der türkischen Volkskunst

Oya ist eine aus Seidenfaden mit der Nähnadel gefertigte zwei- oder dreidimensionale Spitze, die in der türkischen Volkskunst seit langem auch aus anderem Material, diversen Zusatzmaterialien und mit anderem Werkzeug hergestellt wird. Diese Spitze wird meist in Form von Bändern zur Dekoration vor allem weiblicher Kopfbedeckungen verwendet, aber auch für die Einfassung von Kleidungsstücken und für andere Accessoires.

Die Verwendung von Farben und Formen ist in ihrer Fülle kaum greifbar; hauptsächlich werden Blüten und Blätter, kleine Tiere wie Schmetterlinge, ganze Landschaften, aber auch abstrakte Muster gefertigt. Oya gelangten als Kuriositäten und Sammlerobjekte im 19. Jahrhundert in die Weltausstellungen Europas und werden in einigen Museumsdepots heute verwahrt. Oya gehörten aber in der osmanisch/türkischen Welt zu den wesentlichen Bestandteilen von Ausstreuertruhen und werden bis heute nicht nur bei Hochzeiten, sondern auch bei anderen Festen voller Stolz als Familienschatz präsentiert.

Neben einer allgemeinen Einführung in die Geschichte und Verbreitung der Oya will der Vortrag vor allem einen Aspekt beleuchten: die Verwendung von bestimmten Farben und die Bezeichnung von Oya mit Namen, welche nicht immer nur die Muster erklären. Vielmehr sind Farben, Formen und Namen häufig mit der Gedanken- und Vorstellungswelt der Mädchen und Frauen verbunden, die ihre Gefühle, wie Glück über eine Verlobung und Heirat, Enttäuschung über den Ehealltag, Verehrung für Prominente, Spott über Mißerfolge ausdrücken.

Walker, Bethany: Islamic Archaeology – Theoretical Approaches, Methodological Challenges, Innovative Perspectives

Since the 1970s Islamic archaeology has slowly emerged from the shadows of Islamic art and architecture, from which it sprang, to mature into a discipline in its own right. The increasing use of formal textual analysis, combined with lines of inquiry more properly at home in anthropology, has created a hybrid area of research. The discipline has never shed its interdisciplinarity or breadth of analysis, and thankfully so, as it is ideally positioned today to communicate among the various specializations that constitute Islamic Studies.

This plenary talk will offer thoughts on three trends in Islamic archaeology that are gaining momentum today: 1. an energized effort to study rural societies, 2. the “environmental turn”, and 3. textual approaches to the archaeological record (the “text and tell” phenomenon).  Their collective potential to bring natural science perspectives to historical anthropology and to bridge the text-material culture divide in Islamic Studies, as a whole, will be addressed.

Yamanaka, Yuriko: ‘Aja’ib as discourse on cultural relativism? A comparative study of Persian, Arabic, European and Chinese marvel literature

The desire to acquire knowledge of and visualize rare beings and unexplainable phenomena, and the longing to collect physical evidence of them have moved humans to great endeavours throughout the course of history. Descriptions about curious beings and manifestations at the borders of the known world were an important component in encyclopaedic compilations of knowledge about the human and material world in many cultures. But such “Book of Marvels” that inspired the sense of wonder also often provoked doubt and scepticism.

Compilers of these works thus often wrote prefaces that defend and legitimize the extraordinary. As a starting point, we will examine the preface to the ʿAjāyib al-makhlūqāt va gharāib al-mawjūdāt, a Persian encyclopedia from around 1160 by Muḥammad Ṭūsī, comparing it to the preface of Arabic texts such as the Tuḥfat al-albāb wa-nukhbat al-iʿjāb by Gharnati (1080-1169/70), and the ʿAiāʾib al-makhlūqāt wa-gharāʾib al-mawjūdāt by Qazwīnī (d. 1283-4). Also taken into account will be the preface in Otia Imperialia (Recreation for an Emperor) by Gervase of Tilbury (ca. 1150 – ca. 1228), and the preface added by Guo Pu (276-324) to the ancient Chinese bestiary, Shanhai jing (Guideways through Mountains and Seas). The speaker will focus on the question of the motive of narrating marvels, and the authors’ definitions of ‘ajā’ib, mirabilia, or in Chinese,  guai.

In all these prefaces, we find ideas very similar to what anthropologists of the 20th century, such as Franz Boas, would term “cultural relativism.” These mediaeval authors were aware that what people may call “strange” is not fundamentally strange in itself; that it is the biased perceptions and ignorance that make them perceive it as bizarre.

Zabrana, Lilli: Verlassene Nubische Dörfer in Oberägypten – Materielle Kultur in Sozialanthropologischen Feldstudien

Der Bau des Britischen Staudammes (1898-1902) bei Aswan in Oberägypten sowie des später errichteten Hochdammes (1960-1971) hatte eine Überflutung von großen Teilen des nubischen Siedlungsgebietes an den Ufern des Nils zur Folge, verursacht durch die Erhöhung des Wasserstandes. Während sich die Rettungsaktionen unter der Schirmherrschaft der UNESCO auf pharaonische und griechisch-römische Altertümer konzentrierten, fand das kulturelle Erbe der umgesiedelten Bevölkerung wenig Beachtung.

Ein laufendes Projekt des Österreichischen Archäologischen Institutes unter der Leitung von Pamela Rose untersucht derzeit die arabische Festung Hisn el-Bab bei Philae, welche sich auf einem Hochplateau am östlichen Nilufer befindet. Im Zuge der Erkundung der unmittelbaren Umgebung fiel die Aufmerksamkeit auf zwei verlassene nubische Dörfer, die nördlich der Festung am Fuß des steil abfallenden Hanges des Hochplateaus liegen und in traditioneller Lehmziegelarchitektur errichtet sind. Frühes Kartenmaterial und historische Fotographien belegen, dass diese Dorfstrukturen nicht vor 1895 an dieser Stelle errichtet seinkönnen, aber bereits Mitte der 1930er Jahre wieder verlassen wurden, nachdem die zweite Erhöhung des britischen Dammes im Jahr 1934 weitere Überflutungen zur Folge hatte.

Ziel des neu begonnenen Projektes ist nun die Durchführung einer kulturanthropologischen Fallstudie in diesen verlassenen Siedlungen. Die Dokumentation von Architektur mitsamt zugehörigem Fundinventar soll hinsichtlich der Frage analysiert werden, was in einer systematisch verlassenen Siedlung zurückbleibt und in wie fern die Befund- und Fundensembles auf die Lebensumstände der Bewohner schließen lassen. Darüber hinaus sollen kultur- und sozialanthropologische Feldstudien in den noch bewohnten nubischen Siedlungen in unmittelbarer Umgebung die Untersuchung vervollständigen, um jene Schlussfolgerungen, die aus der Analyse der Architektur und des Fundmaterials gezogen wurden, zu überprüfen. Durch interdisziplinäre Methodenkombination werden Standardinterpretationen hinterfragt, angepasst und korrigiert, wodurch sich eine außergewöhnliche Dokumentation nubischer Kultur ergibt. Die geplanten Forschungen stellen darüber hinaus aber einen wichtigen Beitrag zur Diskussion um kulturelle Formierungsprozesse und deren Transformation zu archäologischen Befundkontexten dar.