Pressemitteilung vom 23. September 2013

23.09.2013

Größter Deutscher Orientalistentag in Münster eröffnet

Orientforscher weisen auf Krisenbedingungen in vielen Regionen Afrikas und der arabischen Welt hin – Kulturgüter durch Kriege und Revolutionen bedroht – Trotz Gefahren geht die Erforschung der Geschichte und Gegenwart des Orients weiter

Veranstalter und Festredner des 32. Deutschen Orientalistentags (v.l.): Ägyptologin Prof. Dr. Angelika Lohwasser (DOT-Sektionsleiterin), WWU-Prorektorin Prof. Dr. Cornelia Denz, Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe, Arabist Prof. Dr. Thomas Bauer (DOT-Komitee), Sinologe Prof. Dr. Reinhard Emmerich (Leiter DOT-Komitee), Indologe Prof. Dr. Walter Slaje (Deutsche Morgenländische Gesellschaft), Indologe Prof. Dr. Oskar von Hinüber (Festredner) und Altorientalist Prof. Dr. Hans Neumann (DOT-Komitee)
(Foto: Exzellenzcluster „Religion und Politik“, Brigitte Heeke)

Rund 1.300 Orientforscher aus aller Welt sind am Montag zum größten Deutschen Orientalistentag (DOT) an die Uni Münster gekommen. Sie tauschen eine Woche lang Untersuchungsergebnisse über Länder und Kulturen in Asien, Afrika und der arabischen Welt aus. Viele der Regionen befänden sich heute in äußert schwierigen Krisen, sagte Sinologe Prof. Dr. Reinhard Emmerich, Leiter des DOT-Komitees, zur Eröffnung. In Ägypten und Tunesien etwa sei „das, was noch gestern als Frühling begrüßt wurde, heute nach Ansicht vieler mit dem Beginn eines Feuersturms gleichzusetzen.“ In Syrien, Irak oder Afghanistan wüssten Orientforscher viele Kulturstätten „in Schutt“, die sie früher untersucht und bewundert hätten. Ihre Arbeit werde jetzt oft erheblich erschwert, ihr Leben teils bedroht. Trotz allem werde die Erforschung der Geschichte und Gegenwart so vielfältiger Kulturen nicht aufgegeben. „Davon legt das DOT-Programm beredtes Zeugnis ab.“

Auch der Erste Vorsitzende der ausrichtenden Deutschen Morgenländischen Gesellschaft (DMG), Prof. Dr. Walter Slaje, wies beim Festakt im Schloss auf schwierige Arbeitsbedingungen vieler Kollegen hin, „ob in der zentralasiatischen Steppe, im Jemen, Iran oder anderen hochmilitarisierten oder gesellschaftlich explosiven Zonen Afrikas und Asiens.“ Orientforscher sähen sich „Forschungsbarrieren bis zu akuten Gefährdungen“ ausgesetzt, von denen die mit westlichen Kulturen befassten Fächer nicht einmal im Anflug berührt seien.

Beide Wissenschaftler betonten, dass sich die Orientalistik vielen Gegenwartsfragen stelle, die zu Recht politisch und medial angefragt würden. Zugleich dürfe die Grundlagenforschung über „die historischen Dimensionen und Mannigfaltigkeit der Kulturen“, ihre Sprachen, Literatur und ihr Recht, nicht aufgegeben werden. Erst aus der Geschichte lasse sich die Gegenwart verstehen, sagte Prof. Emmerich. So entstehe ein tiefer Respekt, „ein Respekt, den wir bei der Betrachtung unserer eigenen Kultur für selbstverständlich halten und auch denen abverlangen, die von außen auf uns blicken.“

Breites Themespektrum von Arabischen Revolutionen bis China

Der 32. Deutsche Orientalistentag präsentiert bis Freitag in 900 Vorträgen und 80 Panels neue Forschungsergebnisse. Das Spektrum reicht von der Grundlagenforschung über Sprachen, Literatur und Geschichte bis zu Gegenwartsthemen wie den Arabischen Revolutionen, Extremismus in Nahost, Nationalbewusstsein in China oder Sport-Vermarktung in Abu Dhabi. Ziel der Konferenz, die die DMG an der Uni Münster ausrichtet, ist der fachliche und interdisziplinäre Austausch erfahrener und junger Orientforscher. Zugleich soll der DOT dazu beitragen, Missverständnisse im hiesigen Orient-Bild auszuräumen, wie Arabist Prof. Dr. Thomas Bauer vom DOT-Komitee im Vorfeld der Eröffnung sagte. Es sei oft von Stereotypen geprägt. So herrschten Ideen vom „intoleranten Islam, geschichtslosen Afrika oder bösen China“ vor.

Die Prorektorin der WWU, Prof. Dr. Cornelia Denz, hob beim Festakt die große Internationalität des Orientalistentags hervor. Auf dem Kongress werde der Austausch mit und über fremde Kulturen auf exzellentem wissenschaftlichem Niveau gepflegt. Die Universität Münster sei in keinem anderen Bereich so international wie in der Orientalistik, die in ihren zahlreichen Fächern sehr viele Schwerpunktländer der Internationalisierung der Hochschule abdecke. Diese Vielfalt zeige auch die intensive interdisziplinäre Zusammenarbeit, die sich in den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften der WWU, auch durch den Exzellenzcluster „Religion und Politik“, etabliert habe. Die enge Kooperation unterschiedlicher Fächer und Methoden werde auch beim DOT sehr gepflegt.

Indische Inschriften und Buddhas Todesdatum

Der Freiburger Indologe Prof. Dr. Oskar von Hinüber sprach in seinem Festvortrag unter dem Titel „Mitteilungen aus einer vergangenen Welt“ über indische Buddhisten und ihre Inschriften. Die antiken Quellen böten direkte Einblicke in die altindische Politik, Religion und Kultur. So habe eine Säuleninschrift, die auf den ersten Blick bloß Spenden an den buddhistischen Orden dokumentiere, geholfen, die umstrittenen Lebzeiten Buddhas genauer zu datieren. „Da die Forschung viele andere Daten von seinem Todesdatum ableitet, sind solche Quellen von hohem Wert für die Geschichte des Buddhismus und des alten Indiens“, erläuterte der Indologe. „Viele Inschriften, die bis ins 3. Jahrhundert vor Christus zurückgehen, halten wertvolle Nachrichten bereit, die uns die Verfasser unbeabsichtigt mitteilen.“ Dafür seien die Schriften allerdings erst mühsam zu entziffern. Wer etwa die alte Brahmi-Schrift lesen wolle, müsse eine Vielzahl späterer indischer Schriften beherrschen. Viele Inschriften müssen dem Indologen zufolge immer wieder gelesen und der richtige Kontext gefunden werden. „Oft stellt sich das richtige Verständnis nur allmählich ein.“

Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe hob in seinem Grußwort die Bedeutung der Erkenntnisse der Orientalistik für den interkulturellen und wirtschaftlichen Austausch in einer globalisierten Welt hervor. „Wenn wir mit China, Indien oder der arabischen Welt politisch und wirtschaftlich harmonieren wollen, gehört dazu auch Wissen und Respekt um die jeweilige Kultur“, so Lewe. „Die heutige Politik in Asien oder im Nahen und Fernen Osten kann nur verstehen, wer sie durch die Brille dieser Kulturen betrachtet.“ Der detaillierten Erforschung dieser Kulturen nehme sich der DOT in verschiedensten Formen an. So könne die Orientalistik dazu beitragen, Antworten auf wichtige Zukunftsfragen zu geben, selbst wenn nicht jede Forschung anwendungsorientiert sein dürfe. (vvm/han/ska)

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